Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

128. Die Erzählung von der Katze (Bilara-Jataka)

„Wer sich der Tugend Flagge beilegt“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen heuchlerischen Mönch. Als nämlich damals der Meister von dessen Heuchelei Kenntnis erhielt, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch schon früher war dieser ein Heuchler.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt als eine Ratte. Er war mit Einsicht erfüllt, besaß einen großen Körper gleich einem jungen Eber und wohnte im Walde, umgeben von einigen hundert Ratten. — Ein Schakal [1] aber, der hier und da herumstreifte, sah die Rattenherde und dachte: „Ich werde diese Ratten betrügen und auffressen.“ Und er stellte sich unweit von der Wohnung der Ratten, das Gesicht der Sonne zugewendet, den Wind einziehend, auf einem Fuße auf. Als der Bodhisattva auf Nahrung ausging und ihn sah, dachte er: „Es wird ein Braver sein“; und er ging zu ihm hin und fragte: „Ehrwürdiger, wie ist dein Name?“ „Ich heiße ‘Tugendhaft’ [1a].“ „Warum stellst du nicht deine vier Füße auf den Boden, sondern stehst auf einem?“ „Wenn ich meine vier Füße auf die Erde stelle, kann mich die Erde nicht tragen; deshalb stehe ich nur auf einem Fuße.“ „Warum stehst du mit geöffnetem Munde da?“ „Wir genießen keine andere Nahrung, sondern wir leben nur vom Winde.“ „Warum aber stehst du da, das Antlitz der Sonne zugewendet?“ „Ich verehre die Sonne.“

Als der Bodhisattva dessen Worte vernommen, dachte er: „Er wird tugendhaft sein“, und ging von da ab mit seiner Rattenschar am Abend und am Morgen, um ihm aufzuwarten. Wenn er aber seine Aufwartung gemacht hatte und wegging, erfasste der Schakal die allerhinterste Ratte, fraß ihr Fleisch, verschlang sie und stand da, sich den Mund abwischend. So wurde allmählich die Rattenschar klein. Die Ratten dachten: „Früher war für uns diese Wohnung nicht ausreichend, wir standen dicht beieinander; jetzt stehen wir bequem und doch ist die Wohnung nicht voll. Was ist das?“ Und sie teilten dies dem Bodhisattva mit. — Als nun der Bodhisattva darüber nachdachte, aus welcher Ursache die Ratten so wenig geworden seien, fasste er Verdacht gegen den Schakal; und indem er dachte: „Ich will ihn auf die Probe stellen“, ließ er zur Zeit der Aufwartung die übrigen Ratten vorausgehen und blieb selbst der hinterste. Da sprang der Schakal auf ihn los. Als der Bodhisattva merkte, dass der Schakal auf ihn lossprang, um ihn zu fassen, wandte er sich um und sagte: „He, Schakal, diese deine Tugendfülle entspringt nicht der Frömmigkeit, sondern, um andere zu schädigen, wandelst du unter der Tugendflagge!“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

§1. „Wer sich der Tugend Flagge beilegt

und im Verborgnen Böses tut

an Wesen, die Vertrau'n ihm schenken,

der übt der Katzen Tugend nur.“

Während dies der Rattenkönig sagte, sprang er jenem an den Hals, biss ihn unter den Kinnbacken in die Luftröhre [2] und brachte ihn durch das Zerbeißen der Luftröhre ums Leben. Die Rattenschar kehrte um und fraß den Schakal mit knirschenden Zähnen auf; dann gingen sie weg. Die zuerst Gekommenen bekamen sein Fleisch, die zuletzt Gekommenen erhielten nichts. Von da an war die Rattenschar frei von Furcht.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Schakal der heuchlerische Mönch, der Rattenkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Katze


[1] In der ganzen Erzählung ist von einem Schakal die Rede, während der Titel wie auch die Strophe sich auf eine Katze beziehen. Eine Version der Erzählung, in der die Katze die Rolle des Schakals spielt, findet sich nach Chalmers' Angabe im Mahabharata.

[1a] Auf Pali: „Dhammika“.

[2] Das Wort kann auch bedeuten „Halsschlagader“, wie Steinthal übersetzt. Die wörtliche Bedeutung ist „Röhre im Innern des Halses“.


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