Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

254. Die Erzählung von dem Sindhu-Ross mit dem Reisstaub im Leibe (Kundakakucchisindhava-Jataka)

„Nachdem du Gras und Brocken aßest“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Thera Sāriputta. Zu einer Zeit nämlich, als der völlig Erleuchtete zu Savatthi die Regenzeit verbracht hatte und von seiner Wanderung wieder zurückkehrte, dachten die Leute: „Wir wollen den Angekommenen ehren“, und spendeten der Mönchsgemeinde, die Buddha zum Haupte hatte, ein Almosen. Im Kloster stellten sie einen Mönch auf, der sonst die Predigt bekannt zu machen pflegte; dieser gab allen denen, die kamen und eine bestimmte Anzahl von Mönchen wünschten, eine Anzahl Mönche mit, indem er sie verteilte.

Eine arme, alte Frau aber, die nur eine Portion zubereitet hatte, kam, als an die einzelnen Leute die Mönche verteilt wurden, am Morgen zu dem Predigtausrufer hin und sagte: „Gebt mir einen Mönch.“ Jener erwiderte: „Ich habe schon alle Mönche an die einzelnen verteilt. Der Thera Sāriputta aber ist noch im Kloster; gib diesem dein Almosen!“ Sie sagte: „Gut“, und befriedigten Herzens blieb sie am Torerker des Jetavana stehen, bis der Thera kam. Sie grüßte ihn, nahm ihm die Almosenschale aus der Hand, führte ihn in ihr Haus und ließ ihn sich niedersetzen.

Nun hörten viele gläubige Familien: „Eine alte Frau hat den Heerführer der Lehre in ihrem Hause sich niedersetzen lassen.“ Als unter diesen Pasenadi, der König von Kosala, diese Begebenheit erfuhr, schickte er ihr Gefäße voll Reisbrei nebst einem Gewande und einem Beutel mit tausend Goldstücken und ließ ihr sagen: „Wir laden die Edle ein, mit diesem Gewande sich zu bekleiden und diese Kahapanas auszugeben, um den Thera zu bewirten.“ Und wie der König, so schickten auch Anathapindika, der jüngere Anathapindika und die große Laienschwester Visakha zu der alten Frau. Auch andere Familien schickten einhundert, zweihundert oder mehr Kahapanas zu ihr, je nach ihrem Vermögen. So erhielt die alte Frau an dem einen Tage hunderttausend. Der Thera aber trank den von ihr gespendeten Reisschleim und verzehrte den von ihr gemachten Kuchen und den Reisbrei, den sie gekocht. Nachdem er gespeist, verrichtete er seine Danksagung, brachte die alte Frau zur Erreichung der Frucht der Bekehrung und kehrte hierauf in sein Kloster zurück.

In der Lehrhalle begannen darauf die Mönche folgendes Gespräch über die Vorzüge des Thera: „Freund, der Heerführer der Lehre hat die alte Hausmutter aus ihrem Elend befreit und ist ihr eine Hilfe geworden; ohne Widerwillen hat er die von ihr gereichte Speise verzehrt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist Sāriputta zu einer Hilfe für die alte Frau geworden und nicht nur jetzt verzehrte er die von ihr gereichte Speise ohne Widerwillen, sondern auch früher schon tat er so.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Kaufmannsfamilie des Nordens seine Wiedergeburt. Fünfhundert Pferdehändler aus dem Norden aber pflegen ihre Pferde nach Benares zu bringen und verkaufen sie dort. Nun kam einmal ein Pferdehändler mit fünfhundert Pferden auf den Weg nach Benares. — Unterwegs befindet sich unweit von Benares ein Flecken. Dort wohnte ehemals ein sehr wohlhabender Großkaufmann; dieser besaß ein großes Haus. Seine Familie aber war allmählich zugrunde gegangen und nur eine alte Frau war übrig geblieben. Diese wohnte in dem Hause.

Als nun jener Pferdehändler in den Flecken kam, sagte er: „Ich werde dir Miete dafür zahlen“, und nahm in diesem Hause Aufenthalt; die Pferde stellte er zur Seite. An diesem Tage aber gebar eine ihm gehörige edle Stute ein Fohlen. Nachdem er zwei bis drei Tage dort geblieben war, reiste er mit den Pferden fort, um den König aufzusuchen. Die alte Frau aber sagte ihm: „Gib mir die Miete für das Haus.“ „Gut“, erwiderte er, „ich will sie dir geben, Mutter.“ Darauf sprach sie: „Lieber, wenn du mir die Miete geben willst, so ziehe dies junge Füllen von der Miete ab und gib es mir.“ Der Kaufmann tat so und zog fort. Die Frau brachte dem Fohlen Liebe entgegen wie einem Sohne; sie gab ihm ausgepresstes, geröstetes Korn, Brocken und Gräser und zog es so auf.

