Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

150. Die Erzählung von Sanjiva (Sanjiva-Jataka)

„Wer gerne etwas Böses tut“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf die bösen Anschläge des Königs Ajatasattu [1]. Dieser nämlich hatte an dem lasterhaften, bösen Devadatta, dem Feinde der Buddhas, Gefallen gefunden und begünstigte den schlechten, verworfenen Menschen. Um ihn zu ehren, opferte er viel Geld und erbaute ihm auf dem Geierskopf ein Kloster. Nur seine Worte nahm er an; er tötete seinen eigenen Vater [2], den gerechten König, den zur Frucht der Bekehrung gelangten edlen Schüler, zerstörte dadurch seine eigene Fähigkeit zum Wege der Bekehrung und stürzte so in großes Verderben. — Als er hörte, Devadatta sei in die Erde hinabgefahren, dachte er: „Vielleicht verschlingt auch mich die Erde“; und von Furcht gepeinigt genoss er kein Glück bei seiner Herrschaft, auf seinem Lager fand er keine Beruhigung, er zitterte beständig wie ein von schweren Martern heimgesuchter junger Elefant. Es kam ihm vor, als spalte sich die Erde und die Höllenflammen kämen daraus hervor, als verschlinge ihn selbst die Erde, als müsse er ausgestreckt auf der rotglühenden Erde liegen und werde mit eisernen Pfählen gepeinigt. Darum zitterte er und konnte keinen Augenblick stille stehen gleich einem verwundeten Hahne. Er wollte den völlig Erleuchteten aufsuchen, ihn um Verzeihung bitten und ihm seine Fragen vorlegen; wegen der Größe seiner Sünde aber vermochte er nicht, zu ihm zu gehen.

Damals wurde in der Stadt Rajagaha die Vollmondnacht des Kattika-Monats gefeiert und die Stadt war geschmückt wie eine Götterstadt. Da er nun in seinem Thronsaale umgeben von der Schar seiner Minister auf seinem goldenen Sessel saß, sah er den Jivaka Komarabhacca [3] unweit sitzen und dachte: „Ich will mit Jivaka zu dem völlig Erleuchteten hingehen. Ich kann aber nicht gerade heraus sagen: ‘Ich, lieber Jivaka, vermag nicht, allein hinzugehen; gehe und führe mich zum Meister hin’; sondern ich will der Reihe nach die Schönheit der Nacht preisen und dann sagen: ‘Welchen Asketen oder Brahmanen sollen wir heute in Verehrung aufsuchen, dass unser Herz Befriedigung finde?’ Wenn die Minister dies hören, werden sie die Vorzüge ihrer Meister aufzählen; Jivaka aber wird den Ruhm des völlig Erleuchteten verkünden. Hierauf will ich mit ihm zu dem Meister hingehen.“ Und er pries in folgenden fünf Versen [4] die Nacht:

§0.1 „Herrlich fürwahr ist die heitere Nacht,

gar schön fürwahr ist die heitere Nacht,

sehenswert wohl ist die heitere Nacht,

lieblich fürwahr ist die heitere Nacht,

reizend fürwahr ist die heitere Nacht.“

Dann fuhr er fort: „Welchen Asketen oder Brahmanen könnte ich heute wohl in Verehrung aufsuchen, dass mein Herz Befriedigung fände?“

