Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

194. Die Erzählung von dem Juwelendieb (Manicora-Jataka)

„Nicht gibt es Götter; jetzt sind sie verschwunden“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf den Mordversuch des Devadatta. Als er nämlich hörte, Devadatta gehe auf seine Ermordung aus, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war Devadatta darauf bedacht, mich zu töten; aber trotz seiner Bemühungen war er nicht im Stande, mich zu töten.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt in einem Dorfe unweit von Benares in einer Hausväterfamilie [1]. Als er herangewachsen war, führte man ihm eine Tochter aus guter Familie von Benares als Frau zu. Diese war anmutig, sehr schön und reizend; sie glich einem Göttermädchen oder einem schwebenden Blütengewinde oder einer reizenden Nymphe. Ihr Name war Sujata. Sie war ergeben, sie wandelte nach den Geboten und im Gehorsam; beständig war sie gehorsam gegen ihren Gatten, ihre Schwiegermutter und ihren Schwiegervater. Sie war gegen den Bodhisattva lieb und angenehm. So lebten die beiden in Eintracht und Einmütigkeit zusammen.

Eines Tages nun sagte Sujata zum Bodhisattva: „Ich möchte meine Eltern besuchen.“ Er erwiderte: „Gut, meine Liebe; richte genügenden Reiseproviant her.“ Darauf ließ er verschiedene Kuchen backen, legte die Kuchen und den übrigen Proviant auf den Wagen und fuhr fort. Er saß vorne auf dem Wagen, seine Frau hinten. Als sie in die Nähe der Stadt gekommen, schirrten sie die Tiere vom Wagen, badeten und speisten. Dann fuhr der Bodhisattva weiter und setzte sich wieder vorne hin; Sujata aber wechselte ihre Kleidung, schmückte sich und blieb hinten sitzen.

Als der Wagen in die Stadt hineingekommen war, kam gerade der König von Benares, während er auf seinem Leibelefanten sitzend die Stadt von rechts her umfuhr, an diese Stelle. Sujata war unterdessen heruntergestiegen und ging zu Fuße hinterdrein. Als der König sie sah, wurde sein Auge von ihrer Schönheitsfülle angezogen; er verliebte sich in sie und schickte einen Minister fort, dem er sagte: „Gehe und erkunde, ob sie einen Gatten besitzt oder nicht.“ Jener ging zu ihr hin, und als er erfuhr, sie habe einen Gatten, sagte er dem König: „Sie ist schon verheiratet, o Fürst; der Mann, der auf dem Wagen sitzt, ist ihr Gatte.“ Der König aber konnte seine Verliebtheit nicht bezähmen; ganz krank vor Begierde dachte er: „Ich werde ihn mit einer List töten lassen und dadurch die Frau erhalten.“ Und er sprach zu einem Mann: „He, gehe weg, lege dieses Kronjuwel, als wenn du auf der Straße daherkämest, in den Wagen dieses Mannes und kehre dann zurück.“ Jener er widerte: „Gut“, nahm es, ging hin, legte es in den Wagen und kehrte zurück, indem er dem König meldete: „Ich habe es in den Wagen gelegt.“

Jetzt sprach der König: „Ein Kronjuwel ist mir verloren gegangen.“ Die Leute machten darüber einen großen Lärm. Der König fuhr fort: „Schließet alle Tore, sperrt den Verkehr und suchet nach dem Dieb!“ Die Leute des Königs taten so. Die ganze Stadt war in Erregung. Der andere nahm nun einige Leute mit sich, ging zu dem Bodhisattva hin und sagte: „He, lass den Wagen halten! Ein Kronjuwel des Königs ist verloren gegangen; wir wollen den Wagen durchsuchen.“ Als er aber den Wagen durchsuchte, fand er darin den von ihm selbst hineingelegten Edelstein; und er packte den Bodhisattva, rief: „Da ist der Juwelendieb“, schlug ihn mit Händen und Füßen, band ihm die Hände auf den Rücken und sie führten ihn vor den König, indem sie sagten: „Da ist der Juwelendieb.“ Der König gab den Befehl, man solle ihm das Haupt abschlagen. Darauf schlugen ihn die Leute des Königs an den Straßenkreuzungen mit Peitschen und führten ihn durch das Südtor zur Stadt hinaus. — Sujata aber hatte den Wagen verlassen und ging, während sie die Arme ausstreckte und klagte: „O Gebieter, meinetwegen bist du in dies Unglück gestürzt“, jammernd immer hinterdrein. Jetzt ließen die Leute des Königs den Bodhisattva sich auf den Rücken legen, um ihm das Haupt abzuschlagen. Als dies Sujata sah, stellte sie sich ihre Tugend vor Augen und klagte: „Fürwahr, es gibt keine Götter mehr, meine ich, die im Stande sind, in dieser Welt die Leute, die andere verletzen und anderen Gewalt antun, davon abzuhalten.“ Während sie so und ähnlich klagte, sprach sie folgende erste Strophe:

