Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

163. Die Erzählung von Susima (Susima-Jataka)

„Die schwarzen Tiere dein, die weiß gezähnten“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf das Almosen Geben nach Gutdünken. Zu Savatthi nämlich gab manchmal nur eine Familie der Mönchsgemeinde, die Buddha zum Haupt hatte, ein Almosen, manchmal gaben sie den Anhängern anderer Sekten, manchmal spendeten sie Almosen, nachdem sich viele durch Verbindung zu Scharen vereinigt, manchmal nach den einzelnen Straßen und manchmal steuerten sämtliche Bewohner der Stadt nach Gutdünken zusammen und gaben so ein Almosen. — Zu der Zeit aber hatten sämtliche Bewohner der Stadt nach Gutdünken zusammengesteuert und eine Gabe von sämtlichen Hilfsmitteln [1] zurechtgemacht. Sie schieden sich aber in zwei Parteien. Die einen sagten: „Wir wollen dies aus allen Hilfsmitteln bestehende Almosen den Anhängern der anderen Sekten geben“; die anderen sagten: „Wir wollen es der Mönchsgemeinde geben, die Buddha zum Haupt hat.“

Während so die Rede hin und her ging, indem die Verehrer der anderen Sekten es den anderen Sekten, die Buddhaverehrer aber der Mönchsgemeinde, die Buddha zum Haupt hatte, geben wollten, sagte man: „Wir wollen die Mehrzahl feststellen.“ Da man nun die Mehrzahl feststellte, waren die, welche sagten: „Wir wollen es der unter Buddha stehenden Mönchsgemeinde geben“, viele und ihr Vorschlag drang durch; die Verehrer der anderen Sekten aber konnten nicht hindern, dass das Almosen den Buddhas gespendet werde. Darauf luden die Stadtbewohner die Gemeinde, die Buddha zum Haupt hatte, ein, verteilten sieben Tage lang ein großes Almosen und spendeten am siebenten Tage sämtliche Hilfsmittel. — Der Meister sprach die Danksagung und erleuchtete viel Volks mit den Früchten der Wege; dann kehrte er nach dem Jetavana zurück. Nachdem er hier der Mönchsgemeinde ihre Pflichten verkündet und vor seinem duftenden Gemache stehend die Heiligenermahnung gegeben hatte, ging er in sein duftendes Gemach.

Zur Abendzeit versammelten sich die Mönche in der Lehrhalle und begannen folgendes Gespräch: „Freund, obwohl die Verehrer der anderen Sekten sich anstrengten, um der Verteilung des Almosens an die Buddhas ein Hindernis in den Weg zu stellen, vermochten sie dies nicht zu hindern. Diese Spendung der Hilfsmittel geschah nur zu den Füßen der Buddhas. O, groß ist die Macht der Buddhas.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, mühen sich diese Verehrer der anderen Sekten ab, die Spendung des für mich bestimmten Almosens zu verhindern, sondern auch früher schon mühten sie sich damit ab. Diese Gaben aber wurden zu jeder Zeit nur mir zu Füßen gelegt.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem lebte zu Benares ein König namens Susima. Damals nahm der Bodhisattva im Leibe der Gattin seines Hauspriesters seine Wiedergeburt. Als er sechzehn Jahre alt war, starb sein Vater. Zu seinen Lebzeiten aber war dieser der Veranstalter der Elefantenfestlichkeiten des Königs gewesen; alle Hilfsmittel und Gerätschaften, die zum Elefantenfest gebraucht wurden, und alle Elefantenschmucksachen wurden ihm gebracht und er allein erhielt sie. Auf diese Weise erhielt er bei jedem Feste Schätze im Werte von zehn Millionen.

