Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

155. Die Erzählung von Gagga (Gagga-Jataka) [1]

„Noch hundert Jahre lebe, Gagga“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er in dem dem Jetavana-Kloster benachbarten, von dem Könige Pasenadi erbauten Rajaka-Kloster verweilte, mit Beziehung auf sein Niesen. Eines Tages nämlich, als der Meister im Rajaka-Kloster inmitten der vier Versammlungen sich niedergesetzt hatte und die Lehre erklärte, musste er niesen. Die Mönche riefen: „Herr, der Erhabene möge leben, es lebe der Heilige“, und machten mit ihren lauten Stimmen einen großen Lärm. Durch diesen Lärm entstand eine Verzögerung für die Verkündigung der Lehre. Darauf sprach der Erhabene zu den Mönchen: „Ihr Mönche, wenn einer hat niesen müssen und man sagt zu ihm, er solle leben, lebt er wohl aus diesem Grunde oder stirbt er deshalb?“ Sie antworteten: „Dies ist nicht so, Herr.“ Nun fuhr Buddha fort: „Wenn einer niest, ihr Mönche, darf man nicht sagen: ‘Du sollst leben’; wer es sagen würde, ist einer Sünde [1] schuldig.“

Zu dieser Zeit aber sagten die Leute zu den Mönchen, wenn einer nieste: „Ihr sollt leben, Herr.“ Die Mönche antworteten wegen ihrer Gewissensbedenken nichts darauf. Da murrten die Leute: „Warum antworten denn die Asketen, die Anhänger des Sakya-Sohnes [2], nichts, wenn man zu ihnen sagt: „Ihr sollt leben, Herr?“ — Man teilte dem Erhabenen die Sache mit. Darauf sprach er: „Die Laien, ihr Mönche, sind auf gute Vorbedeutungen versessen. Ich erlaube, ihr Mönche, wenn einer von den Laien angeredet wird: ‘Ihr sollt leben, Herr’, zu antworten: ‘Lebe lange.’“ Darauf fragten die Mönche den Erhabenen: „Herr, wann ist denn das Leben-Lassen und Wieder-Leben-Lassen aufgekommen?“ Der Meister erwiderte: „Ihr Mönche, das Leben-Lassen und Wieder-Leben-Lassen ist schon in längst vergangener Zeit aufgekommen.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie wiedergeboren. Sein Vater erwarb sich durch Handel seinen Lebensunterhalt. Dieser ließ den Bodhisattva, als er sechzehn Jahre alt war, eine Traglast von Edelsteinen nehmen und wanderte in Dörfern, Flecken u. dgl. umher. Dabei kam er auch nach Benares. Im Hause des Torwächters ließ er sich Reisbrei kochen und aß; als er dann keinen Platz finden konnte, um dort zu wohnen, fragte er: „Wo wohnen die Fremden, die nicht mehr zur rechten Zeit ankommen?“ Da erwiderten ihm die Leute: „Außerhalb der Stadt ist eine Hütte; diese ist aber von Dämonen bewohnt. Wenn ihr wollt, so wohnet dort.“ Der Bodhisattva sagte darauf: „Kommt, Vater, wir wollen gehen! Fürchtet Euch nicht vor dem Dämon; ich werde ihn bezwingen und zu Euren Füßen legen.“ Und er nahm seinen Vater mit und ging dorthin. Sein Vater legte sich auf die Bank; er selbst setzte sich nieder, die Füße seines Vaters reibend.

Der dort hausende Dämon aber hatte zwölf Jahre dem Gotte Vessavana [4] gedient und dafür diese Hütte erhalten mit folgender Bestimmung: „Wenn von den Leuten, die in diese Hütte kommen, einer niest und man sagt ihm: ‘Du sollst leben’, und er erwidert: ‘Du sollst auch leben’, von diesen, die vom Leben und Wiederleben sprechen, abgesehen, darfst du alle übrigen fressen.“ Er wohnte aber auf dem Pfeiler des hinteren Dachsparrens. — Jetzt dachte er: „Ich will den Vater des Bodhisattva zum Niesen bringen.“ Und durch seine Wunderkraft streute er feines, wohlriechendes Pulver aus. Dies Pulver drang in die Nasenlöcher von jenem ein und er musste niesen, auf der Bank liegend. Der Bodhisattva aber sagte nicht: „Du sollst leben.“ Darauf stieg der Dämon von seinem Pfeiler herab, um ihn zu fressen. Als ihn der Bodhisattva herabsteigen sah, dachte er: „Von diesem wird mein Vater zum Niesen gebracht worden sein; er wird ein Dämon sein, der diejenigen auffrisst, die, wenn einer niest, nicht sagen: ‘Du sollst leben.’“ Und er sprach mit Beziehung auf seinen Vater folgende erste Strophe:

§1. „Noch hundert Jahre lebe, Gagga,

und zwanzig Jahre [5] noch darüber!

