Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

81. Die Erzählung vom Branntwein Trinken (Surapana-Jataka)

„Wir tranken erst, dann tanzten wir“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er bei Kosambi im Ghosita-Kloster verweilte, mit Beziehung auf den Thera Sagata. Als der Erhabene nämlich zu Savatthi die Regenzeit verbracht hatte und auf seinem Almosengange nach einem Flecken namens Bhaddavatika gekommen war, besuchten die Rinderhirten, die Viehhirten, die Ackerbauer und die Reisenden den Meister, begrüßten ihn und hielten ihn zurück mit den Worten: „Nicht, Herr, möge der Erhabene zur Mangofurt gehen; an der Mangofurt, in einer Jatila-Einsiedelei nämlich wohnt eine Schlange, das Mangofurt-Tier mit Namen, eine Giftschlange mit starkem Gift; diese könnte den Erhabenen verletzen.“ Der Erhabene aber ging hin, als ob er ihre Worte nicht gehört hätte, obwohl sie ihn dreimal zurückzuhalten suchten. — Während aber hierauf der Erhabene unweit von Bhaddavatika in einem Wäldchen verweilte, begab sich zu der Zeit ein Aufwärter Buddhas, ein Thera mit Namen Sagata, der weit und breit berühmt war wegen seiner Wunderkraft, nach dieser Einsiedelei, richtete an dem Orte, wo jener Schlangenkönig hauste, ein Lager aus Gras her und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen darauf nieder. Die Schlange konnte ihren Zorn nicht zügeln und gab Rauch von sich [1]. Der Thera gab auch Rauch von sich. Darauf strahlte die Schlange Feuer aus. Auch der Thera strahlte Feuer aus. Die Glut der Schlange schädigte aber den Thera nicht, sondern die Glut des Thera schädigte die Schlange. Nachdem der Thera so in einem Augenblick den Schlangenkönig gebändigt, befestigte er ihn in den Zufluchten und in den Geboten [2] und begab sich zum Meister zurück. Und nachdem der Meister, solange es ihm beliebte, zu Bhaddavatika verweilt hatte, begab er sich nach Kosambi.

Die Kunde, dass der Thera Sagata die Schlange bezwungen habe, durcheilte aber das ganze Land. Nachdem die Bewohner der Stadt Kosambi dem Meister zur Bewillkommnung entgegengezogen waren und ihn begrüßt hatten, gingen sie zum Thera Sagata hin, grüßten ihn und sprachen, an seiner Seite stehend, folgendes: „Herr, sagt, was für Euch schwer zu erhalten ist; wir wollen es für Euch herrichten.“ Der Thera blieb still. Die sechs Mönche [3] aber sagten: „Freunde, für diejenigen, die Mönch geworden, ist weißer Branntwein schwer erhältlich und dabei angenehm; wenn ihr für den Thera klaren, weißen Branntwein bereit stellen wolltet!“ Jene stimmten zu mit dem Worte: „Gut“; und nachdem sie den Meister für den folgenden Tag eingeladen haben, gingen sie in die Stadt hinein und sagten: „Wir wollen dem Thera davon geben, jeder in seinem Hause.“ Und sie richteten weißen, klaren Branntwein her, luden den Thera ein und gaben ihm davon in jedem Hause. Als der Thera getrunken hatte, wurde er vom Branntwein berauscht und fiel, als er aus der Stadt hinausging, unter dem Tore hin; Sinnloses redend lag er da.

Als nun der Meister sein Mahl beendet hatte und die Stadt verließ, sah er den Thera in dieser Verfassung daliegen, ließ ihn aufheben mit den Worten: „Ihr Mönche, nehmt Sagata mit“, und ging in das Kloster. Die Mönche legten den Thera hin mit dem Haupte an den Füßen des Vollendeten. Jener aber drehte sich um und legte sich hin, die Füsse dem Vollendeten zugewendet. Da fragte der Meister die Mönche: „Ist dies, ihr Mönche, jetzt dieselbe Ehrfurcht, die Sagata mir früher bezeigte?“ „Nein, Herr.“ „Ihr Mönche, wer hat den Schlangenkönig an der Mangofurt gebändigt?“ „Sagata, Herr.“ „Könnte aber jetzt Sagata auch nur eine Wassereidechse bändigen?“ „Er könnte es nicht, Herr.“ „Ist es nun recht, ihr Mönche, etwas derartiges zu trinken, durch dessen Genuss man so bewusstlos wird?“ „Dies ist unrecht, Herr.“ — Nachdem so der Erhabene den Thera getadelt, redete er die Mönche an: „Im Trinken von Branntwein und Spirituosen liegt eine Sünde [4].“ Nachdem er so eine Vorschrift erlassen hatte, erhob er sich von seinem Sitze und begab sich in sein duftendes Gemach.

