Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

274. Die Erzählung von dem Gierigen (Lola-Jataka)

„Wer ist der Kranich mit dem Schopf“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen gierigen Mönch. Als dieser in die Lehrhalle geführt wurde, sprach der Meister: „Nicht nur jetzt bist du gierig, o Mönch, sondern auch früher schon warst du gierig und infolge deiner Gier kamst du ums Leben; durch dich gingen auch Weise in der Vorzeit ihres Wohnortes verlustig.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, stellte der Koch des Großkaufmanns von Benares, um damit ein gutes Werk zu tun, in der Küche einen Nestkorb auf. Damals war der Bodhisattva als eine Taube wiedergeboren worden und nahm dort seinen Aufenthalt [1]. Eine gierige Krähe flog einmal über die Küche hin. Als sie die mannigfachen Zubereitungsarten von Fleisch und Fisch sah, wurde sie von Verlangen erfüllt und sie dachte: „Durch wen könnte ich wohl Gelegenheit dazu erhalten?“ Da sah sie den Bodhisattva. Sie fasste den Entschluss, durch ihn hineinzukommen, und folgte ihm daher, als er in den Wald flog, um sich Futter zu holen, immer hinten nach.

Da sprach zu ihr der Bodhisattva: „Du Krähe, wir haben andere Nahrung als die Krähen; was folgst du mir nach?“ Jene erwiderte: „Euer Tun gefällt mir; ich will mir das gleiche Futter suchen wie Ihr und Euch dienen.“ Der Bodhisattva willigte ein. Während jene sich nun stellte, als suche sie an dem Futterplatz dasselbe Futter, blieb sie etwas zurück. Sie scharrte einen Misthaufen auseinander und fraß die Würmer. Als ihr Leib gefüllt war, ging sie wieder zum Bodhisattva hin und sagte zu ihm: „Ihr geht schon so lange umher; muss man nicht auch beim Essen ein Maß kennen? Kommt, wir wollen nicht zu spät am Abend heimkehren.“

Der Bodhisattva ging mit ihr nach seiner Wohnung. Der Koch dachte: „Unsere Taube hat einen Freund mitgebracht“; und er stellte auch für die Krähe einen Spreukorb auf. So blieb die Krähe vier oder fünf Tage auf diese Weise dort wohnen.

Eines Tages wurde für den Großkaufmann viel Fischfleisch gebracht. Als die Krähe dies sah, wurde sie von Begierde erfüllt und sie lag von der Morgendämmerung an stöhnend da. Am nächsten Tage sagte der Bodhisattva zu ihr: „Komm, Freund, wir wollen uns Futter holen.“ Die Krähe erwiderte: „Geht Ihr nur; wir haben einen verdorbenen Magen.“ Jetzt sprach der Bodhisattva: „Freund, bei den Krähen gibt es keine Magenbeschwerden. Auch wenn ihr einen Lampendocht nehmt, so bleibt er nur kurz in eurem Magen; alles übrige wird von euch verdaut, kaum dass es im Magen ist. Tue nach meinem Worte und handle nicht so, nachdem du dies Fischfleisch gesehen.“ Doch die Krähe antwortete: „Herr, was sagt Ihr da? Ich habe Verdauungsbeschwerden.“ „Gib also Acht“, versetzte der Bodhisattva, und nachdem er die Krähe so ermahnt, ging er fort.

Nachdem nun der Koch das Fischfleisch auf verschiedene Arten zubereitet, stellte er sich an die Küchentüre und wischte sich den Schweiß ab. Die Krähe dachte: „Jetzt ist es Zeit, das Fleisch zu verzehren“, und setzte sich auf den Rand der Schüssel mit dem wohlschmeckenden Inhalt. Da hörte der Koch das Klirren; er drehte sich um und schaute hin. Als er die Krähe sah, ging er hinein, packte sie und rupfte ihr am ganzen Körper die Federn aus; nur auf ihrem Kopfe ließ er einen Schopf stehen. Dann zerstieß er Ingwer und Kümmel, vermischte dies mit saurer Buttermilch und bestrich ihr damit den ganzen Körper, indem er sagte: „Du bist die Ursache, dass ich das Fischfleisch für unsern Großkaufmann wegwerfen muss.“ Dann warf er sie in den Nestkorb; die Krähe aber litt heftige Schmerzen.

Als nun der Bodhisattva von seinem Futterplatz zurückkam und sie stöhnen sah, sprach er, indem er seinen Scherz mit ihr trieb, folgende erste Strophe:

§1. „Wer ist der Kranich mit dem Schopf,
der Räuber, dessen Ahn die Wolke [2]?
So komme doch heraus, du Kranich;
gar grausam ist mein Freund, die Krähe.“

Als dies die Krähe hörte, sprach sie folgende zweite Strophe:

§2. „Ich bin kein Kranich mit 'nem Schopf,
ich bin nur eine gier'ge Krähe.
Da ich nicht tat nach deinem Wort,
sieh her, wie ich bin zugerichtet!“

Da dies der Bodhisattva hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

§3. „Noch öfters wird dir 's, Freund, so gehen,
denn von der Art ist dein Benehmen.
Die Speisen, die die Menschen essen,
bekommen nicht gut einem Vogel.“

Nach diesen Worten aber dachte der Bodhisattva: „Von nun an darf ich nicht mehr hier wohnen bleiben“; er flog in die Höhe und begab sich anderswohin. Die Krähe aber starb daselbst unter Stöhnen.

 

§C. Nachdem der Meister so diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Nichtrückkehr): „Damals war die gierige Krähe der gierige Mönch, die Taube; aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Gierigen


[1] Vgl. das fast gleichlautende Jataka 42.

[2] Der Kommentator erklärt diesen sonderbaren Ausdruck (wörtlich: „dessen Großvater die Wolke ist“) folgendermaßen: Die Kraniche empfangen bei dem Schall des Donners; darum ist der Donner ihr Vater. Der Donner aber ist der Sohn der Wolke; darum ist die Wolke der Großvater der Kraniche.


  Oben zeilen.gif (1054 bytes)