Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

167. Die Erzählung von Samiddhi (Samiddhi-Jataka)

„Du kennst Genuss nicht und bist Mönch!“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er bei Rajagaha im Tapoda-Parke verweilte, mit Beziehung auf den Thera Samiddhi. Eines Tages nämlich hatte der ehrwürdige Samiddhi, nachdem er die ganze Nacht nach der Erleuchtung gerungen, zur Zeit des Sonnenaufgangs gebadet, zog dann, um seinen goldfarbenen Körper zu trocknen, nur sein Unterkleid an und stand da, sein Obergewand in der Hand haltend. Weil aber sein Körper vollendet war gleich einer sorgfältig gearbeiteten goldenen Schüssel, hatte er den Namen Samiddhi (= „Vollendung“).

Als nun eine Göttertochter die Schönheit seines Körpers sah, wurde ihr Herz an ihn gefesselt und sie sprach zu dem Thera folgendermaßen: „Du, o Mönch, bist zart, jung, noch ein Knabe mit schwarzen Haaren, glücklich in der Blüte deiner Jugend, schön, hübsch anzuschauen, lieblich. Was braucht einer wie du, der die Lüste noch nicht gekostet, Mönch zu werden? Gib dich jetzt den Lüsten hin; später kannst du dann Mönch werden und die Asketentugenden betätigen.“ Doch der Thera erwiderte ihr: „O Göttertochter, ich kenne nicht die Zeit meines Todes, dass ich in dem und dem Alter stehend sterben werde. Diese Zeit ist mir verborgen; deshalb betätige ich schon in der Zeit meiner Jugend die Asketentugend und werde dadurch das Leiden zum Aufhören bringen.“ Als jene von dem Thera kein freundliches Wort erhielt, verschwand sie auf der Stelle.

Der Thera aber ging zu dem Meister hin und berichtete ihm diesen Vorfall. Darauf sprach der Meister: „Nicht nur du, Samiddhi, wurdest jetzt durch die Göttertochter versucht, sondern auch früher schon führten Göttertöchter Weltflüchtlinge in Versuchung.“ Und nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva in einem Dorfe des Reiches Kasi in einer Brahmanenfamilie wiedergeboren. Als er herangewachsen war und die Vollendung in allen Künsten erreicht hatte, betätigte er die Weltflucht der Weisen, erlangte die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten und hatte im Himalaya bei einem See seine Wohnung. Nachdem er die ganze Nacht nach der Erleuchtung gerungen, badete er zur Zeit des Sonnenaufgangs, zog dann sein eines Bastgewand an und stand da, das andre in der Hand haltend, um seinen Leib zu trocknen. Da sah eine Göttertochter seinen mit höchster Schönheit ausgestatteten Körper und ihr Herz wurde an ihn gefesselt. Um ihn zu verlocken, sprach sie zum Bodhisattva folgende Strophe:

§1. „Du kennst Genuss nicht und bist Mönch,

denn nichts hast vorher du genossen.

Wenn du genossen, werde Mönch;

dass du nur nicht die Zeit versäumst [1]!“

Als der Bodhisattva die Worte der Göttertochter vernommen, sprach er, um seine Absicht kund zu tun, folgende zweite Strophe:

§2. „Die Zeit des Todes kenn ich nicht;

verborgen ist sie, unbekannt.

Drum bin ich Mönch und nichts genieß ich,

dass ich die Zeit nur nicht versäume.“

Als aber die Göttertochter die Worte des Bodhisattva vernommen, verschwand sie auf der Stelle.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Die damalige Göttertochter war auch jetzt die Göttertochter, ich aber war zu der Zeit der Asket.“

Ende der Erzählung von Samiddhi


[1] Sie meint natürlich die Zeit, da der Mensch noch im Stande, ist sein Leben zu genießen; der Asket aber wendet denselben Satz an auf die Zeit zur Reinigung von der Anhänglichkeit an das Irdische.


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