Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

240. Die Erzählung von Mahapingala (Mahapingala-Jataka) [0a] [1]

„Die ganze Welt“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf Devadatta. Als nämlich Devadatta neun Monate nach seinem Mordversuch auf den Meister an dem Torerker des Jetavana in die Erde versunken war [2], waren die Bewohner von Savatthi und die Bewohner des ganzen Landes befriedigt und erfreut darüber, dass der Buddha-Feind Devadatta von der Erde verschlungen war und dass der völlig Erleuchtete seinen Widersacher zu Boden geworfen habe [3]. Durch wiederholtes Reden hörten dies auch die sämtlichen Bewohner des Jambu-Erdteils sowie die Dämonen, die Geister [4] und die Scharen der Götter und waren ebenfalls befriedigt und erfreut darüber.

Eines Tages nun begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, als Devadatta in die Erde versunken war, wurde viel Volks voll Freude darüber, dass Devadatta, der Widersacher des Buddha, von der Erde verschlungen worden war.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist infolge von Devadattas Tod viel Volks befriedigt und erfreut, sondern auch früher schon war man darüber befriedigt und lachte darüber.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Ehedem führte zu Benares ein König, „der große Pingala“ [4a] mit Namen, in Ungerechtigkeit und Unbilligkeit die Regierung. Infolge von Bevorzugung [5] u. dgl. verübte er böse Taten. Durch Strafgelder, Abgaben, Verstümmelungen [6] und Erpressung von Kahapanas bedrückte er das Volk wie Zuckerrohr in gezuckerter Milch. Er war roh, grausam und gewalttätig; nicht eine Spur von Mitleid hatte er gegen andere. Zu Hause war er auch gegen seine Frauen, seine Söhne und Töchter, gegen die Minister, Brahmanen, Hausväter usw. unlieb und unangenehm. Er war wie Schmutz, der in das Auge fällt, oder wie Sand in einem Bissen Reisbrei oder wie ein Dorn, der die Ferse verwundet und in sie eindringt.

Damals war der Bodhisattva als der Sohn des großen Pingala wiedergeboren worden. Als nun der große Pingala lange Zeit regiert hatte, starb er. Nachdem er gestorben war, waren alle Bewohner von Benares befriedigt und erfreut und sie lachten laut vor Freude. Sie verbrannten den Leichnam des großen Pingala mit tausend Wagen voll Holz und löschten die Glut auf der Verbrennungsstätte mit manchen tausend Krügen Wasser. Dann weihten sie den Bodhisattva zum Könige. Hocherfreut darüber, dass sie jetzt einen gerechten König erhalten hätten, ließen sie in der Stadt die Festtrommel herumgehen [7], schmückten die Stadt durch Aussteckung von Fahnen und Flaggen und errichteten an jedem Tore einen Pavillon. In diesen Pavillons, deren Boden mit ausgestreuten Halmen und Blumen geziert war, setzten sie sich nieder und aßen und tranken.

Der Bodhisattva ließ sich in seinem geschmückten Thronsaale inmitten des Thronsitzes unter dem aufgespannten weißen Sonnenschirm nieder unter großer Ehrung; die Minister sowie die Brahmanen, Hausväter, die Bewohner des Reiches, die Türhüter u. dgl. standen um den König herum. — Ein Türhüter aber, der nicht weit davon stand, weinte und schluchzte [8]. Als der Bodhisattva ihn sah, fragte er ihn: „Lieber Türhüter, nachdem mein Vater gestorben ist, feiern alle hocherfreut ein Fest, du aber stehst weinend da. War mein Vater gegen dich lieb und hold?“ Und er sprach folgende erste Strophe:

§1. „Die ganze Welt wurde bedrückt durch Pingala;

nachdem er tot, bezeigen sie alle Freude.

War er dir lieb, der mit den gelben Augen?

Warum, Türhüter, weinest du so sehr?“

Als jener diese Worte vernahm, sagte er: „Ich weine nicht aus Kummer, weil der große Pingala tot ist. Meinem Kopf ist dadurch Heil widerfahren. Wenn nämlich der König Pingala von seinem Palaste herabstieg oder zu ihm hinaufstieg, gab er mir jedes Mal acht Faustschläge auf den Kopf, als ob er mit einem Schmiedehammer zuschlüge. Nachdem er nun in eine andre Welt gegangen, wird er ebenso, als wenn er mir die Faustschläge auf meinen Kopf geben würde, sie dem Haupte der Höllenwächter und des Yama [9] versetzen. Dann könnten diese denken: ‘Zu sehr belästigt er uns’, und könnten ihn hierher zurückführen und wieder loslassen; dann würde er wieder mir Faustschläge auf das Haupt versetzen. Aus Furcht davor weine ich.“ Und indem er dies verkündigte, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Nicht war mir lieb der mit den gelben Augen,

ich fürchte mich vor seiner Wiederkehr;

er könnte jetzt des Todes König plagen

und dieser darum ihn zurück uns bringen.“

Darauf sprach zu ihm der Bodhisattva: „Jener König ist mit tausend Wagenladungen Holz verbrannt worden; seine Verbrennungsstätte wurde mit hunderten von Krügen Wasser benetzt und auf allen Seiten eingegraben. Außerdem kehren gewöhnlich diejenigen, die in eine andre Welt gegangen, nicht mehr mit demselben Körper zurück außer durch die Macht der Wiedergeburt [10]. Habe keine Furcht!“ Und indem er jenen tröstete, sprach er folgende Strophe:

§3. „Mit tausend Wagen Holz verbrannt,

mit hundert Krügen noch begossen,

ganz umgegraben ward der Grund.

Hab keine Furcht; er kehrt nicht wieder.“

Von da an bekam der Türhüter den Atem wieder.

Nachdem aber der Bodhisattva in Gerechtigkeit die Herrschaft geführt und gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. ausgeübt hatte, gelangte er an den Ort seiner Verdienste.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war Pingala Devadatta, der Sohn aber war ich.“

Ende der Erzählung von Mahapingala


[0a] Bei Dutoit heißt das Jataka „Die Erzählung von dem großen Pingala“. „Maha“ ist hier jedoch kein Adjektiv, sondern Namensbestandteil. Daher ziehe ich es vor, ihn unübersetzt zu lassen.

[1] Der Name [„Pingala“] bedeutet „der Rotgelbe“.

[2] Davon weiß die ältere Tradition nichts; vgl. „Leben des Buddha“, S. 187.

[3] Rouse übersetzt unrichtig: „the adversary is slain, and the Master has become perfectly enlightened“.

[4] In diesem Zusammenhang bedeutet „bhuta“ nicht die lebenden Wesen, wie Rouse meint, sondern eine Art von Halbgöttern.

[4a] Auf Pali: „Mahapingala“.

[5] Damit sind, wie öfter, die vier Arten des üblen Verhaltens gemeint, nämlich: Bevorzugung, Hass, Verblendung und Furcht.

[6] Eine andre Bedeutung wird sich für „jamgha“ in diesem Zusammenhang kaum ergeben können.

[7] D. h. sie ließen durch Trommelschlag verkünden, dass heute Festtag sei.

[8] Wörtlich: „Er weinte beim Ein- und Ausatmen.“

[9] Ähnlich wie Mara der Gott des Todes. Er tritt besonders in der bekannten Savitri-Episode auf.

[10] Es könnte auch heißen: „weil er anderswohin gegangen ist“. Allerdings ist die gewöhnliche Bedeutung von annatra „ohne“; doch könnte es hier statt „annattha“ stehen.


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