Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

273. Die Erzählung von der Schildkröte (Kacchapa-Jataka)

„Wer ist es, der die Speise bringt“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Beilegung des Streites zwischen zwei Ministern des Königs von Kosala.

§D. Die Erzählung aus der Gegenwart ist schon im zweiten Buche ausgeführt worden [1].

 

§B. Als aber ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasila die Künste erlernt hatte, gab er die Lüste auf und betätigte die Weltflucht der Weisen. Im Himalaya erbaute er sich am Ufer des Ganges eine Einsiedelei. Er erlangte die Erkenntnisse und die Vollendungen und wohnte dort, des Glückes der Ekstase sich erfreuend.

In diesem Jataka aber [1a] war der Bodhisattva äußerst indifferent und von großer Unempfindsamkeit. Als er einmal an der Türe seiner Laubhütte saß, kam ein unverschämter, frecher Affe herbei und steckte ihm sein Glied in seine Ohrlöcher. Der Bodhisattva hinderte ihn nicht, sondern blieb ganz gleichgültig sitzen.

Eines Tages nun stieg eine Schildkröte aus dem Wasser hervor und legte sich mit geöffnetem Maule in der Sonne schlafen. Als der gierige Affe sie sah, steckte er ihr sein Glied in das Maul. Da wachte die Schildkröte auf und biss ihn in sein Glied, als wenn sie es in eine Kiste würfe. Der Affe bekam heftige Schmerzen. Da er seine Schmerzen nicht aushalten konnte, dachte er: „Wer könnte mich wohl von diesem Leid befreien? Zu wem könnte ich gehen?“ Da kam ihm folgender Gedanke: ,,Ein andrer ist nicht im Stande, mich von diesem Schmerz zu befreien, außer dem Asketen; zu ihm muss ich hingehen.“ Und er hob die Schildkröte mit beiden Händen auf und ging zum Bodhisattva hin.

Der Bodhisattva machte einen Scherz mit dem frechen Affen und sprach folgende erste Strophe:

§1. „Wer ist es, der da Speise bringt
in voller Schüssel [2], der Brahmane?
Wo hast Almosen du gesucht,
zu welchem Frommen kamst du hin?“

Als dies der freche Affe hörte, sprach er folgende zweite Strophe:

§2. „Ich bin nur ein recht dummer Affe,
nicht zu Berührendes berührt' ich.
Befreie mich und sei gesegnet;
befreit werd' auf den Berg ich gehen.“

Jetzt redete der Bodhisattva mit der Schildkröte und sprach folgende dritte Strophe:

§3. „Die Schildkröten sind Kassapas [3],

die Affen aber Kondannas.

Lass los, Kassapa, den Kondanna;

auch du hast Unzucht ja getrieben.“

Als die Schildkröte die Worte des Bodhisattva vernommen, war sie darüber befriedigt und ließ das Glied des Affen los. Sobald aber der Affe wieder frei war, bezeigte er dem Bodhisattva seine Verehrung und lief davon; und in Zukunft wandte er sich nicht einmal nach dem Orte um, um nur hinzusehen. Auch die Schildkröte grüßte den Bodhisattva und ging an ihren Ort zurück.

Der Bodhisattva aber gelangte, unaufhörlich in Ekstase versunken, in die Brahma-Welt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten. „Damals waren die Schildkröte und der Affe diese beiden Minister, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Schildkröte


[1] Nämlich im 154. Jataka, der „Erzählung von der Schlange“.

[1a] Möglicherweise im Gegensatz zum Jataka 271, wo der Bodhisattva einen Störenfried vertreibt. Einen Gegensatz zum oben angesprochenen Jataka 154 vermag ich jedenfalls nicht zu erkennen.

[2] Der Bodhisattva macht diesen Scherz, weil es aussieht, als trage der Affe eine Almosenschale mit beiden Händen.

[3] Der Kommentator erklärt dies folgendermaßen: „Die Schildkröten gehören zur Familie der Kassapas (= „Schildkröten“), die Affen zu der der Kondannas. Zwischen den Kassapas und Kondannas aber besteht das Verhältnis der gegenseitigen Verehelichung. Obwohl du nun an dem gierigen, frechen Affen eine der von diesem frechen Affen, der aus ähnlicher Familie stammt, verübten Unzucht entsprechende böse Tat ausführtest, hast du doch auch Unzucht begangen. Darum lasse den Kondanna los, Schildkröte!“


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