Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

235. Die Erzählung von Vacchanakha (Vacchanakha-Jataka) [1]

„Schön ist ein Haus, Vacchanakha“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Malla [2] Roja. Dieser, ein Laienfreund des ehrwürdigen Ananda, schickte nämlich eines Tages dem Thera eine Botschaft, er solle kommen. Der Thera bat den Meister um Erlaubnis und ging hin. Nachdem jener dem Thera Speise von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack vorgesetzt hatte, setzte er sich ihm zur Seite und begann mit dem Thera eine liebenswürdige Unterhaltung. Dabei lud er den Thera zum Leben als Laie und zum Genusse der sinnlichen Vergnügungen [3] ein, indem er sprach: „Herr Ananda, in meinem Hause ist viel Kostbares an Belebtem und Unbelebtem. Dies teile ich in zwei Hälften und gebe dir die eine. Komm, wir wollen beide dies Haus bewohnen.“

Der Thera aber setzte ihm den Nachteil auseinander, der in den Lüsten liege; dann erhob er sich von seinem Sitze und ging in das Kloster zurück. Hier antwortete er auf die Frage des Meisters, ob er den Malla Roja besucht habe: „Ja, Herr“, und sagte auf seine weitere Frage, was er diesem erzählt habe, folgendes: „Herr, Roja lud mich ein, im Hause zu wohnen; ich aber setzte ihm den Nachteil auseinander, der im häuslichen Leben und in den sinnlichen Vergnügungen liege.“ Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, Ananda, hat der Malla Roja Weltflüchtlinge zum Wohnen im Hause eingeladen, sondern auch früher schon lud er sie dazu ein.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf seine Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Marktflecken in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, betätigte er die Weltflucht der Weisen. Als er lange im Himalaya geweilt, begab er sich einmal, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, nach Benares. Er blieb im Parke des Königs und ging am nächsten Tage nach Benares hinein. — Der Großkaufmann von Benares aber empfand Freude über seine Art des Umherwandelns. Er führte ihn in sein Haus, speiste ihn und ließ sich von ihm die Zustimmung geben, dass er in seinem Parke wohnen wolle. Darauf ließ er ihn in seinem Parke wohnen und trug Sorge für ihn.

Sie wurden mit Liebe zueinander erfüllt. Eines Tages nun dachte der Großkaufmann von Benares infolge seiner Liebe und Anhänglichkeit zum Bodhisattva bei sich: „Die Weltflucht ist ein Unglück. Ich werde meinen Freund, den Weltflüchtling Vacchanakha, seine Weltflucht aufgeben lassen, mein ganzes Vermögen in zwei Teile teilen und ihm den einen geben. So werden wir zwei in Eintracht miteinander wohnen.“ Als eines Tages das Mahl beendet war, begann er mit ihm eine liebevolle Unterhaltung und sagte: „Herr Vacchanakha, die Weltflucht ist doch ein Unglück; glücklich ist das Leben im Hause. Komm, wir wollen einträchtig beisammen leben und uns der sinnlichen Vergnügungen erfreuen.“ Und er sprach folgende Strophe:

§1. „Schön ist ein Haus, Vacchanakha,

das voll von Gold und voll von Speise;

hier könnt Ihr essen, könnt Ihr trinken

und ruhen ohne Anstrengung.“

Als ihn der Bodhisattva hörte, erwiderte er: „O Großkaufmann, da du dies nicht verstehst und begierig bist nach den Vergnügungen der Sinne, hast du den Vorzug des häuslichen Lebens und den Nachteil der Weltflucht geschildert. Jetzt werde ich dir den Nachteil des häuslichen Lebens auseinandersetzen; höre jetzt zu!“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

§2. „Es gibt kein Haus, das ständig wäre,

kein Haus, wo nicht die Lüge herrschte,

kein Haus, das Strafe nicht verdiente,

weil es die anderen betrogen.

Wie soll ich eingehn in das Haus,

das voll von Trug und von Vernichtung?“

Nachdem so das große Wesen den Nachteil des häuslichen Lebens auseinandergesetzt, kehrte es in den Park zurück.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Großkaufmann von Benares der Malla Roja, der Bettelmönch Vacchanakha aber war ich.“

Ende der Erzählung von Vacchanakha


[1] Dies ist der erst ziemlich spät in der Erzählung genannte Name des Bodhisattva; er bedeutet „Kälbernagel“.

[2] Über dies kriegerische Volk vgl. Jataka 5 Anm. 1. [Die Mallas sind ein indischer Volksstamm im Norden des Ganges. In ihrem Gebiete starb Buddha. (Vgl. „Leben des Buddha“, S. 295 ff.)]

[3] Vgl. oben Jataka 233 Anm. 1. [Gemeint sind die Vergnügungen der fünf Sinne überhaupt, nicht speziell die im Deutschen als sinnlich bezeichneten.]


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