Nicht sollen mich Dämonen fressen;

drum sollst du leben hundert Jahre.“

Als der Dämon die Worte des Bodhisattva vernahm, dachte er: „Weil jetzt dieser junge Brahmane sagte: ‘Du sollst leben’, kann ich ihn nicht auffressen; aber seinen Vater will ich fressen.“ Und er ging zum Vater hin. Als dieser ihn herankommen sah, dachte er bei sich: „Dies wird ein Dämon sein, der diejenigen, die nicht sagen: ‘Du sollst auch leben’, auffrisst. Ich will das Wieder-Leben-Lassen betätigen.“ Und er sprach mit Beziehung auf seinen Sohn folgende zweite Strophe:

§2. „Auch du mögst hundert Jahre leben

und zwanzig Jahre noch darüber.

Gift sollen die Dämonen fressen;

drum sollst du leben hundert Jahre.“

Als der Dämon dessen Worte vernahm, dachte er: „Diese beiden darf ich nicht auffressen“, und kehrte wieder um. Da fragte ihn der Bodhisattva: „He, Dämon, weshalb frisst du die Leute, die in diese Hütte hereinkommen?“ „Weil ich dies erhielt, nachdem ich zwölf Jahre dem Vessavana gedient hatte.“ „Wie aber, darfst du alle auffressen?“ „Außer denen, die: ‘Du sollst leben’, und: ‘Du sollst auch leben’, sagen, darf ich alle übrigen fressen.“ Nun fuhr der Bodhisattva fort: „O Dämon, da du früher schon Unrecht tatest, bist du als ein roher, grausamer, die anderen verletzender Dämon wiedergeboren worden. Wenn du auch jetzt solche Taten begehst, wirst du von einer Finsternis in die andre gelangen. Darum lasse von jetzt an von Menschentötung u. dgl. ab.“ Nachdem er so den Dämon gebändigt und mit Furcht vor der Hölle erfüllt hatte, befestigte er ihn in den fünf Geboten und machte ihn dienstfertig wie einen Boten.

Als am andern Tage die Leute herankamen und den Dämon sahen, merkten sie, dass er vom Bodhisattva bezwungen war, und meldeten dem Könige: „Herr, ein junger Brahmane hat den Dämon bezwungen und ihn gewissermaßen zu seinem Briefboten gemacht.“ Darauf ließ der König den Bodhisattva rufen und übertrug ihm die Stelle des Heerführers. Auch seinem Vater erwies er große Ehre. Hierauf machte er den Dämon zu einem Empfänger von Opfergaben [6]; und er beharrte bei der Ermahnung des Bodhisattva, verrichtete gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangte dadurch in den Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt und hinzugefügt hatte: „Das Leben-Lassen und Wieder-Leben-Lassen ist also in dieser Zeit aufgekommen“, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der Vater war Kassapa [7], der Sohn aber war ich.“

Ende der Erzählung von Gagga


[1] Gagga ist der nur in der ersten Strophe vorkommende Name des Vaters des Bodhisattva.

[2] D. h. dies Vergehen muss er den anderen bekennen und die entsprechende Strafe dafür auf sich nehmen.

[3] In ihrem Zorn sprechen sie also von den Mönchen nicht in der ehrerbietigen Art wie sonst.

[4] Vessavana, der Gott des Reichtums (vgl. Jataka 6 Anm. 11) ist hier dargestellt als Fürst der Dämonen.

[5] Hundertzwanzig Jahre gelten in den Jatakas als das höchste erreichbare Alter; vgl. Jataka 61.

[6] Damit der Dämon nicht mehr gezwungen ist, andere zu töten, um sich zu ernähren; vgl. Jataka 6.

[7] Damit ist von den vielen Kassapas, die in den buddhistischen Texten erwähnt werden, der Hauptschüler Buddhas gemeint.


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