Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

267. Die Erzählung von dem Krebs (Kakkata-Jataka)

„Gehörnt ist dieses Tier“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine Frau. Ein Gutsbesitzer von Savatthi nämlich war einmal mit seiner Frau auf das Land gegangen, um geschuldetes Geld zurückzuerhalten. Als er das ihm Geschuldete bekommen hatte und auf dem Heimwege war, wurde er unterwegs von Räubern ergriffen. Seine Gattin aber war sehr schön und lieblich. Der Räuberhauptmann entbrannte in Liebe zu ihr und machte Anstalten, den Gutsbesitzer zu töten. Die Frau aber war tugendhaft und reines Wandels, ein ergebenes Weib. Sie fiel dem Räuberhauptmann zu Füßen und sagte: „Gebieter, wenn du aus Liebe zu mir meinen Gatten tötest, so werde ich Gift nehmen oder den Atem durch die Nase anhalten, bis ich sterbe. Ich werde nicht mit dir gehen. Töte nicht ohne Grund meinen Gatten!“ Durch diese Bitten bewirkte sie die Freilassung ihres Mannes.

Nachdem sie beide glücklich Savatthi erreicht hatten und am Jetavana-Kloster vorbeigingen, dachten sie: „Wir wollen in das Kloster hineingehen, den Meister begrüßen und dann wieder gehen.“ Und sie gingen nach seiner duftenden Zelle hin, begrüßten den Meister und setzten sich ihm zur Seite. Als der Meister sie fragte: „Wohin seid ihr gegangen?“, antworteten sie: „Um Schulden einzutreiben.“ Auf die weitere Frage, ob sie gesund den Rückweg zurückgelegt, sprach der Gutsbesitzer: „Herr, unterwegs nahmen uns Räuber gefangen. Da bat sie den Räuberhauptmann, der mich töten wollte, um mein Leben und befreite mich. Durch sie bin ich am Leben geblieben.“ Darauf sprach der Meister: „Laienbruder, jetzt hat sie dir das Leben gerettet; früher rettete sie es auch Weisen.“ Nach diesen Worten erzählte er auf dessen Bitten folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war im Himalaya ein großer Wassertümpel. Dort wohnte ein großer, goldfarbener Krebs; daher hieß der Teich, weil dieser dort wohnte, der Krebsteich. Der Krebs war groß; er hatte den Umfang einer Dreschtenne. Er fing Elefanten, tötete sie und fraß ihr Fleisch. Aus Furcht vor ihm getrauten sich die Elefanten nicht, hinabzusteigen und dort Nahrung zu suchen.

Damals hatte der Bodhisattva durch einen in der Nähe des Krebsteiches wohnenden Anführer einer Elefantenherde im Schoße eines Elefantenweibchens seine Wiedergeburt genommen. Seine Mutter aber dachte: „Ich will meine Leibesfrucht behüten“, und war nach einer anderen Berggegend gegangen; nachdem sie hier ihre Leibesfrucht behütet, gebar sie ihren Sohn. Nachdem dieser allmählich zu Verstand gekommen, wurde er groß von Körper, mit Stärke ausgerüstet, voll Schönheit und glich einem Berg, der die Schwärze von Augenwimpernsalbe besitzt.

Nachdem er sich mit einem Elefantenweibchen zusammengetan, dachte er: „Ich will den Krebs erlegen“. Er nahm seine Gattin und seine Mutter mit sich, ging zu der Elefantenherde hin und suchte seinen Vater auf, dem er sagte: „Vater, ich will den Krebs erlegen“. Sein Vater hielt ihn zurück mit den Worten: „Du wirst dazu nicht im Stande sein, mein Sohn“; als er aber immer so sprach, sagte er: „Du wirst ja sehen“. — Darauf versammelte jener alle Elefanten, die an dem Krebsteiche wohnten, und ging mit ihnen in die Nähe des Teiches. Hier fragte er: „Fasst der Krebs zu, wenn ihr herabsteigt oder wenn ihr Futter holt oder wenn ihr wieder heraufsteigt?“ Sie antworteten: „Wenn wir heraufsteigen“. Darauf sagte er: „Steigt also nach dem Krebsteich hinab, sucht euch Futter nach Belieben und steigt dann zuerst herauf; ich will zuletzt heraufsteigen“. Die Elefanten taten so.