Darauf pries ein Minister den Ruhm des Purana Kassapa [5], einer den des Makkhali Gosala, einer den des Ajita Kesakambala, einer den des Kakudha Kaccayana, einer den des Safijaya, des Sohnes des Belatthi, und einer den Ruhm des Nigantha Nathaputta [6]. Der König hörte ihre Reden an und blieb still, denn er wartete auf die Rede des Oberministers [7] Jivaka. Jivaka aber dachte: „Ich will sehen, ob der König nur mit Beziehung auf mich geredet hat“, und blieb still in seiner Nähe sitzen. Da sprach der König zu ihm: „Warum bist du denn still, lieber Jivaka?“ — In diesem Augenblicke erhob sich Jivaka von seinem Sitz, faltete die Hände nach der Richtung, wo der Erhabene sich aufhielt, und sprach: „O König, der Heilige, der völlig Erleuchtete weilt in unserm Mangowalde mit zwölfhundertfünfzig [8] Mönchen. Über diesen Erhabenen aber hat sich folgendermaßen das herrliche Gerücht seines Ruhmes verbreitet.“ Und er zählte seine neun Vorzüge auf, beginnend mit „der Heilige“ [9], setzte auseinander, wie durch die Macht des Erhabenen von seiner Geburt an die früheren Vorzeichen erfüllt worden seien [10], und sagte zum Schlusse: „Diesen Erhabenen möge der König in Verehrung aufsuchen; er möge die Lehre hören, er möge an ihn Fragen stellen.“

Als der König seinen Wunsch erfüllt sah, sprach er: „Lass also, lieber Jivaka, die Reitelefanten zurechtmachen.“ Darauf zog er mit großem Königspompe nach dem Mangowalde des Jivaka und sah den Vollendeten im duftenden Pavillon, umgeben von der Schar der Mönche. Er betrachtete von allen Seiten die Mönchsgemeinde, die sich nicht bewegte, dem großen Meere gleich, inmitten der ruhigen Wogen, und dachte: „Eine derartige Versammlung habe ich noch nie vorher gesehen.“ Befriedigt über ihre würdige Haltung verneigte er sich mit gefalteten Händen vor der Mönchsgemeinde und lobte sie; dann begrüßte er den Erhabenen und fragte ihn, an seiner Seite sitzend, nach der Frucht des Mönchtums. Darauf trug ihm der Erhabene das Sutta von der Frucht des Mönchtums [11] in zwei Kapitel geteilt [12] vor. Hocherfreut bat jener am Ende des Sutta den Erhabenen um Verzeihung, erhob sich von seinem Sitze, umwandelte ihn von rechts und entfernte sich.

Als der König noch nicht lange weggegangen war, sprach der Meister zu den Mönchen: „Seines Fundamentes beraubt [13], ihr Mönche, ist dieser König. Wenn dieser König, ihr Mönche, nicht aus Herrschsucht seinen tugendhaften, in Gerechtigkeit regierenden Vater des Lebens beraubt hätte, wäre ihm auf diesem Sitze das reine, fleckenlose Auge der Weisheit [14] zuteil geworden. Wegen Devadattas aber, weil er diesen Bösen begünstigte, ist er der Frucht der Bekehrung verlustig gegangen [15].“

Am nächsten Tage begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, Ajatasattu, der einen Bösen begünstigte, ist, weil er durch den lasterhaften, verworfenen Devadatta veranlasst seinen Vater tötete, der Frucht der Bekehrung verlustig gegangen; durch Devadatta ist der König zugrunde gerichtet worden.“

Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Erzählung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Ajatasattu, weil er einen Bösen begünstigte, in großes Verderben gestürzt, sondern auch früher schon hat er sich durch Begünstigung des Bösen selbst zugrunde gerichtet.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer sehr vermögenden Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, ging er nach Takkasila, erlernte dort alle Künste und wurde hierauf zu Benares ein weitberühmter Lehrer, der fünfhundert junge Brahmanen in den Künsten unterrichtete. Unter diesen jungen Brahmanen befand sich auch ein Jüngling namens Sanjiva. Ihn lehrte der Bodhisattva den Zauberspruch, um Tote ins Leben zurückzurufen. — Als er nun den Auferweckungsspruch gelernt hatte, den dessen Wirkung aufhebenden Zauberspruch aber noch nicht, ging er einmal mit den jungen Brahmanen in den Wald, um Holz zu holen. Da sah er einen toten Tiger und sprach zu den jungen Brahmanen: „He, ich werde diesen toten Tiger wieder zum Leben erwecken.“ Die anderen sagten: „Das wirst du nicht können.“ „Ich werde ihn vor euren Augen wieder lebendig machen.“ Darauf sprachen sie: „Wenn du es kannst, junger Brahmane, so mache ihn wieder lebendig“, und stiegen auf einen Baum.

