Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

97. Die Erzählung von dem Glück durch Namen (Namasiddhi-Jataka)

„Als den ‘Lebenden’ er tot sah.“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Mönch, der den Namen für Glück bringend hielt. Ein Sohn aus guter Familie namens Papaka (= „Böser“) nämlich hatte der Lehre sein Herz geschenkt und war Mönch geworden. Als er nun von den Mönchen angeredet wurde: „Gehe, lieber Böser; bleibe, lieber Böser“, dachte er bei sich: „In der Welt ist der Name ‘Böser’ gemein und verrät einen Unglücksvogel; ich will mir einen andern, Glück verheißenden Namen geben lassen.“ Und er ging zu den Lehrern und Unterweisern und sprach zu ihnen: „Herr, mein Name ist nicht Glück bringend; gebt mir einen andern Namen.“ Da sprachen jene zu ihm: „Lieber, der Name ist nur eine äußerliche Bezeichnung; durch den Namen wird kein Glück erreicht. Sei nur mit deinem Namen zufrieden.“ Er aber bat immer wieder darum.

Es wurde aber in der Mönchsgemeinde bekannt, dass jener im Namen sein Glück suchte. Als nun eines Tages die Mönche in der Lehrhalle versammelt waren, begannen sie folgendes Gespräch: „Freund, der Mönch so und so sucht im Namen sein Glück und möchte einen Glück bringenden Namen erhalten.“ Da kam der Meister in die Lehrhalle und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sucht dieser im Namen sein Glück, sondern auch schon früher war er so.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem war der Bodhisattva zu Takkasila ein weit und breit berühmter Lehrer und unterwies fünfhundert junge Brahmanen in den Zaubersprüchen. Einer der jungen Brahmanen hatte den Namen „Böser“. Als man nun zu ihm sagte: „Gehe, Böser; komme, Böser“, dachte er bei sich: „Mein Name ist nicht Glück verheißend; ich will mir einen andern geben lassen.“ Und er ging zum Lehrer hin und sagte: „Meister, mein Name ist nicht Glück verheißend; gebt mir einen andern!“ Darauf sprach der Lehrer zu ihm: „Gehe, Lieber, wandle im Lande umher; und wenn du einen dir gefallenden Glück verheißenden Namen gefunden hast, so komme wieder. Wenn du zurückkehrst, werde ich deinen Namen verändern und dir einen andern Namen geben.“ Jener versetzte: „Gut“, nahm Reisezehrung mit und ging fort; und von Dorf zu Dorf wandernd kam er in eine Stadt.

Hier war gerade ein Mann gestorben namens Jivaka (= „Lebender“). Als jener sah, wie er von der Schar seiner Verwandten zum Totenacker begleitet wurde, fragte er: „Welchen Namen hatte dieser Mann?“ „Er hieß ‘Lebender’“, war die Antwort. „Stirbt auch der ‘Lebende’?“ „Auch der ‘Lebende’ stirbt, auch der ‘Nichtlebende’ stirbt. Der Name ist nur eine äußerliche Bezeichnung; du bist ein Tor, glaube ich.“ — Als jener diese Rede vernommen, wurde er gleichgültig gegen den Namen und ging in die Stadt hinein. Da wurde eine Sklavin, die ihren Lohn nicht hergab, auf Veranlassung ihrer Herrin an der Türe hingesetzt und mit Stricken geschlagen; ihr Name aber war Dhanapali (= „Schatzhüterin“). Als nun jener auf der Straße ging und sah, wie sie geschlagen wurde, fragte er: „Warum schlagt ihr sie?“ „Sie kann keinen Lohn hergeben.“ „Welchen Namen hat sie aber?“ „Sie heißt ‘Schatzhüterin’.“ „Obwohl sie also ‘Schatzhüterin’ heißt, kann sie nicht einmal ihren Lohn geben?“ „Die ‘Schatzhüterinnen’ und die ‘Nichtschatzhüterinnen’ können im Elend sein. Der Name ist ja nur eine äußere Bezeichnung; du bist ein Tor, glaube ich.“ — Da wurde er noch gleichgültiger gegen den Namen. Und er verließ die Stadt und kam auf die Landstraße. Als er unterwegs einen Mann sah, der sich verirrt hatte, fragte er: „Edler, was tust du da beständig?“ „Ich habe mich verirrt, Herr.“ „Wie ist aber dein Name?“ „Ich heiße Panthaka (= „Wegmann“).“ „Können sich auch ‘Wegmänner’ verirren?“ „Ein ‘Wegmann’ kann sich verirren, ein ‘Nichtwegmann’ ebenso. Der Name ist ja nur eine äußere Bezeichnung; du aber bist ein Tor, glaube ich.“ Dadurch wurde jener völlig gleichgültig gegen den Namen und kehrte zum Bodhisattva zurück; und als er gefragt wurde: „Welchen Namen, Lieber, hast du dir gewählt?“, sprach er: „O Meister, auch die ‘Lebenden’ sterben wie die ‘Nichtlebenden’, die ‘Schatzhüterinnen’ sind im Elend wie die ‘Nichtschatzhüterinnen’, die ‘Wegmänner’ verirren sich wie die ‘Nichtwegmänner’. Der Name ist ja nur eine äußere Bezeichnung; durch den Namen kommt nicht das Glück, sondern durch die Tat kommt das Glück. Ich habe genug von einem andern Namen; dies soll mein Name bleiben.“ Der Bodhisattva aber verband, was jener gesehen und getan hatte, und sprach folgende Strophe:

§1. „Als den ‘Lebenden’ er tot sah,

die ‘Schatzhüterin’ im Elend

und im Wald verirrt den ‘Wegmann’,

kehrte wieder heim der ‘Böse’.“

 

§C. Nachdem der Meister diese Begebenheit aus der Vergangenheit erzählt und hinzugefügt hatte: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sucht dieser im Namen sein Glück, sondern auch schon früher war er so“, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Der damals im Namen sein Glück suchte, ist der auch jetzt im Namen sein Glück Suchende; die Schar des Lehrers war die Buddhaschar, der Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Glück durch Namen


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