Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

151. Die Erzählung von der Königsermahnung (Rajovada-Jataka)

„Dem Strengen strenge er vergilt“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Königsermahnung.

§D. Dieselbe wird im Tesakuna-Jataka [1] erzählt werden.

Als aber eines Tages der König von Kosala eine auf schlechtem Wandel beruhende, schwer zu entscheidende Sache untersucht hatte, bestieg er nach dem Frühmahle mit noch feuchten Händen [2] seinen geschmückten Wagen und begab sich zu dem Meister. Er verehrte den Meister zu dessen einer aufgeblühten Lotosblume an Herrlichkeit gleichenden Füßen und setzte sich ihm zur Seite. Darauf sprach der Meister zu ihm: „Holla, warum kommst du, o Großkönig, zur Unzeit?“ Jener erwiderte: „Herr, da ich heute eine auf schlechtem Wandel beruhende, schwer zu entscheidende Sache untersuchte, fand ich keine Zeit; jetzt habe ich sie entschieden und komme nun, nachdem ich gespeist, noch mit feuchten Händen zu Eurer Aufwartung.“ Der Meister erwiderte: „O Großkönig, es ist geziemend, in Recht und Gerechtigkeit die Klagen zu untersuchen; dies ist der Weg zum Himmel. Es ist jedoch kein Wunder, dass Ihr, die Ihr bei einem Allwissenden, wie ich, Unterweisung empfangt, in Recht und Gerechtigkeit eine Sache entscheidet. Das aber ist ein Wunder, dass früher Könige, die die Worte von nicht allwissenden Weisen gehört hatten, in Gerechtigkeit und Recht die Klagen untersuchten, die vier Arten üblen Wandels [3] vermieden, die zehn Königstugenden [4] betätigten, in Gerechtigkeit ihre Regierung führten und so den Weg zum Himmel gingen.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit:

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt. Nachdem die Feier der Empfängnis [5] gehalten war, verließ er in Sicherheit den Mutterleib. Am Tage der Namengebung aber erhielt er den Namen Prinz Brahmadatta. Nachdem er allmählich herangewachsen war, begab er sich im Alter von sechzehn Jahren nach Takkasila. Als er dort die Vollendung in allen Künsten erlangt, bestieg er nach dem Tode seines Vaters den Thron und führte in Gerechtigkeit und Recht die Regierung. Ohne dem Wohlgefallen usw. [6] sich hinzugeben, führte er die gerichtliche Untersuchung. Während er aber in Gerechtigkeit die Herrschaft führte, trafen auch seine Minister in ihrem Amtsbereich gerechte Entscheidungen. Da die Geschäfte mit Gerechtigkeit entschieden wurden, gab es keine Leute mehr, die falsche Klagen stellten. Da diese nicht mehr vorhanden waren, verstummte im Hofe des Königs der Lärm der Klageführenden. — Wenn sich nun die Minister am Tage auf den Richterstuhl setzten, sahen sie, dass niemand zur Untersuchung kam, und entfernten sich wieder. So kam die Gerichtsstätte in den Zustand der Verlassenheit.

Da dachte der Bodhisattva bei sich: „Während ich in Gerechtigkeit meine Regierung führe, gibt es niemand mehr, der zur Untersuchung kommt. Der Lärm ist verstummt, die Gerichtsstätte in den Zustand der Verlassenheit gekommen. Jetzt kommt es mir zu, nach meinen eigenen Untugenden zu suchen; und wenn ich erkannt habe: ‘Dies ist eine Untugend von mir’, so will ich sie aufgeben und nur den Tugenden obliegen.“ Von da an forschte er: „Gibt es jemand, der eine Untugend von mir erzählt?“ Da er nun unter denen, die innerhalb des Palastes beschäftigt waren, keinen fand, der eine Untugend von ihm erzählte, sondern nur seine Tugend preisen hörte, dachte er weiter: „Diese sagen vielleicht aus Furcht vor mir keine Untugend, sondern erzählen nur von meiner Tugend.“ Und er forschte die außerhalb des Palastes Beschäftigten aus. Als er auch dort von keiner Untugend hörte, forschte er innerhalb der Stadt, dann außerhalb der Stadt und in den Vorstädten, die sich an die vier Stadttore anschlossen.

Auch dort fand er niemand, der eine Untugend von ihm erzählte, sondern hörte nur immer seine Tugend rühmen; daher dachte er: „Ich will auf dem Lande danach forschen.“ Und er übergab seinen Ministern die Regierung, bestieg seinen Wagen, nahm nur seinen Wagenlenker mit und verließ in unkenntlich machendem Gewand die Stadt. Indem er nun das Land durchforschte und bis an das Grenzland kam, fand er niemand, der eine Untugend von ihm erzählte, und hörte nur seine Tugend rühmen. Daher kehrte er vom Ende des Grenzlandes auf der großen Heerstraße wieder um, nach seiner Stadt gewendet.

