Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

70. Die Erzählung von Kuddala (Kuddala-Jataka) [0a]

„Nicht ist der Sieg ein guter Sieg“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Thera Cittahattha-Sariputta. Zu Savatthi nämlich war ein junger Mann aus gutem Hause. Als dieser eines Tages gepflügt hatte und dann sich in das Kloster begab, erhielt er aus der Schale eines Thera fette, süße, vorzügliche Speise. Da dachte er bei sich: „Auch wenn wir Tag und Nacht mit eigener Hand die verschiedenen Arbeiten verrichten, bekommen wir doch nicht ein so süßes Mahl. Auch ich muss Mönch werden.“ Und er wurde Mönch. Nach Verlauf von anderthalb Monaten aber mühte er sich nicht mehr um die Erleuchtung [1], sondern verfiel der Begierde und verließ das Kloster. Da er aber wieder nach der Speise verlangte, kam er zurück, wurde wieder Mönch und erlernte den Abhidhamma [2]. Als er auf diese Weise sechsmal das Kloster verlassen und wieder Mönch geworden war, kam er bei seinem siebenten Mönchwerden zur Kenntnis der sieben Bücher [3]; und da er oft die Mönchslehre hersagte, stärkte er seine übernatürliche Einsicht und gelangte zur Heiligkeit. Seine Gefährten aber verspotteten ihn mit den Worten: „Wie, Lieber, wachsen jetzt in deinem Herzen die Begierden nicht mehr wie früher?“ Er erwiderte: „Freunde, unmöglich ist für mich von jetzt an das Leben als Laie.“ —

Als er nun so zur Heiligkeit gelangt war, begann man in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, obwohl die Möglichkeit zu einer derartigen Heiligkeit vorhanden war, ist Cittahattha-Sariputta sechsmal aus dem Mönchsstande ausgetreten. Fürwahr, ein großer Fehler ist es, als Sünder zu leben.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Und als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Ihr Mönche, das sündige Herz ist leichtsinnig und schwer zu bezwingen. Wenn es in die Gewalt eines Sinnesobjekts geraten ist, hängt es fest; und wenn es einmal festhängt, ist es nicht möglich, es rasch davon loszumachen. Gut ist die Bändigung eines solchen Herzens; wenn es gebändigt ist, gelangt es zu Heil und Glück.

§0.1. Gut ist 's, ein Herz zu bändigen,

das schwer bezwingbar, leichtsinnig,

den Lüsten stets ergeben ist;

bezwungnem Herz wird Glück zuteil [4].

Infolge von dessen schwerer Bezwingbarkeit aber haben in früherer Zeit Weise um eines Spatens willen, da sie ihn nicht aufgeben konnten, wegen der Macht der Lust sechsmal den Mönchsstand verlassen; als sie jedoch zum siebenten Male Mönch geworden waren, gelangten sie zur Ekstase und bezwangen ihre Lust.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Gärtnersfamilie seine Wiedergeburt und gelangte zur Vernunft. Er hatte aber den Namen „der Spatenweise“ [4a]. Notdürftig erwarb er sich seinen Unterhalt, indem er mit seinem Spaten die Erde bearbeitete, Küchenkräuter, Kürbisse, Kumbhandi-Pflanzen [5], Gurken pflanzte und sie dann verkaufte. Er besaß nämlich nichts anderes in seinem Vermögen als den kleinen Spaten. Da dachte er eines Tages bei sich: „Was soll ich im Hause wohnen? Ich will fortgehen und Mönch werden.“ Und eines Tages legte er seinen Spaten an einen verborgenen Ort und führte die Weltflucht der Weisen aus. Dann aber erinnerte er sich wieder an seinen Spaten; und da er seine Begierde nicht unterdrücken konnte, verließ er den Mönchsstand wegen des elenden Spatens. Auf diese Weise wurde er, nachdem er den Spaten an einen verborgenen Ort gelegt hatte, ein zweites, ein drittes Mal, im ganzen sechsmal Mönch und verließ wieder den Mönchsstand. Beim siebenten Male aber dachte er bei sich: „Ich habe wegen dieses elenden Spatens immer wieder den Mönchsstand verlassen; jetzt werde ich ihn in den großen Strom werfen und Mönch werden“; und er ging zum Flussufer hin. Da kam ihm folgender Gedanke: „Wenn ich sehe, wohin er fällt, könnte wieder in mir die Lust entstehen zurückzukehren und ihn herauszuholen.“ Darum fasste er den Spaten am Griffe, schwang ihn, mit Elefantenstärke ausgerüstet, dreimal um seinen Kopf, drückte die Augen zu und warf ihn mitten in den Fluss. Hierauf stieß er dreimal den Löwenruf [6] aus.

