Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

13. Die Erzählung von dem (Liebes-)Pfeil (Kandina-Jataka)

„Ein Pfui gebührt dem Liebespfeil“

 

§A. Dies erzählte der Meister, als er im Jetavana verweilte, mit Bezug auf die Verführung durch die ehemalige Frau [1].

§D. Dies wird im achten Buche im Indriya-Jataka [Jataka 423] bekannt gemacht werden.

Der Erhabene sprach aber folgendes zu dem Mönche: „Du, o Mönch, bist schon früher einmal durch dies Weib zur Vernichtung deines Lebens gekommen und wurdest auf glühenden Kohlen gebraten.“ Die Mönche baten nun den Erhabenen, ihnen dies mitzuteilen. Und der Erhabene offenbarte die infolge einer früheren Existenz verborgene Geschichte. —

§D. Von jetzt an aber wollen wir die Bitte der Mönche und das infolge einer früheren Existenz Verborgensein weglassen und nur noch sagen: „Er erzählte die Geschichte aus der Vergangenheit [3].“ Unter diesen Worten ist die Bitte, das Gleichnis der Befreiung des Mondes von den Wolken [4] und das Offenbaren des durch eine frühere Existenz Verborgenen auf obige Art zusammengefasst. —

 

§B. Ehedem herrschte im Reiche Magadha zu Rajagaha ein König von Magadha. Zur Zeit, wo das Korn auf den Feldern stand, waren die Gazellen in großer Gefahr durch die Bewohner von Magadha. Deshalb gingen sie im Walde auf den Berg hinauf. Nun war damals ein im Walde wohnender Bergantilopenbock mit einem jungen Antilopenweibchen [4a], das in der Nähe des Dorfes weilte, vertraut geworden. Er war von dem Berge der Gazellen herabgestiegen; und als dann die Zeit kam, da die anderen wieder in die Nähe des Dorfes sich begaben, ging er mit ihnen, da sein Herz an das Gazellenweibchen gefesselt war. Da sprach dieses zu ihm: „Du, Herr, bist eine dumme Bergantilope, die Nähe des Dorfes ist voll Angst und Gefahr; gehe nicht mit uns hinunter!“ Da aber sein Herz an sie gefesselt war, kehrte er nicht um und ging mit ihnen. Nun merkten die Bewohner von Magadha: „Jetzt ist die Zeit, da die Gazellen vom Berge herabkommen“; und sie stellten sich am Wege in versteckten Hütten auf. Auch an dem Wege, den die beiden daherkamen, stand ein Jäger in seinem Versteck. Das Gazellenweibchen witterte den menschlichen Geruch und dachte: „Ein Jäger wird dastehen“; deshalb ließ es den dummen Bock vorausgehen, es selbst folgte hinten nach. Der Jäger brachte mit einem einzigen Pfeilschuss den Bock zu Fall. Als das Gazellenweibchen merkte, dass er getroffen war, sprang es mit Windeseile davon und entkam. Nun kam der Jäger aus seinem Versteck hervor, zog der Gazelle die Haut ab, machte ein Feuer und briet auf den glühenden Kohlen das zarte Fleisch. Dann aß und trank er, nahm das Übriggebliebene, von dem noch die Blutstropfen herunterrieselten, auf seiner Tragstange mit, um seine Kinder damit zu erfreuen, und ging nach Hause.

Damals hatte der Bodhisattva als eine Gottheit [5] in diesem Walde seine Wiedergeburt genommen. Als er die Sache wahrnahm, dachte er: „Der Tod dieser dummen Gazelle ist nicht durch ihre Mutter, noch durch ihren Vater erfolgt, sondern durch die Liebe. Auf dem Grund der Liebe beruht die Seligkeit für die Wesen; dabei gelangen sie dadurch zum Verlust der Glieder, ins Unglück und in das Leid, das die fünffachen Fesseln usw. verursacht [6]. Den andern Todesleid zu verursachen, ist in dieser Welt verabscheuenswert; welches Land das weibliche Geschlecht lenkt und belehrt, dies weibbeherrschte Land wird verachtet; welche Wesen sich in die Gewalt des weiblichen Geschlechts begeben, auch die werden verachtet.“ Indem er so in einer Strophe die drei Gegenstände der Verachtung zeigte, verkündete er, während die Waldgottheiten ihre Zustimmung äußerten und ihn mit Wohlgerüchen, Blumen u. dgl. verehrten, mit süßer Stimme den Wald erfüllend, mit folgender Strophe die Lehre:

§1. „Ein Pfui gebührt dem Liebespfeil,
der einen Mann so schwer verletzt;
ein Pfui gebührt dem Lande auch,
wo eine Frau die Herrschaft führt;
den Wesen auch gebührt ein Pfui,
die sich in Weibes Macht begeben.“

Indem so der Bodhisattva mit einer Strophe die drei Gegenstände der Verachtung zeigte und den Wald mit seiner Stimme erfüllte, erklärte er mit Buddha-Anmut die Lehre.

 

§A2. Als der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, erklärte er die vier Wahrheiten. Am Ende dieser Erklärung gelangte der unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung.

 

§C. Nachdem nun der Meister die beiden Begebenheiten erzählt hatte, legte er ihre Beziehung zu einander klar und verband das Jataka. —

§D. Von nun an werden wir aber die Worte: „nachdem er die beiden Begebenheiten erzählt hatte“, weglassen und nur sagen: „er legte ihre Beziehung zu einander klar“; das Ausgelassene ist aber in der oben angegebenen Art zu ergänzen. —

Dann sprach er: „Damals war die Bergantilope der unzufriedene Mönch, das Gazellenweibchen war seine frühere Frau; die Gottheit aber, die die in den Lüsten liegende Sünde zeigte und die Lehre verkündete, war ich.“

Ende der Erzählung vom Liebespfeil.


[1] D. h. durch die Frau, die die Mönche besaßen, als sie noch in der Welt lebten.

[3] Dies ist eine Bemerkung des Kommentators, dem die beständige Wiederholung derselben Eingangsformel lästig geworden zu sein scheint.

[4] Dieses Gleichnis findet sich unter anderen im Eingang zum 1. Jataka.

[4a] „Antilope“ und „Gazelle“ werden hier synonym gebraucht.

[5] Die niedrigsten Gottheiten waren an einen bestimmten Wohnsitz auf der Erde gebunden.

[6] Gemeint sind wohl die fünf Arten der Sinneslust; doch ist die Stelle nicht ganz klar.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)