Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

287. Die Erzählung von dem Tadel der Ehrung (Labhagaraha-Jataka)

„Nicht ohne Wahnsinn“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Gefährten des Thera Sāriputta. Der Gefährte des Thera nämlich war zu dem Thera hingegangen, hatte ihn begrüßt und ihm zur Seite sitzend folgende Frage gestellt: „Herr, teilt mir die Art mit, auf die man einer Ehrung teilhaftig wird. Was muss einer tun, um Gewänder und dergleichen zu erhalten?“ Darauf antwortete ihm der Thera: „Lieber, wer mit vier Eigenschaften ausgestattet ist, dem wird Ehre und Ansehen zuteil. Er muss in seinem Innern die Scham beseitigen, seine Eigenart aufgeben und obwohl bei Sinnen wie ein Verrückter werden. Worte der Verleumdung muss er sagen, einem Schauspieler muss er gleich werden, mit zerstreuter Stimme muss er den Erregten spielen.“ Mit diesen Worten setzte er jenem die Art und Weise auseinander, wie man einer Ehrung teilhaftig wird. Jener aber tadelte diese Art und Weise, stand auf und entfernte sich.

Darauf begab sich der Thera zu dem Meister und teilte ihm diese Begebenheit mit. Der Meister sprach: „Nicht nur jetzt, Sāriputta, tadelte dieser Mönch die Ehrung, sondern auch schon früher tadelte er sie.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Thera folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war und im Alter von sechzehn Jahren die Vollendung in den drei Veden und in den achtzehn Künsten erlangt hatte, wurde er ein weitberühmter Lehrer und unterrichtete fünfhundert junge Brahmanen in den Künsten.

Da besuchte eines Tages ein junger Brahmane, der einen tugendhaften Wandel führte, den Lehrer und fragte: „Wie wird man der Ehrung bei diesen Wesen teilhaftig?“ Der Lehrer antwortete: „Mein Sohn, durch folgende vier Ursachen entsteht eine Ehrung unter diesen Wesen“; und er sprach folgende erste Strophe:

§1. „Nicht ohne Wahnsinn, ohne zu verleumden,
nicht ohne Schauspielkunst und ohn' Erregung
erlangt man Ehrung unter Toren;
dies möge dir zur Lehre dienen.“

Als der Schüler die Rede des Lehrers vernommen, sprach er, indem er die Ehrung tadelte:

§2. „Pfui über dieses Ruhm Erlangen

und Geld Erlangen, o Brahmane,

wenn durch Strafwürdiges, durch Laster

man sich den Unterhalt erwirbt.

 

§3. Wenn man mit der Almosenschale

das Haus verlässt, der Welt entsagt,

so ist dies Leben besser wohl

als durch das Laster satt zu werden.“

Nachdem so der junge Brahmane den Vorzug der Weltentsagung gepriesen, ging er davon und betätigte die Weltflucht der Weisen. Indem er sich mit tugendhaftem Wandel Almosen sammelte, erreichte er die Vollkommenheiten und gelangte später in die Brahma-Welt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der junge Brahmane der Mönch, der die Ehrung tadelte; der Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Tadel der Ehrung


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