Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

148. Die Erzählung von dem Schakal (Sigala-Jataka)

„Nicht noch einmal, nicht abermals“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Unterdrückung der Begierden. Zu Savatthi nämlich hatten fünfhundert Freunde, sehr wohlhabende Großkaufmannssöhne, die Predigt des Meisters gehört, der Lehre ihr Herz geschenkt und waren Mönche geworden. Sie wohnten in dem Jetavana, das mit auf die Spitze gestellten Millionen belegt war [1]. Eines Tages aber entstand in ihnen zur Mitternachtszeit eine durch sinnliche Begierde hervorgerufene Vorstellung. Sie wurden unzufrieden und bekamen Lust, den von ihnen aufgegebenen Begierden sich wieder zu widmen.

Unmittelbar nach Mitternacht aber erhob der Meister die Fackel seiner Allwissenheit, um zu sehen, welches Verlangen die Mönche im Jetavana jetzt erfülle; und indem er ihre Gedanken betrachtete, merkte er, dass im Innern dieser Mönche eine Vorstellung der Lust und der Begierde entstanden sei. Wie aber eine Frau, die nur einen Sohn hat, ihren Sohn, oder wie ein Mann, der nur ein Auge hat, sein Auge, so behütet der Meister seine Schüler; und wenn zu irgendeiner Zeit, am Vormittag oder zu andrer Zeit, Begierden dieselben befallen, so lässt er diese Begierden nicht sich weiter entwickeln, sondern er unterdrückt sie zu der nämlichen Zeit. Darum kam ihm folgender Gedanke: „Dies ist so, wie wenn Räuber in die Stadt eines weltbeherrschenden Königs geraten wären. Jetzt werde ich ihnen eine Lehrunterweisung geben, die Begierden in ihnen vernichten und sie zur Heiligkeit führen.“

Und er verließ sein von Wohlgerüchen duftendes Gemach und rief, indem er mit süßer Stimme: „Ananda“, sagte, den ehrwürdigen Thera Ananda, den Schatzmeister der Lehre. Der Thera kam mit den Worten: „Was, Herr?“, herbei, begrüßte ihn und blieb stehen. Der Meister sprach zu ihm: „Ananda, lass alle Mönche, so viele in dem Kloster, das mit auf die Spitze gestellten Millionen belegt ist, sich aufhalten, in dem duftenden Gemache sich versammeln.“ Er dachte sich nämlich: „Wenn ich nur diese fünfhundert Mönche rufen lassen werde, so werden sie denken: ‘Der Meister hat erkannt, dass in unserm Innern Begierden aufgestiegen sind’, und werden, aufgeregt wie sie sind, die Lehrunterweisung nicht verstehen können.“ Darum sagte er: „Lass alle sich versammeln.“

Der Thera versetzte: „Gut, Herr“; und er nahm einen Schlüssel, ging von einer Zelle zur andern, ließ alle Mönche in dem duftenden Gemache zusammenkommen und richtete den Buddhasitz her. Der Meister kreuzte seine Füße, richtete seinen Körper gerade in die Höhe, dem Berge Sineru gleich, der auf felsigem Boden steht, und setzte sich nieder auf dem hergerichteten Buddhasitze, indem er sechsfarbige Buddhastrahlen gleich Girlandenpaaren entsandte. Diese Strahlen spalteten sich alle in der Größe von Platten, von Baldachinen und vom Innern von Pagoden und fuhren wie Blitze zum Himmel hinauf. Es war, wie wenn die Sonne strahlend aufginge und in das Innere des Meeres dränge. Die Mönchsgemeinde aber begrüßte den Meister, zeigte ihre ehrfurchtsvolle Gesinnung und ließ sich im Kreise nieder, wie wenn sie ein Zelt aus roten Stoffen herumlegen würde [2].

Jetzt ließ der Meister seine Brahma-Stimme ertönen und sprach zu den Mönchen: „Ihr Mönche, es ziemt nicht für einen Mönch, die Betrachtung der Lust, die Betrachtung des Hasses, die Betrachtung der Verletzung, diese drei Unheilsbetrachtungen zu betätigen. Es ziemt nicht zu meinen, eine im Innern aufsteigende Begierde sei geringfügig. Eine Begierde nämlich gleicht einem Feinde. Einen unbedeutenden Feind aber gibt es nicht; denn wenn er Gelegenheit erlangt, bringt er Verderben. Ebenso bringt auch eine klein scheinende Begierde, wenn sie aufsteigt und Gelegenheit erhält zu wachsen, großes Verderben mit sich. Die sinnliche Begierde nämlich gleicht dem Halahala-Gifte, sie ist wie ein Hautjucken, sie ist dem Schlangengifte vergleichbar und ähnelt dem Feuer von Indras Donnerkeil; man darf ihr nicht anhangen, sondern muss sie fürchten. In demselben Augenblick, wo sie entsteht, muss man sie durch die Kraft der Überlegung und ernster Betrachtung aufgeben, ohne sie auch nur einen Augenblick im Herzen zu belassen, den Wassertropfen gleich, die vom Lotosblatt herunterrollen. Schon in der Vorzeit haben Weise auch eine nur klein scheinende Begierde getadelt und unterdrückt, so dass sie nicht wieder in ihrem Innern aufstieg.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva als Schakal seine Wiedergeburt und hatte seinen Aufenthalt in einem Walde am Flussufer. Damals starb ein alter Elefant am Ufer des Ganges. Als der Schakal bei seinem Suchen nach Futter dessen Leichnam sah, dachte er: „Viel Speise habe ich erhalten“; und er ging hin und biss in den Rüssel. Es war aber, als hätte er in eine Pflugdeichsel gebissen. Er merkte, dass da nichts Essbares sei, und biss in einen Zahn; es war aber, als hätte er auf einen Knochen gebissen. Er biss in ein Ohr; es war, als bisse er in das Ende eines Spreukorbes. Er biss in den Bauch und es war, als bisse er auf einen Kornboden. Er biss in den Fuß und es war, als bisse er in einen Mörser. Er biss in den Schwanz und es war, als bisse er in eine Keule. Während er dachte: „Auch hier ist nichts, was zum Verspeisen passt“, und nirgends Befriedigung fand, biss er noch in den After; da war es, als bisse er in einen weichen Kuchen. Da dachte er: „Jetzt habe ich an diesem Körper eine weiche Stelle gefunden, die man verzehren kann“; und während er weiter fraß, gelangte er in den Leib. Hier verzehrte er die Nieren, das Herz usw.; wenn es ihn dürstete, trank er das Blut; wenn er sich niederlegen wollte, breitete er sich auf dem Magen aus und legte sich nieder. Dabei kam ihm folgender Gedanke: „Dieser Elefantenkörper ist mir wie ein Haus wegen des ruhigen Wohnens; wenn ich Lust zum Fressen habe, gibt er mir viel Fleisch. Was brauche ich sonst noch zu tun?“ Und er ging nicht mehr anderswohin, sondern fraß nur noch im Leibe des Elefanten Fleisch und wohnte dort.

