Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

93. Die Erzählung von dem vertrauenden Genuss (Vissasabhojana-Jataka) [1]

„Vertraue nicht dem nicht Vertrauten“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den vertrauenden Genuss. Zu dieser Zeit nämlich dachten die Mönche immer: „Es ist uns von der Mutter gegeben, es ist uns vom Vater gegeben, es ist uns vom Bruder, von der Schwester, von der Tante, vom Onkel, vom Vetter, von der Base gegeben; zur Zeit, wo wir noch Laien waren, waren diese auch verpflichtet, uns zu geben.“ Da sie nun auf die ihnen von ihren Verwandten gegebenen vier Hilfsmittel vertrauten, machten sie unüberlegt Gebrauch davon. —

Als der Meister diesen Sachverhalt bemerkte, dachte er: „Es kommt mir zu, den Mönchen eine Lehrunterweisung zu geben“; und er ließ die Mönche zusammenkommen und sprach zu ihnen: „Ihr Mönche, der Mönch muss sowohl die von Verwandten als auch die von nicht Verwandten ihm gespendeten vier Hilfsmittel mit Überlegung benutzen. Wenn er nämlich unüberlegt davon Gebrauch gemacht hat, wird er nach seinem Tode von der Existenz als Dämon oder als büßender Geist nicht befreit. Unüberlegter Genuss gleicht dem Genuss von Gift; Gift nämlich tötet, ob es von einem Vertrauten gegeben wird oder einem nicht Vertrauten. Auch in früherer Zeit ist man, als man Gift genoss, das von einem Vertrauten gegeben war, zum Ende des Lebens gelangt.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva ein Großkaufmann von großem Vermögen. Ein Kuhhirt von ihm war zur Zeit, da das Korn dicht stand, mit den Kühen in den Wald gezogen, hatte einen Pferch gemacht und hütete sie dort; und von Zeit zu Zeit brachte er dem Großkaufmann die Erzeugnisse der Milchwirtschaft. — Es nahm aber unweit von diesem Pferch ein Löwe seinen Aufenthalt. Da die Kühe aus Furcht vor dem Löwen matt wurden, wurde die Milch wenig. Als nun der Hirt eines Tages mit der Butter zum Großkaufmann kam, fragte ihn dieser: „Lieber Kuhhirt, warum ist die Butter so wenig?“ Er erzählte den Grund. Darauf fragte jener weiter: „Ist aber, Lieber, dieser Löwe an irgendetwas gefesselt?“ „Ja, Herr“, erwiderte der Hirt, „er hat Verkehr mit einem Gazellenweibchen.“ „Kann man aber dies fangen?“ „Ja, Herr, dies kann man.“ Darauf sprach der Großkaufmann zu ihm: „Fange es also und bestreiche ihm von der Stirn an am Körper die Haare wiederholt mit Gift, lasse dies trocknen und lasse dann nach Ablauf von zwei oder drei Tagen das Gazellenweibchen wieder los. Der Löwe wird aus Liebe zu ihr ihren Körper ablecken und dadurch seinen Tod finden. Nimm dann sein Fell, seine Klauen, seine Zähne und auch sein Fett und bringe es mir.“ Und er gab ihm Halahala-Gift und ließ ihn gehen.

Der Kuhhirte warf ein Netz aus, fing das Gazellenweibchen mit List und tat so. Als aber der Löwe die Gazelle sah, beleckte er infolge seiner starken Liebe ihren Körper und musste sterben. Der Kuhhirt nahm das Fell usw. und ging zum Bodhisattva hin. Als der Bodhisattva diesen Sachverhalt erkannte, sagte er: „Zu andern darf man keine Liebe betätigen. Da der mit solcher Kraft ausgestattete Löwe, der König der Tiere, durch die Gewalt der Befleckung bei seinem Verkehr mit dem Gazellenweibchen dessen Körper ableckte, genoss er das Gift und musste sterben.“ Und nach diesen Worten sprach er, um der versammelten Menge die Wahrheit zu erklären, folgende Strophe:

§1. „Vertraue nicht dem nicht Vertrauten,

auch dem Vertrauten traue nicht;

Vertrauen bringt dich nur in Not,

so wie den Löwen die Gazelle.“

Nachdem so der Bodhisattva der versammelten Menge die Wahrheit erklärt hatte, tat er gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangte an den Ort seiner Verdienste.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Ich war damals der Großkaufmann.“

Ende der Erzählung von dem vertrauenden Genuss


[1] Vgl. das einen ähnlichen Stoff behandelnde 91. Jataka.


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