Zu der Zeit aber traf ein feierliches Elefantenfest. Da gingen die übrigen Brahmanen zu dem Könige hin und sprachen: „O Großkönig, ein Elefantenfest steht bevor; man muss das Fest veranstalten. Der Sohn des Brahmanen aber, der dein Hauspriester war, ist noch zu jung; er kennt weder die drei Veden noch die Elefantenlehre [2]. Wir wollen das Elefantenfest veranstalten.“ Der König gab mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung. Die Brahmanen waren befriedigt und erfreut; denn sie dachten: „Da dem Sohne des Hauspriesters die Veranstaltung des Elefantenfestes nicht übertragen wurde, werden wir das Elefantenfest veranstalten und viel Geld verdienen.“

Als nun verkündet wurde: „Am vierten Tage wird das Fest stattfinden“, und die Mutter des Bodhisattva diese Sache erfuhr, dachte sie: „Sieben Geschlechter hindurch war die Veranstaltung des Elefantenfestes ununterbrochen bei unsrer Familie; unser Ruhm wird abnehmen und des Geldes werden wir verlustig werden.“ Und sie weinte vor Betrübnis. Der Bodhisattva fragte sie: „Mutter, warum weinst du?“; und als er den Grund vernahm, fuhr er fort: „Werde nicht ich das Fest veranstalten, Mutter?“ Sie erwiderte: „Lieber, du kennst noch nicht die drei Veden und die Elefantenlehre; wie willst du das Fest veranstalten?“ „Mutter, wann wird man aber das Elefantenfest veranstalten? „Von jetzt ab am vierten Tage, Lieber.“ „Mutter, wo wohnen aber die Lehrer, die die drei Veden lehren und die Elefantenlehre bekannt geben?“ „Lieber, ein solcher weltberühmter Lehrer wohnt in dem von hier zweitausend Yojanas entfernten Königreiche Gandhara zu Takkasila.“ Darauf sprach der Bodhisatta: „Mutter, ich werde unsern Ruhm nicht zugrunde gehen lassen. Morgen werde ich mich in einem Tage nach Takkasila begeben und dort in einer Nacht die drei Veden und die Elefantenlehre erlernen. Am nächsten Tage werde ich zurückkehren und am vierten Tage das Elefantenfest veranstalten. Weine nicht!“

Nachdem der Bodhisattva so seine Mutter getröstet, verließ er am nächsten Tage, nachdem er das Frühmahl eingenommen, die Stadt und gelangte an einem Tage nach Takkasila. Hier begrüßte er den Lehrer und setzte sich ihm zur Seite. Der Lehrer fragte ihn: „Woher kommst du, Lieber?“ Er antwortete: „Von Benares, Meister.“ „Warum bist du gekommen?“ „Um bei Euch die drei Veden und die Elefantenlehre zu erlernen.“ „Gut, Lieber, du sollst sie erlernen“, versetzte der Lehrer. Doch der Bodhisattva sagte: „Meister, mein Tun ist eilig“; und nachdem er ihm die ganze Begebenheit erzählt, fuhr er fort: „Ich habe an einem Tage einen Weg von zweitausend Yojanas zurückgelegt. Gewährt mir heute nur eine Nacht hindurch Eure Zeit; denn am dritten Tage von heute ab wird das Elefantenfest stattfinden. Ich will durch die eine Unterweisung das Ganze erlernen.“ Nach diesen Worten wusch er, als ihm der Meister seine Zeit zur Verfügung gestellt, dem Meister die Füße, stellte einen Beutel mit tausend Goldstücken vor ihn hin, bezeigte ihm seine Verehrung und setzte sich ihm zur Seite. Er ließ das Auswendiglernen weg [3] und hatte, als die Sonne allmählich aufging, die drei Veden und die Elefantenlehre erledigt. Hierauf fragte er: „Gibt es noch etwas anderes, Meister?“, und erhielt zur Antwort: „Es gibt nichts anderes mehr, es ist alles erledigt.“ Doch er sagte: „Meister, in diesem Buche ist der und der Vers ausgelassen, der andre Vers ist fälschlich wiederholt; lasst es von jetzt an Eure Schüler so lernen [4].“ — Nachdem er so die Unterweisung des Lehrers berichtigt, verzehrte er sein Frühmahl, grüßte den Lehrer und kehrte in einem Tage nach Benares zurück. Hier begrüßte er seine Mutter; und als sie fragte: „Lieber, hast du die Kunst erlernt?“, antwortete er: „Ja“, und beruhigte damit seine Mutter.

