Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

56. Die Erzählung von dem Goldhaufen (Kancanakkhandha-Jataka) [0a]

„Wer unbefangenen Gemüts“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er zu Savatthi verweilte, mit Beziehung auf einen Mönch. Ein zu Savatthi wohnender Sohn aus edlem Hause nämlich hatte die Predigt des Meisters gehört, sein Herz der Edelsteinlehre geschenkt und war Mönch geworden. Darauf verkündeten ihm seine Lehrer und Unterweiser die Gebote mit folgenden Worten: „Freund, von einer Art ist das Gebot, von zwei Arten, von drei Arten, von vier Arten, von fünf Arten, von sechs Arten, von sieben Arten, von acht Arten, von neun Arten, von zehn Arten, von vielen Arten. Dies ist das kleine Gebot, dies ist das mittlere Gebot, dies ist das große Gebot [1]; dies ist das Gebot der Patimokkha-Verbote [2], dies ist das Gebot der Abschließung der Sinne, dies ist das Gebot der lebenslänglichen Reinheit, dies ist das Gebot, sich des Notwendigen zu bedienen.“ Da dachte er bei sich: „Diese Gebote sind zu viele; nach so vielen Geboten kann ich mich nicht genau richten. Da ich aber die Gebote nicht erfüllen kann, was brauche ich dann Mönch zu sein? Ich will Laie werden, Almosen geben und andere gute Werke tun und Söhne und Töchter aufziehen.“ Als er aber so bei sich erwogen hatte, sprach er zu ihnen: „Herr, ich werde nicht im Stande sein, die Gebote zu halten; wenn ich es aber nicht kann, was hat dann das Mönchsein für einen Nutzen? Ich werde mich zum Niedrigen zurückwenden; nehmt Euer Gewand und Eure Schale!“ Da sprachen sie zu ihm: „Wenn es sich so verhält, dann gehe, nachdem du den mit den zehn Kräften Ausgestatteten gegrüßt hast.“ Und sie nahmen ihn mit sich und gingen zum Meister in die Lehrhalle.

Als sie der Meister sah, sprach er: „Warum, ihr Mönche, seid ihr mit diesem Mönche gegen seinen Willen hierhergekommen?“ Sie erwiderten: „Herr, dieser Mönch hat gesagt: ‘Ich werde nicht im Stande sein, die Gebote zu halten’, und hat uns Almosenschale und Gewand zurückgegeben; deshalb sind wir mit ihm hergekommen.“ Buddha fuhr fort: „Warum aber habt ihr, Mönche, diesem Mönch viele Gebote mitgeteilt? Wie viel dieser halten kann, soviel wird er nur halten. Von jetzt an sagt nichts dergleichen mehr; ich werde sehen, was da zu tun ist.“ Und er sprach zu dem Mönche: „Komm her, Mönch. Was brauchst du viele Gebote? Drei Gebote nur wirst du doch halten können.“ Er antwortete: „Ich werde sie halten können, Herr.“ „Darum bewache du von jetzt an drei Tore, das Tor des Körpers, das Tor der Sprache, das Tor des Verstandes. Tue keine böse Tat mit dem Körper, nicht mit der Rede, nicht mit dem Gedanken. Gehe, kehre nicht zum Niedrigen zurück; halte nur diese drei Gebote!“ Hocherfreut darüber sagte der Mönch: „Gut, Herr, ich werde diese drei Gebote halten“; und nachdem er den Meister gegrüßt hatte, ging er mit den Lehrern und Unterweisern fort. —

Als er nun diese drei Gebote beobachtete, erkannte er: „Von den Lehrern und Unterweisern sind mir die Gebote mitgeteilt worden; soweit aber konnten sie mich nicht erleuchten, da sie selbst nicht erleuchtet sind. Der völlig Erleuchtete aber hat infolge seiner Buddha-Erleuchtung, seiner unübertrefflichen Lehrherrschaft die so vielen Gebote auf drei Tore verteilt und sie mich so erfassen lassen. Eine Zuflucht fürwahr ist mir der Meister geworden.“ Und als er so seine übernatürliche Einsicht in sich verstärkte, gelangte er nach wenigen Tagen schon zur Heiligkeit.

Die Mönche erfuhren diese Begebenheit; und als sie sich in der Lehrhalle versammelten, sprachen sie untereinander: „Freund, als dieser Mönch meinte, er könne die Gebote nicht halten, und sich zum Niedrigen zurückwandte, hat der Meister die ganzen Gebote auf drei Teile verteilt und ihn sie so erfassen lassen und hat ihn dadurch zur Heiligkeit gebracht. Fürwahr, die Buddhas sind Wundermänner.“ Solches erzählend saßen sie da. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Und als ihm geantwortet wurde: „Zu der und der“, sprach er: „Ihr Mönche, wenn eine allzu schwere Last in einzelne Teile geteilt und so übergeben wird, wird sie leicht. Schon in früherer Zeit haben Weise, als sie einen großen Goldhaufen fanden und ihn nicht aufheben konnten, ihn in verschiedene Teile geteilt und so aufgehoben und mitgenommen.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva in einem Dorfe ein Landmann. Eines Tages pflügte er das Feld an der Stelle, wo ein Dorf zerstört war. Früher aber war in diesem Dorfe ein wohlhabender Großkaufmann gewesen; der hatte einen Haufen Gold, so dick wie ein Schenkel und vier Ellen lang, dort vergraben und war dann verstorben. An diesen stieß der Pflug des Bodhisattva und blieb unbeweglich stehen. Dieser dachte: „Es wird ein Wurzelgeflecht sein“, und entfernte das Erdreich. Als er den Schatz sah, deckte er ihn wieder mit Erde zu und pflügte den Tag über. Da aber die Sonne untergegangen war, legte er Joch, Pflug u. dgl. zur Seite und wollte den Goldhaufen aufheben und fortgehen, konnte ihn aber nicht aufheben. Als er es nicht konnte, setzte er sich nieder und dachte: „Soviel wird für des Leibes Nahrung gehören, soviel werde ich vergraben und aufheben, mit soviel werde ich Geschäfte machen, soviel wird zum Almosen Geben und zu anderen guten Werken dienen.“ So machte er vier Teile. Als er ihn aber so geteilt hatte, war der Goldhaufen ganz leicht. Er hob ihn auf, brachte ihn nach Hause und teilte ihn in vier Teile; und nachdem er Almosen gegeben und andere gute Werke verrichtet hatte, kam er an den Ort seiner Verdienste.

 

§A2. Als der Erhabene diese Lehrunterweisung beendigt hatte, sprach er, der völlig Erleuchtete, folgende Strophe:

§1. „Wer unbefangenen Gemüts

mit unbefangnem Herzen stets

das Gute nur betätiget,

dass er die Seligkeit erlangt,

der Mann erlangt im Lauf der Zeit

Freiheit von aller Fesselung.“

 

§C. Nachdem so der Meister mit dem Gipfel der Heiligkeit diese Unterweisung beschlossen hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jataka mit den Worten: „Damals war ich der Mann, der den Goldhaufen erhielt.“

Ende der Erzählung vom Goldhaufen


[0a] Der Pali-Titel lautet bei Dutoit „Kancanakkhanda-Jataka“. Die Auslassung des „h“ ist wohl ein Druckfehler.

[1] Dies sind besondere Gebote; übersetzt in Rhys Davids, Buddhist Suttas S. 189-200.

[2] Damit sind die sehr zahlreichen Sünden gemeint, die im Patimokkha, der berühmten, noch auf Buddhas Zeit zurückgehenden Beichtformel, angeführt sind.


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