Als der Bodhisattva als letzter heraufstieg, packte ihn der Krebs, wie ein Schmied mit seiner großen Zange ein Stück Eisen fasst, mit seinen Scheren fest am Fuße. Das Elefantenweibchen verließ den Bodhisattva nicht, sondern blieb in der Nähe stehen. Der Bodhisattva zog nun an, konnte aber den Krebs nicht von der Stelle bringen; der Krebs dagegen zog ihn an sich heran, bis er vor ihm stand. Von Todesfurcht erfasst stieß jener das Gefangenengeschrei aus. Darauf stießen sämtliche Elefanten, von Todesfurcht erfasst, ihren Trompetenton aus, gaben Urin und Kot von sich und liefen davon.

Da auch das Elefantenweibchen seinem Gatten nicht beistehen konnte, begann es davonzulaufen. Der Bodhisattva aber zeigte ihr, wie er festgehalten war, und sprach, damit sie nicht davonlief, folgende erste Strophe:

§1. „Gehörnt [1] ist dieses Tier mit stieren Augen,
die Haut wie Knochen, haarlos, stets im Wasser.
Von ihm besiegt schrei ich in meiner Not;
verlasse du nicht deinen teuren Gatten!“

Darauf kehrte das Elefantenweibchen um und sprach, ihn tröstend, folgende zweite Strophe:

§2. „O Edler, dich verlass ich nicht,

dich, den jetzt schwachen Elefanten.

Nach allen Richtungen der Erde

bist du allein mir lieb und teuer.“

Nachdem sie ihn so ermutigt, sagte sie: „Edler, jetzt werde ich mit dem Krebse eine kleine Unterhaltung beginnen und dich dadurch freimachen“. Und sie sprach, indem sie den Krebs bat, folgende dritte Strophe:

§3. „Von allen Krebsen, die im Meere,
im Ganges, in der Nammada [2],
bist du, o Wassertier, der Führer.
Befrei der Weinenden den Gatten.“

Als sie so sprach, verliebte sich der Krebs in die weibliche Stimme; ohne Furcht zog er seine Scheren von dem Fuße des Elefanten zurück, wobei er nicht bedachte, was dieser wohl tun werde, wenn er befreit sei. Der Elefant aber hob seinen Fuß und trat dem Krebs auf den Rücken; sogleich zerbrachen ihm die Knochen. Der Elefant stieß ein Freudengeheul aus. Darauf versammelten sich alle Elefanten, zogen den Krebs aus dem Wasser, legten ihn auf den Boden und zertraten ihn, bis er zu Staub wurde.

Seine zwei Scheren aber brachen vom Körper und fielen beiseite. Nun ist der Krebsteich, wenn der Ganges angeschwollen ist, mit dem Ganges vereinigt und wird mit Gangeswasser angefüllt; wenn aber das Wasser abnimmt, fließt das Wasser wieder aus dem Teiche in den Ganges. So wurden die beiden Scheren vom Wasser mitgenommen und vom Ganges mit fort getragen. Die eine von ihnen gelangte ins Meer. Die andere aber fanden die zehn Königsbrüder, da sie sich im Wasser ergingen, und machten die Anaka-Trommel daraus. Die Schere jedoch, die in den Ozean geschwommen war, nahmen die Dämonen und machten daraus die große Alambara-Trommel. Als sie später von Sakka im Kampfe besiegt wurden, warfen sie diese weg und liefen davon. Darauf ließ Sakka die Trommel für seine Zwecke verwenden; in Beziehung auf sie sagt man: „Es donnert wie die Alambara-Wolke“.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangten die beiden Eheleute zur Frucht der Bekehrung): „Damals war das Elefantenweibchen diese Laienschwester, der Elefant aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Krebs


[1] Mit den Hörnern des Krebses sind seine Scheren gemeint. Der Ausdruck könnte auch bedeuten „der Goldene“; doch passt hier obige Deutung entschieden besser.

[2] Die Pali-Form für den Narbadda-Fluss.


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