Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

207. Die Erzählung von Assaka (Assaka-Jataka)

„Mit König Assaka dereinst“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch die frühere Frau. — Als nämlich jener Mönch vom Meister gefragt wurde: „Ist es wahr, o Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und zur Antwort gab: „Es ist wahr“, fragte der Meister weiter: „Durch wen bist du unzufrieden gemacht worden?“, und erhielt zur Antwort: „Durch meine frühere Frau.“ Darauf sprach der Meister zu ihm: „Nicht nur jetzt, o Mönch, hast du Liebe zu diesem Weibe, sondern auch schon früher bist du durch sie in großes Leid gekommen.“ Und er erzählte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem regierte im Reiche Kasi in einer Stadt namens Potali der König Assaka. Seine erste Gemahlin, Ubbari mit Namen, war lieb, hold, schön, reizend; sie übertraf die menschliche Schönheit und erreichte an Schönheit fast eine Göttin. Diese starb. Durch ihren Tod wurde der König mit Trauer erfüllt, unglücklich und niedergeschlagen. Er ließ ihren Körper in einen Sarg legen, Öl und Salben hineintun und den Sarg unter sein Bett stellen; er selbst lag, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, weinend und jammernd da. Seine Eltern, die übrigen Verwandten, seine Freunde und Minister, die Brahmanen, Hausväter usw. sagten zu ihm: „Sei nicht traurig, o Großkönig; dem Verfall unterworfen ist alles Lebende.“ Aber mit solchen und ähnlichen Worten vermochten sie ihn nicht zu trösten. Während er aber so jammerte, vergingen sieben Tage.

Damals nun war der Bodhisattva ein der fünf Erkenntnisse und der acht Vollkommenheiten teilhaftiger Asket und wohnte im Himalaya. Als er einmal seinen Blick schärfte und mit seinem göttlichen Auge den Jambu-Erdteil betrachtete, sah er, wie jener König so klagte, und er dachte: „Ich muss ihm Hilfe bringen.“ Vermittels seiner Wunderkraft flog er in die Luft empor, stieg im Parke des Königs zur Erde herunter und ließ sich auf dem königlichen Steinsitz nieder, einer goldenen Bildsäule gleichend.

Es kam aber ein junger Brahmane in den Park. Er sah den Bodhisattva, grüßte ihn und setzte sich zu ihm. Der Bodhisattva fing eine Unterhaltung mit ihm an und fragte: „Du junger Brahmane, ist euer König gerecht?“ Jener erwiderte: „Ja, Herr, der König ist gerecht. Seine Gattin ist aber gestorben. Er hat ihren Körper in einen Sarg legen lassen und liegt jammernd da. Heute ist dies schon der siebente Tag. Warum wollt Ihr nicht den König von solchem Leide befreien? Für Leute, die als so tugendhaft bekannt sind wie Ihr, ist es passend, das so große Leid des Königs zu bezwingen.“ Der Bodhisattva antwortete: „Ich kenne den König nicht, junger Brahmane; wenn er aber käme und mich fragte, könnte ich ihm den Ort ihrer Wiedergeburt verkünden und sie beim Könige zum Reden veranlassen.“ „Bleibt darum, Herr, hier sitzen, bis ich den König herbeibringe“, versetzte der junge Brahmane. Und als er die Zustimmung des Bodhisattva erhalten, ging er zum Könige hin, berichtete ihm die Begebenheit und sagte: „Es ziemt sich, zu diesem mit göttlicher Einsicht Begabten hinzugehen.“

Der König dachte: „Ich werde Ubbari sehen können“; und frohen Herzens bestieg er seinen Wagen und fuhr dorthin. Er begrüßte den Bodhisattva und fragte ihn, an seiner Seite sitzend: „Ist es wahr, dass Ihr den Ort der Wiedergeburt der Königin kennt?“ „Ja, o Großkönig“, war die Antwort. „Wo ist sie wiedergeboren?“ „Da sie, o Großkönig, nur von ihrer Schönheit begeistert der Trägheit ergeben war und keine guten Werke verrichtete, ist sie in diesem Parke als ein Kuhmistwurm wiedergeboren worden.“ „Das glaube ich nicht“, versetzte der König. „Ich werde sie dir darum zeigen und sie zum Reden veranlassen.“ „Gut, bringt sie zum Reden.“

Nun sagte der Bodhisattva infolge seiner Wunderkraft: „Die beiden, die gerade einen Mistklumpen herumwälzen, sollen vor den König kommen“, und bewirkte dadurch ihr Erscheinen. Sie kamen dorthin. Der Bodhisattva zeigte auf den einen Wurm und sprach: „Dies ist, o Großkönig, deine Gattin Ubbari. Sie hat dich verlassen und geht jetzt hinter einem Kuhmistwurm her; schaue sie an!“ Der König erwiderte: „Herr, ich glaube nicht, dass Ubbari als ein Kuhmistwurm wiedergeboren ist.“ „So werde ich sie selbst reden lassen.“ „Lasst sie reden, Herr.“

Darauf gab ihr der Bodhisattva durch seine Wunderkraft die Redegabe und sagte zu ihr: „Ubbari!“ Sie erwiderte mit menschlicher Sprache: „Was, Herr?“ „Was warst du in deiner vergangenen Existenz?“ „Herr, ich war die erste Gemahlin des Königs Assaka und hieß Ubbari.“ „Ist dir aber jetzt der König Assaka lieb oder dieser Kuhmistwurm?“ „Herr, dies war meine frühere Existenz“, antwortete sie. „Damals wandelte ich mit jenem zusammen in diesem Parke und genoss die Vergnügungen des Gesichts, des Gehörs, des Geruchs, des Geschmacks und des Gefühls. Jetzt aber, nachdem mir diese Existenz entschwunden ist, was ist mir da noch dieser? Ich könnte den König Assaka töten und mit dem Blute von dessen Kehle die Füße meines Gatten, des Kuhmistwurmes bestreichen.“ Und nach diesen Worten sprach sie inmitten der Versammlung mit menschlicher Sprache folgende Strophen:

§1. „Mit König Assaka dereinst

an dieser Stelle weilte ich.

Ich liebte ihn, er liebte mich;

er war der teure Gatte mein.

 

§2. Durch neues Glück und neues Leid

wird das vergangene vergessen;

darum ist dieser Wurm mir lieber

jetzt als der König Assaka.“

Als dies der König hörte, machte er sich Vorwürfe über sein Tun und auf der Stelle ließ er den Leichnam hinaustragen. Er selbst wusch sich, grüßte den Bodhisattva und kehrte in die Stadt zurück. Hier nahm er eine andere erste Gemahlin und führte in Gerechtigkeit die Regierung. — Nachdem aber der Bodhisattva den König ermahnt und von seiner Trauer befreit hatte, kehrte er nach dem Himalaya zurück.

 

§C. Nachdem der Meister so diese Lehrunterweisung beendigt und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Unzufriedene zur Bekehrung): „Damals war Ubbari die frühere Frau, König Assaka war der Unzufriedene, der junge Brahmane war Sāriputta, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von Assaka


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