Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

177. Die Erzählung von dem Tinduka-Baume (Tinduka-Jataka) [1]

„Von Bogenträgern, Köcherträgern“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Vollendung in der Einsicht. Als nämlich der Meister

§D. so wie im Mahabodhi-Jataka [2] oder wie im Ummagga-Jataka [3] den Ruhm seiner Einsicht preisen hörte, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist der Vollendete einsichtsvoll, sondern auch früher schon war er einsichtsvoll und in den Listen erfahren.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Affengeschlechte seine Wiedergeburt und hielt sich umgeben von achtzigtausend Affen im Himalaya-Gebirge auf. In der Nähe davon war ein Grenzdorf; das wurde manchmal bewohnt und manchmal war es menschenleer. In der Mitte dieses Dorfes aber stand ein Tinduka-Baum mit ausgebreitetem Laubdach und voll süßer Früchte. Wenn nun das Dorf menschenleer war, kamen die Affen und aßen von seinen Früchten.

Zu einer andern Zeit aber, als der Baum wieder Früchte trug, wurde dies Dorf von Menschen bewohnt; es war von einer Umzäunung aus Bambusrohr umgeben und durch Tore geschützt. Jener Baum stand da mit Zweigen, die von der Last der Früchte gebeugt waren. — Nun dachte die Affenschar: „Wir verzehrten früher in dem Dorfe so und so die Tinduka-Früchte. Hat jetzt dieser Baum wieder Früchte oder nicht? Ist das Dorf wieder bewohnt oder nicht?“ Als sie aber so bei sich überlegt hatten, schickten sie einen Affen fort mit dem Auftrage: „Gehe und erkunde die Beschaffenheit.“ Er ging hin und merkte, dass der Baum voll von Früchten und das Dorf dicht bewohnt sei; und er kehrte zurück und meldete es. Als die Affen hörten, der Baum habe wieder Früchte, dachten sie: „Wir werden die süßen Tinduka-Früchte essen“; und voll Mut teilten viele Affen dem Affenfürsten die Sache mit. Der Affenfürst fragte: „Ist das Dorf bewohnt oder unbewohnt?“ Sie antworteten: „Es ist bewohnt, o Fürst.“ Jener fuhr fort: „Darum soll man nicht dorthin gehen; denn die Menschen kennen viele Listen.“ Die Affen aber erwiderten: „O Fürst, wenn sich die Menschen zurückgezogen haben, zur Zeit der Mitternacht werden wir die Früchte verzehren.“ Und in Menge gingen sie weg, nachdem sie vom Affenfürsten die Erlaubnis erhalten, und stiegen vom Himalaya hinab. Sie legten sich auf einen großen Stein unweit des Dorfes, indem sie warteten, bis die Leute sich zurückgezogen hatten. Als dann die Menschen während der mittleren Nachtwache in Schlaf gesunken waren, stiegen die Affen auf den Baum und verzehrten die Früchte.

Ein Mann aber hatte, um ein Bedürfnis zu befriedigen, sein Haus verlassen und war in die Mitte des Dorfes gegangen; da sah er die Affen und teilte dies den anderen mit. Viele Leute bewaffneten sich mit Bogen und Köcher, nahmen mancherlei Waffen in die Hand und ergriffen Erdklumpen, Stöcke u. dgl; und indem sie dachten: „Wenn der Morgen dämmert, wollen wir die Affen fangen“, stellten sie sich rings um den Baum auf.

Als die achtzigtausend Affen die Leute sahen, dachten sie, von Todesfurcht erfasst: „Es gibt für uns keine Rettung mehr außer bei dem Affenfürsten.“ Und sie gingen zu ihm hin und sprachen folgende erste Strophe:

§1. „Von Bogenträgern, Köcherträgern,

von Leuten, welche Schwerter schwingen,

sind wir umringt auf allen Seiten;

wie wird uns Rettung wohl zuteil?“

Da der Affenfürst ihre Worte vernahm, tröstete er die Affen mit folgenden Worten: „Fürchtet euch nicht! Die Menschen haben viele Geschäfte. Jetzt ist die mittlere Nachtwache; während sie aber dastehen, um uns zu töten, wollen wir ihnen eine andre Arbeit geben, die sie in ihrem Vorhaben hindern soll.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Ja, diesen Vielbeschäftigten

werd' jetzt ein neu Geschäft zu teil.

Der Baum bleibt unser Eigentum;

ihr sollt noch seine Früchte essen.“

So tröstete das große Wesen die Affenschar. Wenn sie aber diesen Trost nicht angenommen hätten, wären alle mit gebrochenem Herzen ums Leben gekommen.

Nachdem aber das große Wesen so die Affenschar getröstet, sprach er: „Rufet alle Affen herbei.“ Als sie dieselben herbeiriefen, fanden sie nicht seinen Neffen, einen Affen namens Senaka, und teilten ihm mit: „Senaka ist nicht zur Affenschar gekommen.“ Der Bodhisattva erwiderte: „Wenn Senaka nicht mitgekommen ist, so fürchtet euch nicht; jetzt wird er euch Rettung bringen.“ — Senaka aber hatte geschlafen, als die Affenschar aufbrach; da er später erwachte und keinen sah, folgte er ihren Spuren. Dabei sah er die Menschen und erkannte, dass die Affenschar in Gefahr schwebe. — Eine alte Frau hatte am Ende des Dorfes in einem Hause ein Feuer angezündet und war dabei eingeschlafen; zu der ging er hin und nahm einen Feuerbrand, wie wenn er ein Dorfknabe wäre. Dann stellte er sich in die Windrichtung und zündete damit das Dorf an. Die Leute ließen sogleich von den Affen ab und eilten davon, um das Feuer zu löschen. So entkamen ihnen die Affen mit Hilfe des Senaka. Sie nahmen noch mehrere Früchte mit sich und machten sich davon.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Neffe Senaka Mahanama Sakka [4], die Affenschar war die Buddhagemeinde, der Affenfürst aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Tinduka-Baume


[1] Dies ist der Baum Diospyros embryopteris.

[2] Das 528. Jataka.

[3] Dies ist das meist Maha-Ummagga-Jataka genannte Jataka 546.

[4] Vgl. Die Vorgeschichten zu Jataka 7 und Jataka 465. [Mahanama aus dem Sakya-Klan war der Schwiegervater des Königs von Kosala.]


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