Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

76. Die Erzählung von der Furchtlosigkeit (Asamkiya-Jataka)

„Von Furcht bin ich im Dorfe frei“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen zu Savatthi wohnenden Laienbruder. Dieser nämlich war ein Bekehrter, ein edler Schüler. Aus irgendeinem Grunde machte er zusammen mit einem Wagenkarawanenführer eine Reise. In einer waldigen Gegend schirrten sie die Wagen ab und errichteten ein befestigtes Lager. Jener aber wandelte in der Nähe des Karawanenführers am Fuße eines Baumes auf und ab. — Es wollten aber fünfhundert Räuber das Lager ausplündern; und da sie merkten, dass die Zeit günstig sei, umringten sie mit Bogen, Keulen u. dgl. in den Händen das Lager. Der Laienbruder aber wanderte immer auf und ab. Als ihn die Diebe sahen, dachten sie: „Gewiss wird dieser der Wächter des Lagers sein; wenn er eingeschlafen ist, wollen wir es ausplündern“; und da sie ihn nicht überwältigen konnten, blieben sie da und dort stehen. Der Laienbruder aber beharrte bei seinem Wandeln während der ersten Nachtwache, während der mittleren Nachtwache und während der letzten Nachtwache. Als die Morgendämmerung kam, warfen die Räuber, da sie keine Gelegenheit gefunden hatten, die mitgenommenen Steine, Keulen u. dgl. weg und liefen davon.

Nachdem aber der Laienbruder seine Geschäfte besorgt hatte, kehrte er wieder nach Savatthi zurück. Und er ging zum Meister hin und fragte: „Herr, behüten die, welche sich selbst bewachen, auch einen andern?“ Buddha erwiderte: „Ja, Laienbruder, wer sich selbst behütet, behütet auch den Nächsten; und wer seinen Nächsten behütet, der behütet auch sich selbst.“ Jener versetzte: „Wie schön, Herr, ist dies vom Erhabenen gesagt! Ich wollte, als ich mit einem Karawanenführer zusammen reiste, mich selbst behüten, indem ich am Fuße eines Baumes auf und ab wandelte, und habe damit die ganze Karawane behütet.“ Darauf sprach der Meister: „O Laienbruder, auch früher schon haben Weise, als sie sich selbst behüteten, auch ihren Nächsten behütet.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf seine Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war und die Sündlichkeit einsah, die in den Begierden liege, betätigte er die Weltflucht der Weisen und wohnte im Himalaya. Um sich mit Salz und Saurem zu versehen, ging er einmal auf das Land; und als er auf dem Lande seinen Almosengang machte, traf er mit einem Karawanenführer auf dem Wege zusammen. Als die Karawane in einer waldigen Gegend ihr Lager errichtet hatte, betätigte er unweit von der Karawane, über das Glück der Ekstase nachdenkend, am Fuße eines Baumes das Auf-und-ab-Wandeln. —

Nachdem aber die Zeit des Abendmahles vorüber war, kamen fünfhundert Räuber, um diese Wagenkarawane auszuplündern, und umringten sie. Als sie den Asketen sahen, dachten sie: „Wenn dieser uns sieht, wird er es den Leuten der Karawane mitteilen; wir wollen plündern, wenn er eingeschlafen ist.“ Und sie blieben dort stehen. Der Asket aber wandelte die ganze Nacht auf und ab. Da nun die Räuber keine Gelegenheit gefunden hatten, warfen sie alle die Keulen und Steine, die sie mitgenommen hatten, weg und riefen zu den Leuten der Wagenkarawane hin: „He, ihr Karawanenleute, wenn dieser am Fuße des Baumes auf und ab wandelnde Asket heute nicht gewesen wäre, wäre euch allen eine große Plünderung zuteil geworden. Bereitet morgen dem Asketen eine große Ehrung!“ Nach diesen Worten entfernten sie sich.

Als die anderen aber bei Tagesanbruch die von den Räubern weggeworfenen Keulen, Steine u. dgl. sahen, fürchteten sie sich; und sie gingen zum Bodhisattva hin, grüßten ihn und fragten: „Herr, habt Ihr die Räuber gesehen?“ Er erwiderte: „Ja, Freunde, ich habe sie gesehen.“ Sie fragten weiter: „Herr, da Ihr diese so vielen Räuber sahet, befiel Euch da keine Furcht, keine Angst?“ Darauf versetzte der Bodhisattva: „Freunde, beim Anblick von Räubern hat der Furcht, der Geld hat; ich aber habe kein Geld. Warum soll ich mich also fürchten? Ob ich im Dorfe wohne oder im Walde, Furcht oder Angst habe ich nicht.“ Und nach diesen Worten sprach er, die Lehre erklärend, folgende Strophe:

§1. Von Furcht bin ich im Dorfe frei,

im Wald auch kenn ich keine Angst.

Den rechten Weg hab ich betreten

in Liebe und Barmherzigkeit.“

Als der Bodhisattva durch diese Strophe die Lehre erklärt hatte, wurde er von diesen Leuten beruhigten Herzens geehrt. Und nachdem er zeitlebens die vier Vollkommenheiten betätigt, wurde er im Brahma-Himmel wiedergeboren.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar und verband das Jataka mit folgenden Worten: „Damals waren die Karawanenleute die Buddhaschar, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Furchtlosigkeit


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