In der Folgezeit kam einmal der Bodhisattva mit fünfhundert Rossen des Weges und nahm in jenem Hause Aufenthalt. Als die Rosse an dem Orte, wo das Sindhu-Fohlen beim Verzehren von Reisstaub gestanden hatte, den Geruch witterten, vermochte auch nicht ein einziges, das Haus zu betreten [1]. Da fragte der Bodhisattva die alte Frau: „Mutter, ist vielleicht ein Pferd in diesem Hause?“ Sie antwortete: „Lieber, ein andres Pferd gibt es hier nicht; ich habe aber ein junges Fohlen an Sohnes statt angenommen und ziehe es auf; dies ist hier.“ „Wo ist es, Mutter?“ „Es ist gerade fort gegangen, Lieber.“ „Zu welcher Zeit wird es zurückkehren?“ „Zur rechten Zeit wird es zurückkehren, Lieber“, versetzte die Alte.

Der Bodhisattva setzte sich, auf das Kommen des Fohlens wartend, nieder und ließ seine Rosse draußen. Nachdem nun das Sindhu-Fohlen herumgelaufen war, kam es zur rechten Zeit zurück. Als der Bodhisattva das Sindhu-Fohlen sah, dessen Leib voll Reisstaub war, bemerkte er die Abzeichen [2] und dachte bei sich: „Dieses Sindhu-Ross ist unschätzbar; ich muss der alten Frau den Preis dafür zahlen und es mitnehmen.“ — Das Sindhu-Ross aber ging in das Haus hinein und stellte sich an seinen gewohnten Platze. In diesem Augenblick getrauten sich auch die anderen Pferde, das Haus zu betreten.

Nachdem der Bodhisattva zwei oder drei Tage dort geblieben war und die Pferde ausgeruht hatten, sagte er beim Gehen: „Mutter, gib mir dies Fohlen und nimm den Preis dafür.“ „Was redest du?“, erwiderte die Alte, „verkauft man denn seine Kinder?“ Darauf sprach der Bodhisattva weiter: „Mutter, mit welcher Nahrung ziehst du es auf?“ Sie antwortete: „Ich ziehe es auf, Lieber, indem ich ihm Reisbrei, saure Grütze, gerösteten Reis, Brocken und Gras zu fressen und Schleim von Reisstaub zu trinken gebe.“ Nun sagte der Bodhisattva: „Mutter, wenn ich es bekomme, so werde ich ihm Speise von äußerstem Wohlgeschmack geben; da, wo es steht, werde ich einen Baldachin aus Tuch aufrichten und es auf einem Polster stellen lassen.“ Darauf erwiderte die Alte: „Lieber, wenn es sich so verhält, soll es meinem Sohne gut gehen. Nimm ihn mit und gehe.“

Der Bodhisattva machte nun einen besonderen Preis für die vier Füße, den Schweif und das Gesicht und legte dafür sechs Beutel mit je tausend Goldstücken hin; der Alten gab er ein neues Gewand zum Anziehen, ließ sie sich schmücken und stellte sie dann vor das Fohlen hin. Dies hob die Augen, sah seine Mutter an und vergoss Tränen. Die Alte strich ihm den Rücken und sagte: „Ich habe die Entschädigung für meine Wartung erhalten; gehe jetzt, Lieber.“ Dann ging es fort.

Am nächsten Tage machte der Bodhisattva Speise von äußerstem Wohlgeschmack für das Fohlen zurecht; da er aber dachte: „Ich will es jetzt auf die Probe stellen, ob es seinen Vorzug kennt oder nicht“, ließ er in einen Trog Reisstaubschleim schütten und setzte ihm dies vor. Das Fohlen aber dachte: „Diese Speise werde ich nicht verzehren“, und wollte nicht den Reisschleim trinken. Um es auf die Probe zu stellen, sprach der Bodhisattva folgende erste Strophe:

§1. „Nachdem du Gras und Brocken aßest,

vom Reise Schaum und Staub verzehrtest,
war dies doch dein gewohntes Futter;
warum willst du es jetzt nicht fressen?“

Als das Sindhu-Ross dies hörte, sprach es die folgenden zwei anderen Strophen:

§2. „Wo man den Edlen nicht erkennt

nach Abstammung und nach Verhalten,

da ist, du Weiser, gut genug

auch Reisstaub und der Schaum vom Reise.

