Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

119. Die Erzählung von dem zur Unzeit Krähenden (Akalaravi-Jataka)

„Nicht aufgezogen von den Eltern“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen zur Unzeit schreienden Mönch. Dieser nämlich, ein aus Savatthi stammender Sohn aus guter Familie, war im Orden Mönch geworden, erfasste aber keine Pflicht, noch Regel. Er wusste nicht, dass er zu der Zeit eine Pflicht besorgen, zu einer andern Zeit seine Aufwartung machen, wieder zu einer andern rezitieren müsse; sondern in der ersten Nachtwache wie in der zweiten und in der dritten Nachtwache machte er großen Lärm wie zu jeder Zeit, da er wach war, so dass die Mönche nicht schlafen konnten.

In der Lehrhalle sprachen einmal die Mönche von seiner Untugend mit folgenden Worten: „Freund, der Mönch so und so, der doch in dieser Edelstein-Lehre Mönch geworden ist, kennt nicht die Pflicht, noch die Regel; er weiß nicht, was an der Zeit und was nicht an der Zeit ist.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergesetzt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, lärmt dieser zur Unzeit, sondern auch schon früher lärmte er zur Unzeit. Weil er nicht wusste, was an der Zeit und nicht an der Zeit war, wurde er ums Leben gebracht, indem ihm der Hals umgedreht wurde.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie des Nordens seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen und zur Vollendung in allen Künsten vorgedrungen war, wurde er zu Benares ein weitberühmter Lehrer und unterrichtete fünfhundert junge Brahmanen in den Künsten. — Diese jungen Brahmanen hatten einen Hahn, der zur rechten Zeit krähte. Sobald sein Krähen ertönte, standen sie auf und lernten ihre Aufgabe. Da starb der Hahn und sie suchten nun beständig nach einem andern. Als aber ein junger Brahmane in einem Leichenfeldwalde Holz sammelte, sah er dort einen Hahn, nahm ihn mit, tat ihn in einen Käfig und pflegte ihn. — Weil dieser aber auf einem Leichenfelde aufgewachsen war, wusste er nicht, dass er zu der und der Zeit krähen müsse; und deshalb krähte er manchmal, wenn es noch ganz Nacht war, und manchmal erst bei Sonnenaufgang. Wenn er nun noch tief in der Nacht krähte und die jungen Brahmanen ihre Aufgabe lernten, konnten sie nicht bis zum Sonnenaufgang lernen, sondern schliefen ein und wussten dann nicht, was sie durchgenommen hatten. Wenn er aber erst am späten Morgen krähte, hatten sie keine Zeit mehr zum Rezitieren. Da dachten die jungen Brahmanen: „Dieser Hahn kräht entweder noch tief in der Nacht oder erst am späten Morgen; durch ihn wird unser Studium nicht gedeihen können.“ Und sie nahmen ihn, drehten ihm den Hals um und brachten ihn so ums Leben. Darauf erzählten sie ihrem Lehrer: „Den zur Unzeit krähenden Hahn haben wir getötet.“

Der Lehrer entnahm daraus eine Belehrung und sagte: „Weil er nicht so aufgezogen war, musste er sterben.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

§1. „Nicht aufgezogen von den Eltern,

von keinem Lehrer unterrichtet

vermochte nicht der Hahn zu merken,

was an der Zeit war und was nicht.“

Als der Bodhisattva diesen Grund dargelegt, verlebte er den Rest seines Lebens und gelangte dann an den Ort seiner Verdienste.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Der damals zur Unzeit krähende Hahn war dieser Mönch, die Schüler waren die Buddhaschar, der Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem zur Unzeit Krähenden


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)