Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

211. Die Erzählung von Somadatta (Somadatta-Jataka) [1]

„Ich hab dich fest geübt und unablässig“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den törichten Thera Udayi [2]. Dieser konnte nämlich in Gegenwart von zwei oder drei Leuten nicht ein Wort zusammenbringen und erzählen; er war so verwirrt, dass, wenn er etwas sagen wollte, er etwas anderes sagte. —

Die Mönche setzten sich einmal in der Lehrhalle nieder und erzählten von dieser seiner Beschaffenheit. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, fuhr er fort: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist der törichte Udayi stark verwirrt, sondern auch früher schon war er stark verwirrt.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi seine Wiedergeburt in einer Brahmanenfamilie. Als er herangewachsen war, erlernte er zu Takkasila die Wissenschaften. Als er dann nach Hause zurückkehrte und merkte, dass es seinen Eltern schlecht gehe, dachte er: „Ich will meine zurückgegangene Familie wieder in die Höhe bringen.“ Und er nahm Abschied von seinen Eltern, zog nach Benares und diente daselbst dem Könige. Er war aber dem Könige lieb und wert.

Seinem Vater aber, der mit zwei oder drei Ochsen das Feld bebaute und sich dadurch seinen Lebensunterhalt erwarb, starb ein Ochse. Darauf ging er zum Bodhisattva hin und sprach zu ihm: „Mein Sohn, ein Ochse ist mir gestorben. Die Feldarbeit kommt nicht mehr zu Stande; bitte den König um einen Ochsen!“ Der Bodhisattva erwiderte: „Vater, ich habe vor kurzem erst den König besucht. Jetzt passt es nicht für mich, um einen Ochsen zu bitten; bittet Ihr darum!“ Der Vater versetzte: „Mein Sohn, du kennst nicht meine starke Verwirrtheit. Ich kann in Gegenwart von nur zwei oder drei Leuten kein Wort zusammenbringen. Wenn ich zum Könige gehe, um von ihm einen Ochsen zu erbitten, so werde ich zurückkehren, nachdem ich auch den andern ihm geschenkt.“

Doch der Bodhisattva sagte: „Mag dies sein, wie es will; ich kann den König jetzt nicht bitten. Ich werde Euch aber eine Rede einüben.“ „Gut also, übe mir eine Rede ein“, erwiderte der Vater. Darauf ging der Bodhisattva mit seinem Vater auf einen mit Büscheln duftenden Grases [3] bewachsenen Totenacker. Er band allenthalben Grasbündel zusammen, gab ihnen Namen: „Dies ist der König, dies der Vizekönig, dies der Heerführer“, und zeigte sie seinem Vater der Reihe nach. Dann sagte er ihm: „Vater, wenn du zum Könige kommst, so sprich: ‘Der Großkönig soll leben’; dann sage folgende Strophe her und bitte um den Ochsen.“ Und er lehrte ihn folgende Strophe [4]:

§0.1. „Zwei Ochsen hab ich, großer König,

mit denen ich das Feld bebaue.

Von diesen starb mir einer, Herr;

den zweiten gib mir, edler Fürst.“

Nach einem Jahre hatte der Brahmane diese Strophe sich zu eigen gemacht und sprach zum Bodhisattva: „Lieber Somadatta, die Strophe ist mir jetzt bekannt; jetzt kann ich sie bei jedem hersagen. Führe mich zum Könige hin!“ Jener versetzte: „Gut, Vater“; und er ließ ihn ein entsprechendes Geschenk nehmen und führte seinen Vater zum Könige. Der Brahmane sagte: „Der Großkönig soll leben“, und überreichte sein Geschenk. Der König fragte: „Was ist dir dieser Brahmane, Somadatta?“ „Er ist mein Vater, großer König.“ „Zu welchem Zweck ist er gekommen?“ In diesem Augenblick sprach der Brahmane, um den Ochsen zu erbitten, folgende Strophe:

§0.2. „Zwei Ochsen hab ich, großer König,

mit denen ich das Feld bebaue.

Von diesen starb mir einer, Herr;

den zweiten nimm mir, edler Fürst.“

Der König merkte, dass der Brahmane seine Rede verfehlt habe, und sagte lächelnd: „Somadatta, in eurem Hause sind, glaube ich, viele Ochsen.“ „Sie werden von Euch geschenkt sein, großer König.“ Befriedigt über den Bodhisattva schenkte der König dem Brahmanen sechzehn Ochsen mit geschmücktem Zaumzeug, gab ihm sein Heimatdorf als Brahmanengabe und schickte den Brahmanen mit großen Ehren fort. Der Brahmane bestieg den mit ganz weißen Sindhu-Rossen bespannten Wagen und kehrte mit großem Gefolge in sein Dorf zurück.

Als nun der Bodhisattva mit seinem Vater auf dem Wagen sitzend dahinfuhr, sagte er: „Vater, ich habe Euch ein ganzes Jahr hindurch eingeübt; im entscheidenden Augenblick aber habt Ihr Euer Rind dem Könige geschenkt.“ Und er sprach folgende erste Strophe:

§1. „Ich hab dich fest geübt und unablässig

ein ganzes Jahr im dichten Grasesdickicht.

Zu der Versammlung gingst du und versprachst dich;

nicht schützt den Unverständigen die Übung.“

Als der Brahmane seine Worte vernahm, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Wer etwas bittet, Somadatta,

setzt einem Doppelten sich aus;

nichts kriegt er oder er kriegt Geld,

das ist der Bittenden Erfolg.“

 

§C. Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist der törichte Udayi sehr verwirrt, sondern auch früher schon war er sehr verwirrt“, diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Vater des Somadatta der törichte Udayi, Somadatta aber war ich.“

Ende der Erzählung von Somadatta


[1] So heißt der Bodhisattva in diesem Jataka.

[2] Über diese Persönlichkeit vgl. die Vorgeschichten zu Jataka 5 und Jataka 123.

[3] Es ist die Grasart Andropogon muriatum gemeint.

[4] Diese Strophe und ihre Variation gelten nicht als die eigentlichen Strophen des Jataka, weshalb sie auch nicht am Anfang der Vorgeschichte zitiert sind.


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