In diesem Augenblicke kehrte der König von Benares zurück, nachdem er seine Grenzen beruhigt hatte; und nachdem er im Flusse sein Haupt gewaschen hatte, kam er, mit aller Pracht geschmückt, auf den Schultern seines Elefanten daher. Als dieser diese Worte des Bodhisattva hörte, sprach er: „Dieser Mann ruft: ‘Ich habe gesiegt.’ Wer ist denn von ihm besiegt worden? Holt ihn herbei!“ Und nachdem er ihn hatte holen lassen, fragte er: „He, Mann, ich habe jetzt in der Schlacht gesiegt und komme jetzt, nachdem ich diesen Sieg davongetragen; wen hast aber du besiegt?“ Darauf antwortete der Bodhisattva: „O Großkönig, auch wenn du in tausend oder in hunderttausend Schlachten gesiegt hast, so ist dies doch ein schlechter Sieg, weil du deine Begierden nicht besiegt hast. Ich aber habe in meinem Innern die Lust unterdrückt und die Begierden besiegt.“ Während er so sprach, blickte er nur auf den großen Fluss und erzeugte dadurch die das Wasser zum Objekt der Versenkung habende Ekstase [7]. Durch die Macht dieser Fähigkeit [8] aber setzte er sich in der Luft nieder und sprach, indem er dem Könige die Lehre verkündete, folgende Strophe:

§1. „Nicht ist der Sieg ein guter Sieg,

nach dem du noch besiegbar bist;

doch das ist wohl ein guter Sieg,

durch den du unbesiegbar wirst.“

Als aber der König diese Lehre vernahm, gab er durch die Kraft erleuchteten Verzichtens die sinnlichen Begierden auf und sein Herz wandte sich zum Mönch Werden; und auch das Heer des Königs gab eben damals seine Begierden auf. Darauf fragte der König den Bodhisattva: „Wohin wollt Ihr jetzt gehen?“ Er antwortete: „Ich will mich nach dem Himalaya begeben und dort die Weltflucht der Weisen betätigen, o Großkönig.“ Da sprach der König: „Darum will auch ich die Welt verlassen“, und ging mit dem Bodhisattva fort.

Das Heer, die Brahmanen und Hausväter, die ganze Menge, kurz alle Leute, die dort versammelt waren, gingen mit dem Könige zusammen fort. Da sagten die Einwohner von Benares: „Als unser König die Lehrunterweisung des Spatenweisen hörte, hat er sich vorgenommen, Mönch zu werden, und ist samt seinem Heere fortgezogen; was sollen jetzt wir machen?“ Und sämtliche Bewohner der zwölf Yojanas messenden Stadt Benares verließen ihre Heimat. Es war eine Versammlung, die sich zwölf Yojanas weit ausdehnte. Mit ihr ging der Bodhisattva nach dem Himalaya hin.

Da wurde der Sitz heiß, auf dem sich der Götterkönig Sakka niedergelassen hatte [9]. Er dachte nach und merkte: „Der Spatenweise hat seine große Weltflucht ausgeführt.“ Und er dachte: „Es wird eine große Versammlung werden; es ziemt sich, ihnen einen Wohnort zu schaffen“, und sprach zu Vissakamma [10]: „Lieber, der Spatenweise hat seine große Weltflucht ausgeführt; es ziemt sich, für sie einen Wohnort herzustellen. Gehe du nach der Gegend des Himalaya und erschaffe an einer ebenen Stelle einen Ort für eine Einsiedelei, dreißig Yojanas lang und fünfzehn Yoyanas breit.“ Jener gab mit dem Worte: „Es ist gut, Herr“, seine Zustimmung zu erkennen, ging hin und tat so. —

(§D. Dies ist hier eine Zusammenfassung; die ausführliche Erzählung wird aber im Hatthipala-Jataka [11] gegeben werden. Letzteres nämlich und dieses Vorliegende haben denselben Inhalt.) —

