Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

124. Die Erzählung von der Mango (Amba-Jataka) [0a]

„Bemühen möge sich der Mensch“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen diensteifrigen Brahmanen. Dieser nämlich, ein aus Savatthi stammender Sohn von guter Familie, hatte der Lehre sein Herz geschenkt, war Mönch geworden und sehr diensteifrig. Die Pflichten gegen die Lehrer und Unterweiser, die Pflichten in Bezug auf Essen und Trinken, auf die Uposatha-Halle [1], das Feuerhaus [2] u. dgl. erfüllte er genau; in den zwölf großen und den achtzig kleinen Vorschriften war er sehr gewissenhaft. Er fegte das Kloster, die Zelle, den Wandelhof und den Klosterweg; er gab den Leuten Wasser. Da den Leuten seine Gewissenhaftigkeit gefiel, spendeten sie beständig fünfhundert Mahlzeiten. So entstand eine große Ehrung durch Gaben. Durch ihn bekamen dadurch viele ein angenehmes Leben.

Eines Tages nun begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der Mönch so und so hat durch seine Diensteifrigkeit eine große Ehrung durch Gaben hervorgerufen; durch den einen haben viele ein angenehmes Leben erhalten.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, sondern auch schon früher war dieser Mönch diensteifrig. In früherer Zeit haben durch ihn allein fünfhundert Asketen, die, um Waldfrüchte zu holen, gekommen waren, sich von den durch ihn allein gebrachten Waldfrüchten genährt.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie des Nordens seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, betätigte er die Weltflucht der Weisen und wohnte an einem Berge, umgeben von fünfhundert Asketen. — Damals herrschte im Himalaya eine schreckliche Hitze; überall verschwand das Wasser und die Tiere kamen in Not, da sie kein Wasser fanden. Als aber einer von diesen Asketen ihre Durstesqualen bemerkte, spaltete er einen Baum, machte einen Trog daraus, füllte, indem er Wasser hineinfließen ließ, den Trog und gab ihnen dann das Wasser. Da sich nun viele Tiere versammelten, um Wasser zu trinken, hatte der Asket keine Zeit, sich Waldfrüchte zu suchen; aber obwohl ohne Nahrung, spendete er immer Wasser.

Da dachten die Tierscharen: „Da dieser uns Wasser gibt, findet er keine Zeit, sich Waldfrüchte zu suchen. Durch Nahrungsmangel wird er zu sehr geplagt; auf, lasst uns einen Vertrag machen!“ Und sie machten folgenden Vertrag: „Von jetzt an soll, wer, um zu trinken, herbeikommt, eine seiner Kraft entsprechende Frucht mitbringen.“ Von da an kam jedes Tier mit einer seiner Kraft entsprechenden, sehr süßen Frucht vom Mango-, Rosenapfel-, Brotfruchtbaum u. dgl. herbei. Die wegen eines Einzigen herbeigebrachten Waldfrüchte aber waren so viel, wie die Last von zweieinhalb Lastwagen. Die fünfhundert Asketen aßen davon, das übrig Gebliebene wurde weggeworfen.

Als dies der Bodhisattva sah, sagte er: „Durch einen Diensteifrigen ist für so viele Asketen, die herkamen, um Waldfrüchte zu sammeln, das Mahl zu Stande gekommen. Ja, das Streben nur muss man betätigen.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

§1. „Bemühen möge sich der Mensch,

nicht lasse nach der weise Mann.

Sieh hier nun der Bemühung Frucht;

wir aßen Mango ohne Zahl [3].“

So gab das große Wesen der Asketenschar die Belehrung.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der diensteifrige Asket dieser Mönch, der Meister der Schar aber war ich.“

Ende der Erzählung vom Mango


[0a] Bei Dutoit heißt das Jataka „von dem Mango“ (maskulinum, d.h. möglicherweise dem Mango-Baum, vgl. Jataka 4 Anm. 1). Das Jataka ist aber offensichtlich nach der in der Strophe erwähnten Mango-Frucht (femininum) benannt.

[1] Die Halle, in der die Beichtfeier der Mönche stattfand; also eine Art Kapitelsaal.

[2] Die Bedeutung von „jantagharam“ steht nicht fest. Während es gelegentlich durch „aggisala“ ersetzt wird, findet sich auch die Deutung als „Wandelhalle“ oder als „Badehaus“ (Chalmers).

[3] Die erste Hälfte der Strophe findet sich auch im 52. Jataka Strophe 1.


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