Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

294. Die Erzählung von dem Mango-Esser (Jambukhadaka-Jataka)

„Wer ist dies, dessen Stimme reizend“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf Devadatta und Kokalika. Als nämlich Devadattas Ruhm und Ehre abnahm, ging Kokalika in den Familien umher und pries Devadattas Vorzüge mit folgenden Worten: „Der Thera Devadatta entstammt der Linie des Königs Mahasammata [1]. Er ist geboren in der Königsfamilie des Okkaka [2], aufgezogen in ununterbrochener Kriegertradition. Er besitzt die Kenntnis der heiligen Schriften, die Fähigkeit zur Ekstase; er hat eine süße Rede und erklärt die Lehre. Gebet, helfet dem Thera!“ Devadatta pries seinerseits die Vorzüge des Kokalika, indem er sagte: „Kokalika entstammt einer Brahmanenfamilie des Nordens; er hat sie verlassen und ist Mönch geworden. Er ist sehr gelehrt und ein Erklärer der Lehre; gebet, helfet dem Kokalika!“ Indem so einer des andern Vorzüge pries, gingen sie in den Häusern der Familien umher und speisten.

Eines Tages aber begann man in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, Devadatta und Kokalika essen sich bei den Leuten durch, indem einer des andern unwahre Vorzüge preist.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, preisen diese in unwahrer Weise ihre Vorzüge und kommen dadurch zu ihrem Mahle, sondern auch früher schon kamen sie auf diese Weise zu ihrem Mahle.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva als eine Baumgottheit in einem Mangowäldchen seine Wiedergeburt. Damals verzehrte eine Krähe, auf dem Zweige eines Mangobaumes sitzend, Mangofrüchte. Da kam ein Schakal herbei und sah, indem er nach oben blickte, die Krähe. Er dachte: „Wie, wenn ich ihre unwahren Vorzüge rühmen würde und dadurch die Mangofrüchte verzehren könnte?“ Und indem er den Vorzug der Krähe pries, sprach er folgende Strophe:

§1. „Wer ist dies, dessen Stimme reizend
ins Ohr eindringt, der Sänger bester?
Auf Mangobaumes Zweigen sitzend
singt schön er wie ein junger Pfau.“

Darauf sprach zu ihm die Krähe, indem sie ihn gleichfalls lobte:

§2. „Nur wer aus edlem Stamme ist,
versteht, die Edelen zu loben;
du, der du einem jungen Tiger
vergleichbar, iss, was ich dir gebe.“

Nach diesen Worten schüttelte sie einen Mangozweig und ließ dessen Früchte herabfallen.

Als aber die Baumgottheit, die in diesem Mangobaume wohnte, die beiden ihre unwahren Vorzüge preisen und die Mangofrüchte essen sah, sprach sie folgende dritte Strophe:

§3. „Schon lange sehe ich fürwahr,

wie diese Lügner sich vereinen;

sie frisst Erbrochnes, er frisst Leichen

und doch beloben sie einander.“

Nachdem sie aber diese Strophe gesprochen, zeigte die Gottheit den beiden eine Schrecken erregende Gestalt und veranlasste sie dadurch zum Davonlaufen.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der Schakal Devadatta, die Krähe war Kokalika, die Baumgottheit aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Mango-Esser


[1] Dieser gilt als der älteste König; vgl. den Anfang des Jataka 258.

[2] Auch dies ist ein sagenhafter alter König; skr. „Iksvaku“.


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