Als aber die Zeit verging, trocknete infolge des Glutwindes und der Hitze der Sonnenstrahlen der Körper aus und bekam Falten. Dabei schloss sich die Pforte, durch die der Schakal eingedrungen war, und im Innern des Leibes wurde es dunkel. Der Aufenthaltsort des Schakals wurde wie ein Weltenzwischenraum [3]. Als aber der Körper vertrocknete, vertrocknete auch das Fleisch. Auch das Blut ging zur Neige. Als nun der Schakal die Ausgangspforte nicht mehr fand, rannte er von Angst erfüllt herum, stieß überall an und suchte so beständig nach der Ausgangspforte. Während er so im Leibe des Elefanten herumflog wie ein Mehlkloß im Kochtopf, entstand nach Verlauf einiger Tage ein starker Regen. Dieser benetzte den Körper und gab ihm sein früheres Aussehen zurück. Der After öffnete sich wieder und die Öffnung wurde sichtbar wie ein Stern. Als der Schakal den Spalt sah, dachte er: „Jetzt ist mir das Leben wiedergeschenkt“; und er ging bis zum Haupte des Elefanten zurück, sprang rasch vor, stieß mit dem Kopfe an den After und gelangte hinaus. Weil aber sein Körper geschwächt war [4], blieben alle seine Haare am After hängen.

Nun lief er mit seinem einem Palmenstamme gleichenden haarlosen Körper noch ganz erschrocken ein wenig vorwärts; dann kehrte er um, setzte sich nieder, seinen Körper betrachtend, und dachte: „Dieses Leid ist mir nicht von einem andern zugefügt worden; wegen meiner Gier, durch Gier veranlasst, infolge meiner Gier habe ich es mir selbst bereitet. Von jetzt an werde ich nicht mehr in der Gewalt der Gier bleiben; in einen Elefantenkörper werde ich nicht mehr hineingehen.“ Und in seiner Erregung sprach er folgende Strophe :

§1. „Nicht noch einmal, nicht abermals,

gewiss nicht mehr ein einz'ges Mal

des Elefanten Leib betret ich;

denn hier ward ich von Furcht erfüllt.“

Nachdem er aber so gesprochen, lief er von da fort und drehte sich nie mehr nach einem Elefantenleib oder einem andern Körper auch nur um, um hinzuschauen. Von da an war er nicht mehr der Begierde Untertan.

 

§A2. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Ihr Mönche, wenn eine sinnliche Begierde im Innern aufsteigt, darf man sie nicht anwachsen lassen, sondern muss sie sofort unterdrücken.“

 

§C. Darauf verkündete er die Wahrheiten und verband das Jataka mit folgenden Worten (Am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangten jene fünfhundert Mönche zur Heiligkeit; unter den übrigen wurden einige bekehrt, einige einmalzurückkehrend, einige nichtzurückkehrend): „Damals war ich der Schakal.“

Ende der Erzählung von dem Schakal


[1] Dies ist die wörtliche Bedeutung des Wortes „antokotisanthare“. Es wird damit hingewiesen auf die Überlieferung, wie Anathapindika das Jetavana kaufte; vgl. „Leben des Buddha“, S. 147.

[2] Zu diesem von der gelbroten Farbe der Mönchsgewänder hergenommenen Vergleiche vgl. den ähnlichen Vergleich in der Vorgeschichte zu Jataka 4.

[3] Die Welten, unendlich an Zahl, sind in Gruppen zu je drei angeordnet. In der Mitte einer solchen Gruppe ist ein Raum völlig dunkel, weil von keiner Sonne beschienen. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 319, Anm. 1.

[4] Die Handschriften gehen hier auseinander, doch ergeben sämtliche Lesarten obigen Sinn. Gemeint ist, dass der Schakal infolge der mehrtägigen Angst so geschwächt ist, dass ihm beim geringsten Anstoß die Haare ausfallen. Chalmers lässt in seiner Übersetzung der Stelle diesen Ausdruck ganz weg.


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