Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

244. Die Erzählung vom Aufgeben des Wunsches (Viticcha-Jataka) [1]

„Das, was er sieht, das wünscht er nicht“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf einen davongelaufenen Bettelmönch. — Als dieser nämlich auf dem ganzen Jambu-Erdteil keinen fand, der ihm widersprechen konnte, kam er auch nach Savatthi und fragte: „Wer ist im Stande, mit mir zu disputieren?“ Als er hörte: „Der völlig Erleuchtete“, begab er sich, von einer großen Volksmenge umgeben, nach dem Jetavana und stellte eine Frage an den Erhabenen, der inmitten der vierfachen Versammlung die Lehre verkündigte. Der Meister beantwortete sie ihm und fragte ihn dann nur nach einem einzigen Worte. Jener aber konnte es nicht sagen, sondern er stand auf und machte sich davon.

Die Versammelten, die dabei waren, sagten nun: „Durch ein Wort habt Ihr, Herr, den Bettelmönch überwunden.“ Darauf sprach der Meister: „Nicht nur jetzt, Laienbrüder, habe ich diesen mit einem einzigen Worte überwunden, sondern auch früher schon überwand ich ihn.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, gab er die Lüste auf, betätigte die Weltflucht der Weisen und weilte lange im Himalaya-Gebirge. Dann stieg er vom Berg herab und nahm in der Nähe eines Fleckens an einer Krümmung des Ganges in einer Laubhütte seine Wohnung.

Ein Bettelmönch aber, der auf dem ganzen Jambu-Erdteil keinen, der ihm widersprechen konnte, gefunden hatte, kam auch nach diesem Flecken. Er fragte: „Ist jemand im Stande, mit mir zu disputieren?“ Als er vernahm: „Ja, es gibt jemand“, und von der Macht des Bodhisattva hörte, begab er sich, von einer großen Volksmenge umgeben, nach dessen Wohnung, begann eine freundliche Unterhaltung mit ihm und setzte sich nieder. Darauf fragte ihn der Bodhisattva: „Wünschest du das vom Waldesduft durchdrungene Gangeswasser zu trinken?“ Der Bettelmönch aber wollte ihn mit einem Worte fangen und sagte: „Was ist der Ganges? Der Sand ist der Ganges, das Wasser ist der Ganges, das diesseitige Ufer ist der Ganges, das jenseitige Ufer ist der Ganges.“ Doch der Bodhisattva erwiderte: „Wenn du das Wasser, den Sand, das diesseitige Ufer und das jenseitige Ufer ausnimmst, wie willst du den Ganges erhalten?“ Der Bettelmönch konnte nichts entgegnen, sondern er stand auf und machte sich davon.

Als er davongegangen war, sprach der Bodhisattva, indem er der um ihn sitzenden Versammlung die Lehre predigte, folgende Strophen:

§1. „Das, was er sieht, das wünscht er nicht;

doch was er nicht sieht, wünscht er sich.

Ich glaube, er wird lange wandeln;

denn er erhält nicht, was er wünscht.

 

§2. Was er erhält, befriedigt nicht,

wonach er strebt, verschmäht er dann.

Die Wünsche sind ja ohne Ende;

Verehrung sei den Wunschbefreiten.“

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Der damalige Bettelmönch war auch der jetzige Bettelmönch, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Aufgeben des Wunsches


[1] Der Titel bezieht sich nur auf ein Wort in der letzten Zeile der zweiten Strophe.


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