In dieser Zeit aber forschte auch der König von Kosala, Mallika mit Namen, der in Gerechtigkeit seine Regierung führte, nach seinen Untugenden. Da er unter den im Innern des Palastes Beschäftigten usw. niemand fand, der eine Untugend von ihm erzählte, sondern nur seine Tugend preisen hörte, durchforschte er das Land und kam dabei an diese Stelle. — Die beiden kamen sich entgegen in einem tiefen Hohlwege. Es war kein Platz da zum Ausweichen für die Wagen. Da sprach der Wagenlenker des Königs Mallika zum Wagenlenker des Königs von Benares: „Mache Platz mit deinem Wagen.“ Dieser erwiderte: „Holla, du Wagenlenker mache du Platz mit deinem Wagen! Auf diesem Wagen sitzt der Beherrscher des Königreichs von Benares, der große König Brahmadatta.“ Der andre versetzte: „Holla, du Wagenlenker, auf diesem meinem Wagen sitzt der Beherrscher des Reiches Kosala, der große König Mallika. Weiche mit deinem Wagen aus und mache Platz für den Wagen unsers Königs!“

Nun bedachte der Wagenlenker des Königs von Benares: „Auch dieser ist ein König; was ist da zu tun?“ Da fasste er folgenden Entschluss: „Folgendes ist ein Mittel: Ich will nach dem Alter fragen. Den Wagen des Jüngern will ich ausweichen lassen und für den Älteren Platz machen lassen.“ Und er fragte den Wagenlenker des Königs von Kosala nach dem Alter (seines Königs). Als er nachforschte, merkte er, dass das Alter der beiden gleich war; deshalb fragte er weiter nach dem Umfange des Reiches, nach seiner Macht, nach seinem Vermögen, nach seinem Ruhme, nach seiner Kaste, Abstammung, Familie und seinem Range. Als er nach dem allem gefragt, erkannte er: .“Die beiden sind Herren über ein Reich von dreihundert Yojanas, sie sind gleich an Macht, Vermögen, Ruhm, Kaste, Abstammung, Familie und Rang.“ — Darauf dachte der Wagenlenker: „Ich will für den Tugendhafteren Platz machen“, und er fragte: „Wie verhält es sich mit dem tugendhaften Wandel eures Königs? Der andre sagte: „So und so ist der tugendhafte Wandel unsers Königs“; aber er verkündigte statt der Tugend nur die Untugenden seines Königs. Er sprach nämlich folgende Strophe:

§1. „Dem Strengen strenge er vergilt,

mit Sanftmut Mallika dem Sanften.

Den Guten er besiegt durch Güte,

den Bösen aber auch durch Bosheit.

So ist geartet dieser König;

geh aus dem Wege, Wagenlenker!“

Darauf fragte ihn der Wagenlenker des Königs von Benares: „Holla, hast du jetzt die Tugenden deines Königs aufgezählt?“ Als er zur Antwort erhielt: „Ja“, fuhr er fort: „Wenn dies Tugenden sind, wie sehen dann die Untugenden aus?“ Jener erwiderte: „Mögen dies immerhin Untugenden sein, wie sind aber die Tugenden eures Königs?“ Darauf versetzte der andere: „Höre also zu“; und er sprach folgende zweite Strophe:

§2. „Durch Milde er den Zorn besiegt,

den Bösen er besiegt durch Güte,

den Geizigen durch eine Gabe,

durch Wahrheit den falsch Redenden.

So ist geartet dieser König;

geh aus dem Wege, Wagenlenker.“

Nach diesen Worten stiegen beide, der König Mallika und sein Wagenlenker, vom Wagen, machten die Rosse los, führten den Wagen weg und gaben dem Könige von Benares den Weg frei. Der König von Benares aber ermahnte den König Mallika: „Dies und das ziemt zu tun.“ Darauf kehrte er nach Benares zurück, verrichtete gute Werke wie Almosen Spenden u. dgl. und gelangte am Ende seines Lebens in den Himmel. —

Der König Mallika nahm seine Ermahnung an. Nachdem er sein Land durchforscht und niemand gefunden hatte, der eine Untugend von ihm erzählte, begab er sich wieder in seine eigene Stadt, verrichtete gute Werke wie Almosen Spenden u. dgl. und gelangte auch am Ende seines Lebens in den Himmel.

 

§C. Nachem der Meister, um den König von Kosala zu ermahnen, diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Wagenlenker des Königs von Kosala Moggalana, sein König war Ananda, der Wagenlenker des Königs von Benares war Sariputta, der König aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Königsermahnung


[1] Dies ist das 521. Jataka.

[2] Also ohne sich die Zeit zu nehmen, sich nach dem Mahle die Hände abzutrocknen.

[3] Vgl. Jataka 22 Anm. 5. [Die vier üblen Wege sind

 [4] Vgl. Jataka 96 Anm. 7. [Die zehn Königstugenden sind:

[5] Es scheint sich hier um eine bestimmte Zeremonie vor der Geburt zu handeln.

[6] Damit sind die vier üblen Wege gemeint.


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