Sanjiva sagte den Zauberspruch her und traf den toten Tiger mit einem Kieselstein. Der Tiger erhob sich, sprang rasch auf Sanjiva los, biss ihn in die Luftröhre und brachte ihn so ums Leben; dann fiel er tot hin [16]. Auch Sanjiva fiel tot hin. So lagen die beiden tot an einer Stelle. — Die jungen Brahmanen aber kehrten mit dem Holz zurück und teilten die Begebenheit ihrem Lehrer mit. Der Lehrer sprach zu den jungen Brahmanen: „Ihr Lieben, wer einen Bösen begünstigt und an unrechtem Ort ihn verehrt und ihm huldigt, dem wird solches Leid zuteil.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophe:

§1. „Wer gerne etwas Böses tut

und wer dem Bösen sich ergibt,

den stürzt das Böse ins Verderben,

so wie der Tiger den Sanjiva.“

Nachdem der Bodhisattva durch diese Strophe den jungen Brahmanen die Wahrheit erklärt hatte, tat er gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangte dann an den Ort seiner Verdienste.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der junge Brahmane, der den toten Tiger ins Leben zurückrief, Ajatasattu; der weitberühmte Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von Sanjiva


[1] Über diesen König von Magadha vgl. Jataka 26 Anm. 1.

[2] In dem Berichte des Cullavagga (übersetzt in „Leben des Buddha“, S. 170 ff.) findet sich davon nichts, wohl aber im Samannaphala-Sutta des Digha-Nikaya; vgl. unten Anm. 11.

[3] Jivaka Komarabhacca war der Leibarzt des Königs von Magadha. Er war ein begeisterter Anhänger Buddhas; in seinem Mangowalde hielt sich dieser öfters auf; vgl. die Vorgeschichte zu Jataka 4.

[4] Chalmers bemerkt, dass die folgenden Zeilen irrtümlich als Verse gedruckt sind; doch weist das Wort „padam“ deutlich auf Verse hin.

[5] Dieser und die folgenden sind die Häupter nichtbuddhistischer Sekten zur Zeit des Buddha. Außer dem letzten tritt besonders Makkhali Gosala unter ihnen hervor.

[6] Dies ist der eigentliche Name des Mahavira, des Stifters der Jainas, die heute noch in Indien bestehen. Er war der gefährlichste Konkurrent Buddhas. Vgl. „Leben des Buddha“, S. 188 ff.

[7] In Wirklichkeit war er, wie oben erwähnt, der Leibarzt des Königs.

[8] Chalmers übersetzt irrtümlich „addhatelasehi satehi“ mit „thirteen hundred and fifty“.

[9] Diese Reihe von Vorzügen ist im Digha-Nikaya Nr.2, bei Rhys Davids Bd. I, S. 49 aufgeführt. [„Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerherde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.“]

[10] Die Stelle bezieht sich wohl auf die Vorzeichen, die nach der späteren Annahme im Leben jedes Buddha erfüllt sein müssen. Vgl. dazu „Leben des Buddha“, S. 1 ff.

[11] Dies ist das oben erwähnte Samannaphala-Sutta [DN 2], herausgegeben von Rhys Davids im I. Bande des Digha-Nikaya, S. 47 ff.

[12] Im Sutta, wie es uns überliefert ist, findet sich diese Scheidung in zwei Kapitel (bhanavara) nicht.

[13] Wörtlich: „Ausgegraben“.

[14] D. h. die übernatürliche Einsicht, dass, was einen Ursprung hat, auch ein Ende haben muss. Diese Einsicht ist die Grundlage für den Weg zur Heiligkeit.

[15] Nicht als ob er schon diese Furcht der Bekehrung besessen hätte, sondern er hat die Fähigkeit zur Bekehrung verloren. Übrigens findet sich dieser Zusatz nicht im Sutta.

[16] Wenn der den Zauber Bewerkstelligende tot ist, fällt auch der Zauber wieder in nichts zusammen.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)