Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

178. Die Erzählung von der Schildkröte (Kacchapa-Jataka)

„Wo ich geboren und erzogen“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine Befreiung von der Schlangenhauchkrankheit [1]. Zu Savatthi nämlich entstand in einer Familie die Schlangenhauchkrankheit. Da sprachen die Eltern zu ihrem Sohne: „Lieber, bleibe nicht in diesem Hause, sondern durchbrich die Mauer und entfliehe. Bewahre dir das Leben, indem du irgendwoandershin gehst. Wenn du dann zurückkehrst, so ist an dieser Stelle ein großer Schatz; den sollst du heben, damit eine Familie begründen und so in Frieden leben.“ Als der Sohn dies hörte, stimmte er ihren Worten bei, durchbrach die Mauer und entfloh. Als bei ihm die Krankheit aufgehört hatte, kehrte er zurück, hob den großen Schatz und lebte im Hause.

Eines Tages nun ließ er zerlassene Butter, Sesamöl u. dgl. sowie Kleider, Gewänder u. a. mitnehmen und begab sich nach dem Jetavana, wo er den Meister grüßte und sich niedersetzte. Nachdem der Meister mit ihm freundliche Worte gewechselt, fragte er: „Wir haben gehört, dass in eurem Hause die Schlangenhauchkrankheit aufgetreten ist; wodurch bist du davon befreit worden?“ Jener erzählte die Begebenheit. Darauf sprach der Meister: „Auch früher schon, o Laienbruder, als eine Lebensgefahr entstand, mussten diejenigen sterben, die in ihrem Hause wohnen blieben und nicht anderswohin gingen; die anderen aber, die dort nicht blieben, sondern anderswohin gingen, blieben am Leben.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva in einem Dorfe in einer Töpferfamilie wiedergeboren. Er betrieb das Töpferhandwerk und ernährte damit Frau und Kinder. — Damals aber befand sich in nächster Nähe des großen Stromes von Benares ein großer See. Zur Zeit, da er viel Wasser hatte, vereinigten sich seine Gewässer mit dem Strome; wenn aber das Wasser abgenommen hatte, war er von ihm getrennt. Die Fische und Schildkröten aber wussten, in diesem Jahre werde es eine starke Regenzeit geben, in diesem Jahre eine schwache.

Nun merkten einmal die in diesem See hausenden Fische und Schildkröten, dass es in diesem Jahre eine schwache Regenzeit geben werde; als darum sein Wasser mit dem des Flusses vereinigt war, verließen sie den See und gingen in den Fluss. Eine Schildkröte aber dachte: „Dies ist der Ort, wo ich geboren bin, wo ich heranwuchs, wo meine Eltern wohnten; ich kann ihn nicht verlassen.“ Und sie ging nicht in den Fluss.

Zur Zeit der Hitze aber ging daselbst das Wasser aus. Die Schildkröte grub an der Stelle, wo der Bodhisattva seinen Lehm zu holen pflegte, ein Loch und kroch hinein. Da kam der Bodhisattva dorthin, um Lehm zu holen, und grub mit einem großen Spaten die Erde auf. Dabei zerbrach er der Schildkröte den Rücken, hob sie wie einen Klumpen Lehm mit dem Spaten in die Höhe und warf sie auf den Boden. Schmerzgepeinigt sagte die Schildkröte: „Da ich meine Wohnung am gewohnten Platze nicht aufzugeben vermochte, bin ich so ins Verderben gestürzt.“ Und klagend sprach sie folgende Strophen:

§1. „Wo ich geboren und erzogen,

in diesem Sumpfe blieb ich wohnen;

doch dieser Sumpf hat ins Verderben

gestürzt mich, hat mich krank gemacht.

Drum sprech zu dir ich, Erdzerbrecher [2];

hör zu, was ich dir sagen will.

 

§2. Wenn man in einem Dorfe oder

in einem Walde glücklich lebt,

da ist der Ort, wo man geboren,

wo man erzogen, für den Weisen.

Wo ihm das Leben winkt, dort weil' er;

nicht bringe ihm sein Haus Verderben.“

Während so die Schildkröte immer mit dem Bodhisattva sprach, verschied sie. Der Bodhisattva aber nahm sie, ließ alle Bewohner des Dorfes zusammenkommen und sprach, um die Leute zu ermahnen, folgendermaßen: „Seht diese Schildkröte! Zur Zeit, da die anderen Fische und Schildkröten sich nach dem großen Strome begaben, vermochte sie es nicht über sich, ihre Wohnung am gewohnten Orte aufzugeben. Sie ging nicht mit den anderen, sondern grub sich an der Stelle, wo ich meinen Lehm zu holen pflege, ein Loch und legte sich dort nieder. Als ich aber Lehm holte, zerschmetterte ich ihr mit meinem großen Spaten den Rücken und warf sie wie einen Klumpen Lehm auf die Erde. Sie gedachte an das, was sie getan, äußerte ihren Jammer in zwei Strophen und starb darauf. — So ist diese Schildkröte, da sie am gewohnten Orte ihre Wohnung behielt, zugrunde gegangen. Ihr aber, werdet nicht dieser Schildkröte ähnlich! Von nun an denkt nicht mehr: ‘Mein ist die Gestalt, mein der Laut, mein der Geruch, mein der Geschmack, mein die Berührung, mein der Sohn, mein die Tochter, mein die bestimmte Zahl von Sklaven und Sklavinnen, mein das köstliche Gold’; haltet dies nicht fest mit Lust und Befriedigung. Ein jedes Wesen bewegt sich in den drei Existenzen [3].“

So gab er mit Buddha-Anmut viel Volks eine Ermahnung. Diese Ermahnung aber breitete sich über den ganzen Jambu-Erdteil aus und blieb siebentausend Jahre in Geltung. Viel Volks beharrte bei der Ermahnung des Bodhisattva und gelangte, nachdem es gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. verrichtet hatte, in den Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beendigt und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung von den Wahrheiten aber gelangte jener Sohn aus guter Familie zur Frucht der Bekehrung): „Damals war die Schildkröte Ananda, der Töpfer aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Schildkröte


[1] Dies ist die wörtliche Bedeutung des betr. Pali-Wortes. Rouse fasst es auf als Malaria, die in einigen Gegenden als vom Schlangenatem herrührend betrachtet wird. Jedenfalls ist diese Deutung stichhaltiger als die andre Vermutung von Rouse, wonach eine Art Cholera gemeint sei, denn „ahi“, das auch den Nabel bedeute, könne vielleicht von den Därmen gebraucht sein.

[2] Das Pali-Wort „bhaggava“ ist vom Kommentator lediglich als Anrede an den Töpfer erklärt, was auch Rouse annimmt. Da die Ableitung von skrt. „bhrgu“ keinen Sinn gibt, kommt es wohl von der Wurzel „bhag“ = „zerbrechen“: eine Bedeutung, die auf die Tätigkeit des Töpfers leicht anwendbar ist.

[3] Die drei Existenzen sind: die sinnliche Existenz, die körperliche Existenz und die unkörperliche Existenz. Die beiden ersteren gehören zusammen und umfassen alle Existenzen außer denen in den unkörperlichen Brahma-Welten; vgl. „Leben des Buddha“, S. 357.


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