Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

64. Die Erzählung von den schwer zu Erkennenden (Durajana-Jataka)

„Begehrt sie dich, so freu dich nicht“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Laienbruder. Es war nämlich ein zu Savatthi wohnender Laienbruder in den drei Kleinodien und in den fünf Geboten fest gegründet, ein Liebhaber des Buddha, der Lehre und der Gemeinde. Dessen Gattin aber war lasterhaft und böse. An welchem Tage sie Unzucht verübte, an dem war sie wie eine um hundert gekaufte Sklavin [1]; an dem Tage aber, da sie keine Unzucht verübte, war sie eine Herrin, eine harte und grausame. Jener konnte ihre Beschaffenheit nicht verstehen. Und dann ging er, von ihr gehemmt, nicht hin, um Buddha seine Aufwartung zu machen.

Eines Tages aber nahm er wohlriechende Substanzen und Blumen, ging zum Meister hin und begrüßte ihn. Als er nun dasaß, sprach der Meister zu ihm; „Warum, o Laienbruder, kommst du sieben oder acht Tage lang nicht zur Buddha-Aufwartung?“ Er antwortete: „Herr, meine Hausfrau ist an einem Tage wie eine um hundert gekaufte Sklavin, an einem andern aber wie eine Herrin hart und grausam. Ich kann ihre Beschaffenheit nicht verstehen; deshalb kam ich, von ihr gehemmt, nicht zur Buddha-Aufwartung.“ Als der Meister dessen Wort vernommen, sprach er: „O Laienbruder, dass die Beschaffenheit des Weibes schwer zu erkennen ist, das sagten dir schon in früherer Zeit Weise.“ Dann aber fuhr er fort: „Weil dir das Zusammenfassen deiner früheren Existenzen versagt ist, kannst du dies nicht verstehen“; und von jenem gebeten, erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva ein weit und breit bekannter Lehrer und unterwies fünfhundert junge Brahmanen in den Künsten. Da kam auch ein in einem fremden Lande wohnender junger Brahmane und erlernte bei ihm die Künste. Dabei fesselte er sein Herz an ein Weib und machte sie zu seiner Gattin. Während er aber in der Stadt Benares verweilte, kam er zwei- oder dreimal nicht zur Aufwartung seines Lehrers. Seine Frau aber war lasterhaft und böse; an dem Tage, da sie Unzucht verübte, war sie wie eine Sklavin; wenn sie aber keine Unzucht verübte, war sie wie eine Herrin hart und grausam. Da er ihr Wesen nicht verstehen konnte, ging er, von ihr gehemmt und aufgeregten Sinnes, nicht zur Aufwartung seines Lehrers.

Als er nun nach Verlauf von sieben oder acht Tagen kam, fragte ihn sein Lehrer: „Warum lässt du dich nicht sehen?“ Er erwiderte: „Meine Gattin, o Lehrer, wünscht und bittet an einem Tage und ist demütigen Sinnes wie eine Sklavin; am andern Tage aber ist sie wie eine Herrin verstockt, hart und grausam. Ich kann ihr Wesen nicht verstehen; und von ihr gehemmt und aufgeregten Sinnes bin ich nicht zu Eurer Aufwartung gekommen.“ Darauf versetzte der Lehrer: „So ist dies, junger Brahmane: an dem Tage, da sie schlechten Wandel führen, sind die Weiber ihrem Herrn folgsam und demütigen Sinnes wie eine Sklavin; an dem Tage aber, da sie keinen schlechten Wandel führen, sind sie verstockten Sinnes und beachten ihren Herrn nicht. So schlechten Wandels, so lasterhaft sind diese Weiber; ihr Wesen ist allerdings schwer zu erkennen. Ob sie verlangen oder nicht verlangen, man muss gleichmütig bleiben.“ Und nach diesen Worten sprach er, um jenen zu ermahnen, folgende Strophe:

§1. „Begehrt sie dich, so freu dich nicht;

begehrt sie nicht, betrüb dich nicht.

Schwer zu verstehen die Weiber sind,

gleich wie im See des Fisches Spur.“

So gab der Bodhisattva seinem Schüler eine Ermahnung.

Von da an war dieser ihr gegenüber gleichmütig. Seine Gattin aber dachte: „Der Lehrer weiß von meinem lasterhaften Wesen“, und vollführte von da an keinen üblen Wandel mehr.

 

§A2. Auch das Weib jenes Laienbruders dachte: „Der völlig Erleuchtete kennt meinen schlechten Wandel“, und tat von da an nichts Böses mehr.

Nachdem aber der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, erklärte er die Wahrheiten. Am Ende der Erklärung der Wahrheiten gelangte der Laienbruder zur Frucht der Bekehrung.

 

§C. Darauf stellte der Meister die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jataka mit den Worten: „Damals war das Ehepaar dasselbe wie jetzt; der Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von den schwer zu Erkennenden


[1] D. h. demütig und gefällig wie eine um geringen Preis gekaufte Sklavin. In ähnlicher Weise werden tüchtige Sklaven als „um tausend gekauft“ bezeichnet.


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