 

§3. Du aber hast mich wohl erkannt,

dass ich das beste bin der Rosse;

da meinen Vorzug selbst ich kenne,

werd' ich den Reisstaub nicht mehr fressen.“

Da dies der Bodhisattva hörte, sagte er: „Ich tat dies nur, um dich auf die Probe zu stellen; sei nicht böse!“ Er gab ihm gute Speise zu verzehren und begab sich mit ihm an den Hof des Königs. Hier stellte er auf die eine Seite die fünfhundert Pferde; auf der andern stellte er ein herrliches Zelt auf, breitete auf den Boden ein Polster, befestigte darüber einen Baldachin aus Tuch und stellte dort das Sindhu-Fohlen auf.

Als der König kam und die Rosse betrachtete, fragte er: „Warum ist dieses Pferd abseits gestellt?“ Der Bodhisattva antwortete: „O Großkönig, wenn dies Sindhu-Ross nicht getrennt gestellt wird, wird es die andern Pferde losmachen.“ „Ist es ein edles Sindhu-Ross?“, fragte der König weiter. „Ja, o Großkönig“, erwiderte jener. „Ich will darum seine Schnelligkeit sehen“, versetzte der König.

Darauf zäumte der Bodhisattva das Ross auf, bestieg es und sagte: „Sieh jetzt, o Großkönig!“ Er ließ die Leute aus dem Wege treiben und ritt das Pferd im Hofe des Königs umher. Der ganze Hof des Königs schien ununterbrochen von Reitern und Pferden umgeben. Abermals rief der Bodhisattva: „Sieh, o Großkönig, die Schnelligkeit des Sindhu-Fohlens“, und ließ es los; da sah es niemand mehr. Dann legte er ein rotes Tuch um dessen Leib und ließ es wieder los; da sah man nur das rote Tuch. Hierauf ließ er das Ross in der Stadt über einen Lotosteich im Parke dahinlaufen; als es aber über das Wasser lief, wurden nicht einmal die Enden seiner Hufe nass. Dann lief es wiederum über die Blätter eines Lotosteiches und drückte dabei nicht ein einziges Blatt unter das Wasser.

Nachdem er so die vollendete Schnelligkeit seines Rosses gezeigt, stieg er herab, klatschte in die Hände und streckte ihm die Handflache entgegen; das Pferd kam herbei, tat die vier Füße zusammen und stand auf der Handfläche. Darauf sprach das große Wesen zum Könige: „O Großkönig, wenn dieses Fohlens Schnelligkeit in jeder Art gezeigt würde, so würde der Umkreis des Ozeans dazu nicht ausreichen.“

Befriedigt gab der König dem Bodhisattva die Hälfte seines Königreichs; das Sindhu-Fohlen aber ließ er salben und zum königlichen Leibrosse machen. Es war dem König lieb und wert und wurde hoch geehrt. Seine Wohnung glich dem prächtig gezierten Schlafgemach eines Königs; den Boden beträufelten sie mit allerlei edlen Wohlgerüchen, in Reihen brachten sie wohlriechende Substanzen und Girlanden an. Darüber war ein Baldachin von Tuch, eingelegt mit goldenen Sternen; auf allen Seiten war ein herrliches Zelt herumgestellt. Beständig brannte eine Lampe mit duftendem Öle; selbst an dem Orte, wo es Kot und Urin von sich zu geben pflegte, stellten sie eine goldene Schüssel auf; beständig verzehrte es ein königliches Mahl.

Seitdem das Ross aber gekommen war, kam auf dem ganzen Jambus-Erdteil die Herrschaft in die Hand jenes Königs. Der König aber beharrte bei der Ermahnung des Bodhisattva, verrichtete gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangte so in den Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber wurden viele bekehrt oder einmalzurückkehrend oder nichtzurückkehrend): „Damals war die alte Frau dieselbe wie jetzt, das Sindhu-Ross war Sariputta, der König war Ananda, der Pferdehändler aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Sindhu-Ross mit dem Reisstaub im Leibe


[1] Hier ist natürlich nicht gemeint aus Ekel, sondern aus Ehrfurcht vor der edlen Rasse.

[2] Die Sindhu-Rosse hatten verschiedene charakteristische Abzeichen an ihrem Körper.


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