Die in der Lehrhalle versammelten Mönche aber sprachen von der Untugend des Branntwein Trinkens folgendermaßen: „Freunde, was ist doch das Branntwein Trinken für ein großer Fehler, dass es bewirkt hat, dass der mit Einsicht erfüllte, wunderbegabte Sagata nicht einmal mehr den Vorzug des Meisters [5] kannte!“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als er zur Antwort erhielt: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sind der Welt Entfremdete, weil sie Branntwein getrunken, bewusstlos geworden, sondern auch schon früher waren sie es.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie des Nordens seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, betätigte er die Weltflucht der Weisen und erreichte die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten. So wohnte er, des Glückes der Ekstase sich erfreuend, in der Gegend des Himalaya, umgeben von fünfhundert Schülern. — Als nun einmal die Regenzeit herangekommen war, sprachen seine Schüler zu ihm: „Meister, wir wollen in das Bereich der Menschen gehen, uns mit Salz und Saurem versehen und dann wieder zurückkehren.“ Der Bodhisattva versetzte: „Freunde, ich werde hier bleiben; ihr aber geht, befriedigt euren Körper und kommt zurück, nachdem ihr dort die Regenzeit verbracht habt.“ Sie sagten: „Gut“, grüßten den Lehrer und gingen nach Benares, wo sie im Parke des Königs wohnten. An einem Tage besuchten sie auf ihrem Almosengange die Dörfer außerhalb des Tores; und wenn sie dann gesättigt waren, gingen sie am andern Tage wieder in die Stadt. Liebevoll reichten die Leute ihnen Almosen und nach wenigen Tagen meldeten sie dem Könige: „Herr, vom Himalaya sind fünfhundert Asketen gekommen und wohnen in deinem Parke, strenge Büßer, mit abgetöteten Sinnen, tugendreiche.“ Als der König von ihren Tugenden hörte, begab er sich in den Park, begrüßte sie und begann eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihnen. Dann erholte er sich ihre Zustimmung, dass sie die vier Monate der Regenzeit dort zubringen wollten, und lud sie zu sich ein. Von da an speisten sie nur im Palaste des Königs und wohnten im Parke.

Eines Tages nun wurde in der Stadt das Branntwein-Nakkhatta gefeiert. Der König dachte: „Für die der Welt Entfremdeten ist Branntwein schwer erhältlich“; und er ließ ihnen ausgezeichneten Branntwein in großer Menge reichen. Als aber die Asketen den Branntwein getrunken hatten und nach dem Parke gegangen waren, wurden sie vom Branntwein berauscht. Einige standen auf und tanzten, einige sangen; nachdem sie getanzt und gesungen hatten, stießen sie Körbe [6] u. dgl. um und legten sich schlafen. Als der Branntweinrausch verschwunden war, wachten sie auf; und als sie diese ihre veränderte Verfassung vernahmen und sahen, da weinten und klagten sie: „Wir haben etwas getan, was nicht für die der Welt Entfremdeten passt.“ Und da sie merkten, dass sie infolge der Trennung von ihrem Lehrer dieses Unheil angerichtet, verließen sie in demselben Augenblick den Park und kehrten nach dem Himalaya zurück. Nachdem sie ihre Utensilien beiseite gestellt, grüßten sie ihren Lehrer und setzten sich nieder. Auf seine Frage: „Habt ihr, ihr Lieben, im Bereich der Menschen beim Almosen Sammeln ungehindert glücklich gelebt und einträchtig gelebt?“ meldeten sie ihm jene Begebenheit mit folgenden Worten: „O Lehrer, wir haben glücklich gelebt. Als wir aber etwas tranken, was wir nicht hätten trinken sollen, verloren wir die Besinnung; und da wir unser Bewusstsein nicht rege zu erhalten vermochten, sangen und tanzten wir.“ Und darauf sagten sie folgende Strophe:

§1. „Wir tranken erst, dann tanzten wir,

wir sangen auch; dann weinten wir.

Wir tranken, was bewusstlos macht;

wohl uns, dass wir nicht Affen wurden.“

Nachdem sie der Bodhisattva mit den Worten: „Etwas Derartiges passt nur für solche, die den Ernst des Lebens verloren haben“, getadelt hatte, ermahnte er sie, nicht mehr dergleichen zu tun, und gelangte darauf in ununterbrochener Ekstase in den Brahma-Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten:

(§D. von jetzt an werden wir auch nicht mehr sagen „stellte er die gegenseitigen Beziehungen klar [7]“)

„Damals war die Schar der Asketen die Buddhaschar, der Lehrer der Schar aber war ich.“

Ende der Erzählung vom Branntwein Trinken


[1] Vgl. die Erzählung im „Leben des Buddha“, S. 104 ff., die jedenfalls das Vorbild für unsre Stelle geliefert. Auch im Jataka 78 findet sich eine ähnliche Begebenheit; s. Jataka 78 Anm. 3.

[2] Auch die Tiere können für Buddhas Lehre gewonnen werden; vgl. „Leben des Buddha“, S. 69 u. 179.

[3] Das sind die sechs Mönche, die nach der Überlieferung Schaden stifteten, wo sie konnten. Vgl. die Vorgeschichte zu Jataka 28.

[4] D. h. es soll in das Pacittiya-Verzeichnis aufgenommen werden, das die zu sühnenden Vergehen enthielt, 92 an Zahl. Sie sind auseinandergesetzt in dem Buche Pacittiya des Vinaya-Pitaka.

[5] D. h. er weiß nicht einmal mehr, wie man sich dem Meister gegenüber zu benehmen hat.

[6] Das Wort „khariya“ hängt doch wohl mit skr. ksaraka, das auch „Korb“ bedeuten kann, zusammen. Gemeint sind wohl die Behälter, in denen die vorbuddhistischen Asketen ihre Almosen zu sammeln pflegten. Vgl. den ähnlichen Ausdruck in Jataka 66 Anm. 3.

[7] Dies ist eine ähnliche Bemerkung wie in Jataka 13.


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