Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

72. Die Erzählung von dem tugendhaften Elefanten (Silavanaga-Jataka)

„Wenn ungenügsam ist ein Mann“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf Devadatta. In der Lehrhalle hatten sich nämlich die Mönche niedergelassen, indem sie sagten: „Freund, der ungenügsame Devadatta kennt nicht die Tugenden des Vollendeten.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als er zur Antwort bekam: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Devadatta ungenügsam, sondern auch schon in früherer Zeit war er ungenügsam; niemals kannte er eine Tugend.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf ihre Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in der Gegend des Himalaya als ein Elefant seine Wiedergeburt. Als er den Schoß seiner Mutter verlassen, war er ganz weiß und glänzte wie ein Haufen Silbers, seine Augen aber glichen Edelsteinkugeln und zeigten die fünf Arten des Glanzes. Sein Mund glich einem roten Tuche, sein Rüssel war wie ein mit Tropfen von rotem Gold gezierter Silberstrick; seine Füße waren wie von Lackarbeit. So war seine Person mit den zehn Vollkommenheiten geziert und zu äußerster Schönheit gelangt.

Als er dann zu Verstand gekommen war, versammelten sich die Elefanten vom ganzen Himalaya und warteten ihm beständig auf. So lebte er, von achtzigtausend Elefanten umgeben, in der Gegend des Himalaya. In der Folgezeit aber sah er das Fehlerhafte der großen Schar ein und nahm, um allein zu sein, einsam in einem Walde seine Wohnung. Weil er aber so tugendhaft war, hatte er den Namen „der tugendhafte Elefantenkönig“.

Nun war damals ein zu Benares wohnender Waldarbeiter nach dem Himalaya gezogen, um sich die zu seinem Berufe notwendigen Gegenstände zu holen. Da er die Himmelsgegenden nicht zu unterscheiden vermochte, verirrte er sich vom Wege und lief von Todesfurcht erfasst herum, die Arme ausstreckend und laut klagend. Als der Bodhisattva sein lautes Klagen vernahm, dachte er: „Ich will diesen Mann von seinem Leid befreien“; und von Mitleid getrieben ging er zu ihm hin. Als ihn aber jener sah, lief er aus Furcht davon [1]. Als ihn der Bodhisattva davonlaufen sah, blieb er daselbst stehen. Da nun der Mann den Bodhisattva stehen bleiben sah, blieb er auch stehen. Darauf ging der Bodhisattva wieder vor und jener lief wieder davon. Als er ihn aber wieder stehen bleiben sah, blieb er auch stehen und dachte: „Dieser Elefant bleibt stehen, wenn ich davonlaufe, und kommt herbei, wenn ich stehen bleibe. Er will mir keinen Schaden zufügen, sondern wird mich von diesem Leid befreien wollen.“ Und er fasste Mut und blieb stehen. Da ging der Bodhisattva zu ihm hin und fragte: „Warum, he, klagst du beständig, Mann?“ Jener erwiderte: „Herr, da ich die Himmelsgegenden nicht zu unterscheiden vermochte, habe ich mich verirrt und habe nun Todesangst.“ — Darauf brachte ihn der Bodhisattva nach seiner Wohnung, ernährte ihn einige Tage mit Waldbeeren und sprach dann: „He, Mann, fürchte dich nicht; ich will dich nach dem Menschenbereich zurückführen.“ Damit ließ er ihn auf seinem Rücken Platz nehmen und ging nach dem Bereich der Menschen.

Der verräterische Mann aber dachte: „Wenn jemand fragen wird, werde ich es anzeigen müssen“; und während er auf dem Rücken des Bodhisattva saß, betrachtete er die Kennzeichen der Bäume und der Berge. Nachdem ihn aber der Bodhisattva herausgeführt und auf die große Straße, die nach Benares führt, gebracht hatte, entließ er ihn mit folgenden Worten: „He, Mann, gehe auf diesem Wege; sage aber meinen Wohnort niemandem, gefragt oder ungefragt.“ Dann begab er sich nach seinem Wohnort.

Der Mann aber begab sich nach Benares; und indem er dort umherging, kam er in die Straße der Elfenbeinarbeiter. Da er nun die Elfenbeinarbeiter ihre Elfenbeinarbeiten ausführen sah, fragte er: „Würdet ihr auch einen Zahn von einem lebenden Tiere nehmen, wenn ihr ihn bekommt?“ Sie antworteten: „He, was sagst du? Der Zahn von einem lebenden ist doch viel wertvoller als von einem toten Elefanten.“ Darauf sprach er: „Deshalb werde ich euch den Zahn von einem lebenden Tier bringen“; und er nahm Reisevorrat mit nebst einer scharfen Säge und begab sich nach dem Aufenthaltsort des Bodhisattva.