Am nächsten Tage wurde das Elefantenfest gerüstet. Man zierte hundert Elefanten mit goldenem Schmuck, mit goldenen Fahnen und bedeckte sie mit goldenen Netzen. Auch den Königshof schmückte man. Die Brahmanen dachten: „Wir werden das Elefantenfest leiten, wir werden es leiten“; und sie stellten sich auf, prächtig geschmückt. Auch der König Susima hatte sich allen Schmuck anlegen lassen; und er ließ die Ausrüstungsgegenstände mitnehmen und begab sich nach dem Festplatz. Der Bodhisattva ging geschmückt wie ein Prinz, umgeben und begleitet von seinem Gefolge zum Könige hin und sprach zu ihm: „Ist es wahr, o Großkönig, dass du unsern Ruhm zugrunde gerichtet hast, den anderen Brahmanen die Veranstaltung des Elefantenfestes übertrugst und sagtest: ‘Den Elefantenschmuck und die Ausrüstungsgegenstände werden wir diesen geben’?“ Und nach diesen Worten sprach er folgende erste Strophe:

§1. „Die schwarzen Tiere dein, die weiß gezähnten,
bedeckt mit goldnen Netzen, mehr als hundert,
willst du, ‘Dir geb ich sie’, Susima, sagen,
der Väter und Großväter mein gedenkend?“

Als der König Susima die Worte des Bodhisattva vernommen, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Die schwarzen Tiere mein, die weiß gezähnten,
bedeckt mit goldnen Netzen, mehr als hundert,
‘Dir geb ich sie’, so sage ich, o Jüngling,
der Väter und Großväter dein gedenkend.“

Darauf sprach der Bodhisattva zu ihm: „O Großkönig, wenn Ihr an uns und unsern Ruhm gedenkt, warum lasset Ihr mich weg und übertraget die Veranstaltung des Elefantenfestes an andere?“ Der König erwiderte: „Man sagte mir, du kenntest noch nicht die drei Veden und die Elefantenlehre, mein Lieber; darum lasse ich das Fest durch andere Brahmanen veranstalten.“ Doch der Bodhisattva sprach: „Also, o Großkönig, wenn unter diesen so vielen Brahmanen auch nur ein einziger im Stande ist, mit mir zusammen von den Veden oder den Elefantenlehren eine einzige Stelle herzusagen, so soll er aufstehen. Außer mir ist nämlich auf dem ganzen Jambu-Erdteil kein andrer, der die drei Veden und die Elefantenlehre zugleich mit der Veranstaltung eines Elefantenfestes kennt.“ Und er stieß den Löwenruf aus [5]. Kein einziger Brahmane vermochte als sein Gegner aufzutreten. — Nachdem so der Bodhisattva den Ruhm seiner Familie gerettet und das Fest veranstaltet hatte, kehrte er mit großen Schätzen nach Hause zurück.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt und die Wahrheiten erklärt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (Dabei wurden einige bekehrt, einige einmalzurückkehrend, einige nichtzurückkehrend und einige gelangten zur Heiligkeit): „Damals war die Mutter die große Maya, der Vater war der Großkönig Suddhodana, der König Susima war Ananda, der weltberühmte Lehrer war Sariputta, der junge Brahmane aber war ich.“

Ende der Erzählung von Susima


[1] Mit dem Worte „parikkhara“ sind gewöhnlich die acht Utensilien verstanden, deren der buddhistische Mönch bedurfte, nämlich die drei Gewänder, die Almosenschale, der Gürtel, das Schermesser, die Nadel und der Seiher. Vielleicht sind aber hier die „vier Hilfsmittel“ (vgl. Jataka 73 Anm. 4) gemeint.

[2] D. h. die Gesamtheit der Vorschriften, die bei der Veranstaltung eines solchen Festes zu beachten waren.

[3] Rouse übersetzt „learnt his lesson by heart“; der Ausdruck bedeutet aber doch wohl das Gegenteil. Er brauchte nicht die lange Zeit zum Auswendiglernen wie die anderen, sondern behielt es vom bloßen Hören.

[4] Der Bodhisattva ist also so klug, dass er trotz der kurzen Zeit die Fehler bemerkt, die der Lehrer beim Vortrag machte.

[5] (Die hier vorgesehene Anmerkung fehlt.)


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