Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

108. Die Erzählung von der Fremden (Bahiya-Jataka)

„Erlerne, was zu lernen ist“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er bei Vesali im Mahavana in der Pagodenhalle verweilte, mit Beziehung auf einen Licchavi [1]. Dieser Licchavi-König war gläubig und bekehrt; er lud die Mönchsgemeinde mit Buddha, ihrem Haupte, ein und spendete in seinem Hause ein großes Almosen. Seine Gattin aber war dick an allen großen und kleinen Gliedern und von aufgeblähtem Aussehen; auch war sie nicht entsprechend gekleidet. — Als nun nach Beendigung der Mahlzeit der Meister seine Danksagung verrichtet, kehrte er in das Kloster zurück, gab den Mönchen ihre Ermahnung und ging in sein duftendes Gemach.

Da begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, dieser so herrliche Licchavi-König hat eine solche Gattin, dick an den großen und kleinen Gliedern, von aufgeblähtem Aussehen und nicht passend gekleidet; wie kann er an ihr Freude haben?“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt ist dieser so, sondern auch schon früher erfreute er sich an einer Frau mit dickem Körper.“ Und auf ihre Bitte erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva dessen Minister. — Nun ging eine Frau mit dickem Körper und unschöner Bekleidung, während sie um Lohn arbeitete, unweit vom königlichen Hofe. Da kam sie ein körperliches Bedürfnis an; und sie bedeckte ihren Leib mit dem Untergewand, setzte sich nieder, erledigte ihr Geschäft und stand rasch wieder auf. In diesem Augenblicke schaute der König von Benares durch das Fenster in den königlichen Hof; und als er sie sah, dachte er: „Da diese an dieser Stelle des Hofes ihr Bedürfnis befriedigen wollte, hat sie, ohne die Scham und Furcht zu sündigen außer Acht zu lassen, sich mit ihrem Untergewande bedeckt, ihr Bedürfnis befriedigt und ist dann rasch wieder aufgestanden. Sie muss gesund sein, ihre Wohnung wird sauber sein. Ein Sohn aber, der in einer saubern Wohnung zur Welt kommt, wird tugendhaft sein; es kommt mir daher zu, sie zu meiner ersten Gemahlin zu machen.“ Und als er erfahren, dass sie niemandem gehöre, ließ er sie zu sich kommen und gab ihr die Stelle seiner ersten Gemahlin.

Sie war ihm lieb und wert. Nicht lange darauf gebar sie einen Sohn. Dieser ihr Sohn aber wurde ein Weltherrscher. Als nun der Bodhisattva dies ihr Glück sah, sagte er, als er eine Gelegenheit so zu reden erhielt: „O Fürst, warum ist die Kunst nicht zu lernen, die es sich zu lernen ziemt? Als sie nämlich, die Tugendreiche, ohne die Scham und Furcht zu sündigen außer Acht zu lassen, sich verhüllte und so ihr Geschäft verrichtete, hat sie Euch gefallen und ist dadurch zu solchem Glücke gelangt.“ Und indem er den Wert dessen pries, was zu lernen sich ziemt, sprach er folgende Strophe:

§1. „Erlerne, was zu lernen ist;

die Menschen eigenwillig sind.

Die Fremde selbst errang die Liebe

des Königs durch Schamhaftigkeit.“

So pries der Bodhisattva den Wert dessen, was zu lernen sich ziemt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Das damalige Ehepaar ist auch jetzt das Ehepaar, der weise Minister aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Fremden. 


[1] Die Licchavis sind das Adelsgeschlecht von Vesali, jetzt Besarh im Norden von Patna. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 248 f.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)