Als ihn der Bodhisattva sah, fragte er: „Warum bist du gekommen?“ Er erwiderte: „Herr, ich bin arm und elend und kann nicht leben. Deshalb bin ich gekommen um Euch um ein Stück Zahn zu bitten; wenn Ihr es mir gebt, so werde ich damit fortgehen, es verkaufen und von dem Preis hierfür leben.“ Darauf sprach der Bodhisattva: „He, es soll sein; ich werde dir einen Zahn geben, wenn du ein Stück von einer Säge hast, um den Zahn abzuschneiden.“ Der Mann versetzte: „Herr, ich bin mit einer Säge gekommen“; und der Bodhisattva sagte: „Schneide also die Zähne mit der Säge ab und gehe damit fort.“ Und er krümmte seine Füße und kauerte sich nieder in der Stellung einer Kuh. Jener aber schnitt ihm die zwei Hauptzähne ab. Darauf sprach der Bodhisattva: „He, Mann, ich gebe dir die Zähne nicht, weil mir die Zähne unlieb sind oder mir nicht gefallen; tausendmal und hunderttausendmal lieber sind mir aber die Allwissenheitszähne, die im Stande sind, alle Dinge verstehen zu lehren. Darum soll mir dies Zahngeschenk zum Erwerben des Verständnisses der Allwissenheit dienen.“ Und er machte mit dem Rüssel die Zähne zur Aussaat für die Erkenntnis der Allwissenheit [2] und gab jenem das Paar Zähne.

Der Mann ging damit fort und verkaufte sie. Als aber das Geld dafür verschwunden war, ging er wieder zum Bodhisattva hin und sagte: „Herr, das Geld, das ich von dem Verkaufe Eurer Zähne erhielt, reichte mir nur zur Bezahlung meiner Schulden; gebt mir auch noch die übrigen!“ Der Bodhisattva gab mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung, ließ sie auf die vorige Art abschneiden und gab ihm die übrigen Zähne. —

Als jener diese verkauft hatte, kam er abermals und sagte: „Herr, ich kann nicht leben; gebt mir die Zahnwurzeln!“ Der Bodhisattva sagte: „Gut“, und setzte sich wieder auf die vorige Art hin. Jetzt trat der schlechte Mensch auf den einem silbernen Seile gleichenden Rüssel des großen Wesens, stieg auf die Stirngeschwulst [3], die dem Gipfel des Kelasa [4] glich, und stieß mit der Ferse auf die Zahnenden. Als er so das Zahnfleisch beseitigt, stieg er wieder auf die Stirngeschwulst, schnitt mit der scharfen Säge die Zahnwurzeln ab und ging dann fort. Als er aber die rettende Nähe des Bodhisattva verlassen hatte, barst die mehr als vier Nahutas [5] und zweihunderttausend Yojanas dicke feste Erde, die die große Last des Sineru-Berges, des Yugandhara [6] u. dgl. trägt, die auch übel riechenden, ekelhaften Kot und Urin zu tragen im Stande ist, auseinander, da sie dessen Fehleranhäufung nicht ertragen konnte, und spaltete sich. Und sogleich kamen aus der großen Avici-Hölle [7] Flammen hervor, umgaben den verräterischen Mann, wie wenn sie ihn mit einem passenden Todesgewande umhüllten, und nahmen ihn mit.

Als so dieser Bösewicht in die Erde hinabgesunken war, sagte eine in diesem Gehölz wohnende Baumgottheit: „Ein ungenügsamer, verräterischer Mann kann, auch wenn man ihm die Weltherrschaft gibt, nicht befriedigt werden.“ Und indem sie den Wald mit ihrer Stimme erfüllte und die Lehre verkündete, sprach sie folgende Strophe:

§1. „Wenn ungenügsam ist ein Mann,

der immer nur das Leere sieht,

gibt man ihm auch die ganze Welt,

man kann ihn nicht befriedigen.“

Indem die Gottheit so den Wald mit ihrer Stimme erfüllte, verkündete sie die Lehre. Der Bodhisattva aber gelangte, nachdem er den Rest seines Lebens verbracht hatte, an den Ort seiner Bestimmung.

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Devadatta ungenügsam, sondern auch schon früher war er ungenügsam“, diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Verräter Devadatta, die Baumgottheit war Sariputta, der tugendhafte Elefantenkönig [7a] aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem tugendhaften Elefanten


[1] Die abseits von der Herde weilenden Elefanten gelten als besonders wild und gefährlich.

[2] D. h. er hob mit dem Rüssel die Zähne auf und gab sie dem Manne in der Erwartung, für diese Gabe der Allwissenheit teilhaftig zu werden.

[3] Dies sind zwei Erhöhungen auf der Stirn des Elefanten, die zur Brunstzeit anschwellen.

[4] Kelasa ist einer der Gipfel des Himalaya.

[5] Ein Nahuta ist 10.000.000 hoch 4  [= 10 hoch 28] oder 10.000 Quadrillionen [= 10 Quadrilliarden].

[6] Yugandhara ist der den Meru oder Sineru zunächst konzentrisch umgebende Bergkreis.

[7] Die Avici-Hölle ist eine der acht großen Höllen; vergl. Jataka 40 Anm. 27.

[7a] Auf Pali: „Silavanagaraja“, hier bei Fausböll als Eigenname gebraucht, daher auch der Pali-Titel des Jataka.


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