§1. „Nicht gibt es Götter; jetzt sind sie verschwunden.

Denn nicht mehr walten hier die Weltenwächter

und nicht mehr halten sie die Übeltäter,

die ungezähmten Frevler jetzt in Schranken.“ —

Während aber diese Tugendhafte so jammerte, wurde der Sitz heiß, auf dem der Götterkönig Sakka saß. Als Sakka überlegte, wer ihn seiner Sakka-Würde berauben wolle, merkte er die Ursache davon und dachte: „Der König von Benares begeht eine allzu grausame Tat; er plagt die so tugendreiche Sujata. Jetzt kommt es mir zu, dorthin zu gehen.“ Er stieg von der Götterwelt herab, ließ kraft seiner übernatürlichen Macht den auf einem Elefanten des Weges kommenden bösen König von seinem Elefanten herabsteigen und sich auf der Richtstätte auf den Rücken legen. Den Bodhisattva aber hob er auf, zierte ihn mit allem Schmuck, ließ ihn die Kleidung des Königs nehmen und auf der Schulter des Elefanten Platz nehmen. Als nun die Leute die Axt aufhoben und den Kopf abschlugen, schlugen sie dem König seinen Kopf ab; sowie sie ihn aber abgeschlagen hatten, merkten sie, dass es der Kopf des Königs war.

Darauf ging der Götterkönig Sakka mit sichtbarem Körper zum Bodhisattva hin, gab dem Bodhisattva die Königsweihe und Sujata die Würde der ersten Gemahlin des Königs. Als die Minister sowie die Brahmanen, Hausväter und die übrigen den Götterkönig Sakka sahen, dachten sie: „Der ungerechte König ist getötet; jetzt haben wir einen gerechten König erhalten, den uns Sakka selbst gegeben“; und sie wurden voll Freude. Sakka aber sprach, in der Luft stehend: „Dieser euch von Sakka gegebene König wird von nun an in Gerechtigkeit seine Herrschaft führen. Wenn nämlich ein König ungerecht ist, lässt der Gott zur unrechten Zeit regnen und zur rechten Zeit lässt er nicht regnen. Furcht vor Hungersnot, Furcht vor Krankheit, Furcht vor dem Schwert: diese drei Arten von Furcht kommen dann zum Vorschein.“ Indem er sie so ermahnte, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Zur Unzeit regnet es bei ihm,

zur rechten Zeit gibt 's keinen Regen.

Vom Himmel selbst kommt er herab [2];

ward dieser deshalb nicht getötet?“

Nachdem so Sakka viel Volks eine Ermahnung gegeben hatte, kehrte er in die Götterwelt zurück. Auch der Bodhisattva gelangte, nachdem er in Gerechtigkeit die Regierung geführt, in den Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Der damalige ungerechte König war Devadatta, Sakka war Anuruddha [3], Sujata war Rahulas Mutter [4], der von Sakka gegebene König aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Juwelendieb


[1] Er gehörte also zur dritten Kaste.

[2] Nach dem Kommentator bedeutet die Stelle: „Ein König muss selbst aus dem Himmel heraus in eine der Strafexistenzen, wenn er ungerecht gewesen.“ Rouse übersetzt: „a king comes down from heaven upon the earth.“

[3] Einer der Lieblingsjünger Buddhas.

[4] Die gewöhnliche Bezeichnung für Buddhas Gattin; der Name Yasodhara ist jünger.


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