Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

300. Die Erzählung von dem Wolfe (Vaka-Jataka)

„Der nur von andrer Tötung lebt“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine alte Freundschaft.

§D. Die Begebenheit ist im Vinaya [1] ausführlich erzählt; folgendes aber ist in Kürze der Inhalt:

Der ehrwürdige Upasena, ein Mönch von zwei Jahren [2], begab sich einmal mit seinem Gefährten, einem Mönche von einem Jahre, zu dem Meister. Er empfing vom Meister einen Tadel, worauf er ihn grüßte und sich entfernte. Er befestigte darauf in sich die übernatürliche Einsicht und erlangte die Heiligkeit. Der Genügsamkeit und anderen Tugenden war er ergeben und beobachtete die dreizehn Asketenpflichten [3]. Nachdem er auch seine Genossen zur Beobachtung der dreizehn Asketenpflichten veranlasst hatte, begab er sich, während der Erhabene drei Monate in Zurückgezogenheit verbracht hatte, mit seinem Gefolge zum Meister. Nachdem er wegen seiner Gefolgschaft zuerst einen Tadel erhalten hatte wegen unrechter Reden und nicht entsprechendem Verhalten, erhielt er beim zweiten Male die Genehmigung, dass von nun an die Mönche, die die dreizehn Asketentugenden auf sich genommen, nach Belieben zum Meister kommen und ihn besuchen dürften. Nachdem er diese Erlaubnis vom Meister erhalten, verließ er ihn und teilte dies seinen Mönchen mit.

Von da an kamen die Mönche, welche die Asketenpflichten auf sich genommen hatten, zu dem Meister, um ihn zu besuchen. Als der Meister sich aus seiner Zurückgezogenheit erhoben, warfen sie dort ihre schmutzigen Lappen weg und nahmen ihre reinen Gewänder. Während nun der Meister mit einer großen Menge von Mönchen von Wohnung zu Wohnung wandelte, sah er die allenthalben hingeworfenen schmutzigen Lumpen. Er fragte nach dem Grunde; als er ihn erfuhr, sagte er: „Ihr Mönche, die Erfüllung der Gelübde bei diesen Mönchen gleicht in ihrer kurzen Dauer der Ausübung der Uposatha-Gebote [4] durch den Wolf.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva der Götterkönig Sakka. Es wohnte aber ein Wolf am Ufer des Ganges auf einem großen Felsen. Da kam das Schneewasser in den Ganges und umflutete den Felsen. Der Wolf stieg hinauf und legte sich auf die Oberfläche des Felsens. Er hatte dort aber kein Futter, noch einen Weg, um sich Nahrung zu suchen. Da nun das Wasser immer mehr stieg, dachte er: „Ich habe keine Nahrung und auch keinen Weg, um mir Nahrung zu verschaffen. Es ist besser, das Uposatha-Fasten auszuüben, als untätig dazuliegen.“ Und er legte sich nieder, indem er sich im Geiste vornahm, das Uposatha-Fasten zu halten und die Gebote zu beobachten.

Während aber Sakka nachdachte, bemerkte er dessen schwachen Entschluss. Er dachte: „Ich will den Wolf foppen.“ Darauf kam er in der Gestalt eines Bockes herbei, blieb unweit von jenem stehen und zeigte sich ihm. Als ihn der Wolf sah, dachte er: „Ich will an einem andern Tage die Uposatha-Pflichten betätigen“; er erhob sich und sprang auf, um ihn zu fangen. Der Bock aber sprang hierhin und dorthin und ließ sich nicht fangen.

Als nun der Wolf ihn nicht zu fangen vermochte, kehrte er um, kam an seinen Platz zurück und legte sich wieder nieder, indem er dachte: „Jetzt habe ich doch nicht die Uposatha-Gebote gebrochen.“ Da stellte sich Sakka durch seine göttliche Macht in die Luft und sagte: „Was will einer, der so schwach ist in seinen Entschlüssen, mit der Beobachtung der Uposatha-Gebote? Da du nicht wusstest, dass ich Gott Sakka bin, wolltest du des Bockes Fleisch fressen.“ Nachdem er ihn so geplagt und getadelt, kehrte er in die Götterwelt zurück.

§1. Der nur von andrer Tötung lebt,

der nur von Fleisch und Blut sich nährt,

der Wolf nahm auf sich ein Gelübde;

er wollte einen Fasttag halten.

 

§2. Da Sakka sein Gelübd' erkannte,

kam er in Bocksgestalt herbei;

da war vergessen das Gelübde,

den Vorsatz brach der Blut Gewohnte.

 

§A2.

§3. „So machen es auch oft die Menschen;
wenn sie zu schwach sind zum Entschluss,
so machen sie sich 's auch so leicht,
wie es der Wolf tat mit dem Bocke.“

Diese drei Strophen sprach der völlig Erleuchtete.

 

§C. Nachdem aber der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war ich der Gott Sakka.“

Ende der Erzählung von dem Wolf


[1] Die Erzählung findet sich im ersten Buche des Mahavagga, Kap. 31.

[2] Es scheint ein Mönch gemeint zu sein, der seit zwei Jahren die Weihe hat.

[3] Vgl. Jataka 14 Anm. 2. Für das Folgende ist besonders die erste Regel wichtig, wonach die Gewänder nur aus aufgelesenen Lumpen gefertigt sein durften.

[4] Vgl. Jataka 1 Anm. 14. In dem Jataka ist auf das Fasten an diesem Tage besonderer Nachdruck gelegt.


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