Nachdem dann Vissakamma auf dem Einsiedelei-Terrain eine Laubhalle geschaffen hatte, vertrieb er die schädlichen Tiere, Vögel und Dämonen von dort und stellte nach den verschiedenen Himmelsrichtungen einen fußbreiten Weg her; darauf ging er in seine Behausung. — Als aber der Spatenweise mit seiner Versammlung nach dem Himalaya gekommen war, ging er nach dem von Sakka geschenkten Einsiedelei-Terrain, nahm die von Vissakamma geschaffenen Mönchsutensilien [12] und wurde zuerst selbst Mönch; dann nahm er die Versammlung in den Mönchsstand auf und verteilte an sie das Einsiedelei-Terrain. Die dem Sakka entsprechenden Reiche gaben sie auf [13]. Das dreißig Yojanas messende Einsiedelei-Terrain wurde angefüllt. — Nachdem sich darauf der Spatenweise um die übrigen Vorbereitungen zur Meditation bemüht (hatte) und zur Vollendung vorgedrungen war, gab er der Versammlung ihre Betrachtungsstoffe [14]. Sie alle erreichten die Vollkommenheiten und wurden Bewohner der Brahma-Welt; diejenigen aber, die ihnen aufwarteten, gelangten in die Götterwelt [15].

 

§A2. Nachdem der Meister mit den Worten: „So, ihr Mönche, ist dies Herz, wenn es den Begierden anhängt, schwer davon loszulösen; und wenn die Lüste herrschen, sind sie schwer aufzugeben und machen auch solche Weisen unwissend“, diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verkündigte er die Wahrheiten. Am Ende der Verkündigung von den Wahrheiten aber gelangten einige zur Bekehrung, einige zur einmaligen Rückkehr, einige zur Nichtrückkehr und einige zur Heiligkeit.

 

§C. Darauf stellte der Meister die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, die Versammlung war die Buddhaversammlung, der Spatenweise aber war ich.“

Ende der Erzählung von Kuddala [0a]


[0a] Bei Dutoit heißt das Jataka „Die Erzählung von dem Spaten“. „Kuddala“ bedeutet jedoch nicht nur „Spaten“, sondern ist hier offensichtlich die Kurzform von „Kuddala(ka)pandita“ = „der Spaten-Weise“, dem Eigennamen des Bodhisattva in diesem Jataka. Daher ziehe ich es vor, diesen Namen unübersetzt zu lassen.

[1] Chalmers übersetzt: „after six weeks zealous application to high thinking“; doch kann dies nicht richtig sein, da es im Texte heißt: „ayonisomanasikaronto“.

[2] Der Abhidhamma-Pitaka ist der letzte der drei Pitakas. Er besteht aus sieben Büchern. Vgl. „Leben des Buddha“, S. XX f.

[3] Nämlich des Abhidhamma-Pitaka.

[4] Diese Verse stehen im Dhammapadam Vers 35.

[4a] Auf Pali: „Kuddalakapandita“.

[5] Mit der Kumbhandi-Pflanze ist Benincasa cerifera gemeint, eine Pflanze aus der Familie der Cucurbitaceen, die in Ostindien wegen ihrer essbaren Früchte angebaut wird.

[6] Damit ist hier offenbar nicht der sonst mit diesem Ausdruck bezeichnete Ruf: „Ich bin der Erste in der Welt“ usw. (vgl. „Leben des Buddha“, S. 320) gemeint, sondern nur die Worte: „Ich habe gesiegt“.

[7] Die Ekstase wird auch herbeigeführt durch das Anstarren eines bestimmten, meist glänzenden Gegenstandes. In diesem Falle war das Meer [genauer: die das Licht reflektierende Wasseroberfläche des Flusses] das Objekt des Anstarrens. Chalmers fasst die Stelle etwas anders auf.

[8] Wer der Ekstase fähig ist, kann in der Luft gehen und stehen.

[9] Wenn eine weltbewegende Tat ausgeführt wird, wird der Thron des Sakka (= Indra, vgl. Jataka 31 Anm. 3) heiß. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 20.

[10] „Vissakamma“, skrt. „Visvakarman“, ist der göttliche Baumeister.

[11] Dies ist das 509. Jataka. Doch wird hier nichts Näheres über diese Geschichte berichtet.

[12] Vissakamma hat also auch gleich die für den Mönch nötigen Gebrauchsgegenstände geschaffen, nämlich die Gewänder, die Schale, den Seiher, den Gürtel, das Schermesser und die Nadel.

[13] D. h. sie entäußerten sich alle ihrer der Herrlichkeit Sakkas nahe kommenden Vorzüge.

[14] Er tat also dasselbe, wie später Buddha; vgl. die Vorgeschichte zu Jataka 2 und öfters.

[15] Die höchste Welt nach der Brahma-Welt. Gewöhnlich nahm man sechs Götterwelten an; vgl. „Leben des Buddha“, S. 357.


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