Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

69. Die Erzählung vom Gift Speien (Visavanta-Jataka)

„Pfui über das gespiene Gift“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Heerführer der Lehre [0a]. Zur Zeit nämlich, als der Thera [0a] Mehlkuchen aß, nahmen die Leute für die Mönchsgemeinde viele Mehlkuchen mit und gingen in das Kloster. Als die Mönchsgemeinde davon genommen hatte, war noch viel überflüssiger Rest da. Da sagten die Leute: „Herr, nehmt auch für die in das Dorf Gegangenen!“ In diesem Augenblicke war der junge Genosse des Thera im Dorfe. Als dieser nicht kam, nahmen sie dessen Teil und gaben ihn dem Thera mit den Worten: „Es ist zu spät am Tage [1].“ Als es der Thera verzehrt hatte, kam der Junge. Da sprach der Thera zu ihm: „Lieber, wir haben den für dich bestimmten Kuchen verzehrt.“ Er erwiderte: „Herr, wem ist auch etwas Süßes unangenehm?“ Darüber befiel den großen Thera eine Erregung und er gelobte: „Von jetzt an werde ich keine Mehlkuchen mehr essen.“ Und von da verzehrte der Thera Sariputta niemals mehr Mehlkuchen.

Es wurde aber unter der Mönchsgemeinde bekannt, dass er keine Mehlkuchen mehr verzehrte. Dieses erzählend saßen einmal die Mönche in der Lehrhalle. Da fragte der Meister: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Und als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Ihr Mönche, was Sariputta einmal von sich gegeben hat, das nimmt er nicht zurück, auch wenn er sein Leben opfern müsste.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, hatte der Bodhisattva in einer Giftarztfamilie seine Wiedergeburt genommen und erwarb sich durch Ausübung der Heilkunst seinen Unterhalt. Damals nun biss eine Schlange einen Mann vom Lande. Seine Verwandten zögerten nicht, sondern holten rasch den Arzt. Der Arzt sprach: „Warum soll ich jetzt mit einem Heilkraut das Gift überwinden und herausholen? Ich werde die Schlange, die ihn gebissen, herbeiholen und durch sie das Gift an der Stelle des Bisses wieder herausziehen lassen.“ Die anderen erwiderten: „Gut, hole die Schlange und lasse sie das Gift herausziehen.“ — Darauf holte er die Schlange und sprach: „Hast du diesen gebissen?“ Sie antwortete: „Ja, ich habe es getan.“ „So ziehe nun an der Bissstelle das Gift mit deinem Munde wieder heraus.“ „Das Gift, das ich einmal von mir gab, habe ich noch nie wieder zu mir genommen; ich werde das von mir gegebene Gift nicht wieder einsaugen.“ Da ließ jener Holz herbeischaffen, machte ein Feuer und sprach: „Wenn du dein eigenes Gift nicht einsaugst, wanderst du in dieses Feuer.“ Darauf erwiderte die Schlange: „Ich gehe auch in dieser Feuer; aber das einmal von mir gegebene Gift werde ich nicht wieder in mich hineinspeien.“ Und sie sprach folgende .Strophe:

§1. „Pfui über das gespiene Gift,

das, um das Leben mir zu retten,

ich noch einmal verschlingen soll;

den Tod zieh ich dem Leben vor.“

Als sie aber so gesprochen, machte sie sich auf, um in das Feuer hineinzugehen. Der Arzt aber hielt sie zurück; und nachdem er den Mann durch Heilkräuter und Zaubersprüche vom Gifte befreit und gesund gemacht hatte, gab er der Schlange die Vorschriften: „Von jetzt an verletze niemand mehr“, und ließ sie gehen.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Ihr Mönche, was Sariputta einmal von sich gegeben, das nimmt er nicht zurück, auch wenn er sein Leben opfern müßte“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war die Schlange Sariputta, der Arzt aber war ich.“

Ende der Erzählung vom Giftspeien


[0a] D.h. Sariputta.

[1] Die Vormittagszeit, während deren allein der Mönch seine Mahlzeit einnehmen durfte, war also schon bald vorüber.


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