Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

301. Die kleine Erzählung von Kalinga (Culla-Kalinga-Jataka) [0a]

„So öffnet ihnen doch das Tor!“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den Eintritt von vier Bettelnonnen [1] in den Orden. In Vesali nämlich wohnten siebentausend-siebenhundertundsieben Licchavis, Angehörige der Königsfamilie der Licchavis. Diese alle waren versessen auf die Auflösung von Fragen. — Es kam aber ein Nigantha [2] nach Vesali, der in fünfhundert Fragen bewandert war. Jene nahmen ihn bei sich auf. Darauf kam auch eine ähnliche Nigantha-Nonne dorthin. Die Könige ließen die beiden Leute ihre Fragen stellen. Beide waren einander gleich.

Da kam den Licchavis folgender Gedanke: „Ein Sohn, der aus diesen beiden entsteht, wird klug werden“; und sie vermählten sie miteinander und hießen sie zusammen wohnen. Infolge ihres Beisammenseins aber wurden nacheinander vier Töchter und ein Sohn geboren. Die Töchter erhielten die Namen Sacca, Lola, Avavadaka und Patacara [3]; der Sohn wurde Saccaka genannt.

Als diese fünf Leute zu Verstand gekommen waren, erlernten sie die fünfhundert Fragen von ihrer Mutter und die anderen fünfhundert von ihrem Vater, im ganzen tausend Fragen. Die Eltern gaben den Töchtern folgende Ermahnung: „Wenn ein Laie eine Frage von euch löst, so werdet seine Dienerinnen; wenn aber ein Mönch sie löst, so tretet in seinen Orden.“ — Darauf starben die Eltern. Nachdem sie gestorben waren, blieb der Nigantha Saccaka zu Vesali wohnen und lehrte dort die Licchavi-Künste. Seine Schwestern aber nahmen einen Mangozweig mit und wanderten, um ihre Fragen zu stellen, von Stadt zu Stadt.

Dabei gelangten sie auch nach Savatthi. Am Stadttore gruben sie ihren Mangozweig ein und sagten den Jünglingen: „Wer sich in eine Disputation mit uns einlassen will, sei er Laie oder Mönch, der soll mit den Füßen diesen Sandhaufen zerstreuen und mit den Füßen den Zweig zertreten.“ Hierauf gingen sie in die Stadt hinein, um Almosen zu sammeln. — Der ehrwürdige Sāriputta aber kam, nachdem er den Schmutz weggefegt, in die leeren Töpfe Wasser eingefüllt und die Kranken gepflegt hatte, um Almosen zu sammeln, nach Savatthi hinein. Da sah er den Zweig und fragte danach. Er ließ ihn von den jungen Leuten auf den Boden werfen und zertreten und sagte ihnen: „Diejenigen, welche diesen Zweig pflanzten, sollen nach dem Mahle kommen und mich am Jetavana-Torerker aufsuchen.“ Nachdem er dies den jungen Leuten gesagt, ging er in die Stadt hinein. Nach beendetem Mahle stellte er sich auf den Torerker des Jetavana.

Als aber die Bettelnonnen Almosen gesammelt hatten, kehrten sie zurück. Da sahen sie den Zweig zertreten daliegen und fragten: „Wer hat ihn zertreten?“ Die jungen Leute gaben ihr zur Antwort: „Der Thera Sāriputta; wenn ihr mit ihm disputieren wollt, so begebt euch nach dem Torerker des Klosters!“ Darauf kehrten sie in die Stadt zurück, versammelten viel Volks um sich und gingen nach dem Torerker des Klosters, wo sie dem Thera ihre tausend Fragen vorlegten. Der Thera beantwortete sie alle und fragte dann: „Wisst ihr noch eine andere?“ Sie erwiderten: „Wir kennen keine mehr, Herr.“ „Ich möchte jetzt aber an euch eine Frage stellen.“ „Frage nur, Herr; wenn wir es wissen, werden wir die Frage beantworten.“ Darauf stellte der Thera eine einzige Frage. Jene aber verstanden sie nicht; doch der Thera beantwortete sie.

Hierauf sagten sie: „Wir, Herr, sind besiegt, Ihr seid der Sieger.“ Sāriputta versetzte: „Was wollt ihr jetzt tun?“ Sie erwiderten: Unsere Eltern haben uns folgende Ermahnung gegeben: ‘Wenn ein Laie eure Fragen auflöst, so werdet seine Gattinnen; wenn aber ein Mönch, so tretet in seinen Orden ein.’ Gewährt uns darum die Aufnahme in Euren Orden.“ Der Thera antwortete: „Gut“, und ließ sie bei der ehrwürdigen Uppalavanna Nonnen werden. Sie alle aber gelangten nicht lange danach zur Heiligkeit.

Eines Tages nun begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Lieber, der Thera Sariputta ist für die vier Bettelnonnen eine Hilfe geworden und durch ihn sind sie alle zur Heiligkeit gelangt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt sondern auch früher schon war er für diese eine Hilfe, jetzt hat er ihnen die Nonnenweihe erteilt, früher aber verschaffte er ihnen die Stellung der ersten Gemahlin des Königs.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem im Reiche Kalinga [4] in der Stadt Dantapura Kalinga regierte, herrschte im Reiche Assaka in der Stadt Potali der König Assaka [5]. Kalinga besaß ein Heer und Elefanten; er selbst hatte die Stärke eines Elefanten und fand keinen Gegner. Da er nun Lust bekam zu kämpfen, verkündete er seinen Ministern folgendes: „Ich verlange nach Kampf; einen Gegner aber kenne ich nicht. Was sollen wir tun?“ Die Minister erwiderten: „Es gibt ein Mittel, o Großkönig. Deine vier Töchter prangen in höchster Schönheit. Lasst diese sich schmücken, sich in einen verdeckten Wagen setzen und lasst sie von Heeresmacht umgeben in Dörfern, Flecken und Königsstädten umherziehen. Wenn dann ein König sie in sein Haus aufnehmen will, so werden wir mit ihm kämpfen.“ Der König tat also. Wohin sie aber auch kamen, da ließen sie die Könige aus Furcht nicht in ihre Stadt hinein, sondern sie schickten ihnen ein Geschenk und ließen sie draußen wohnen.

Nachdem sie so auf dem ganzen Jambu-Erdteil umhergezogen waren, gelangten sie in das Reich Assaka nach der Stadt Potali. Auch König Assaka ließ die Stadttore schließen und sandte ihnen ein Geschenk. Er hatte aber einen Minister, Nandisena mit Namen; der war weise, geschickt und der Listen kundig. Dieser dachte: „Diese Königstöchter sind auf dem ganzen Jambu-Erdteil umhergezogen, ohne einen Gegner zu finden. Wenn es sich so verhält, ist der Jambu-Erdteil leer. Ich werde mit Kalinga kämpfen.“ Und er ging an das Stadttor, redete die Torwächter an und sprach, um sie zum Öffnen des Tores zu veranlassen, folgende erste Strophe:

§1. „So öffnet ihnen doch das Tor;

sie sollen einziehn in die Stadt

des Königs Aruna [6]; sie bewacht

der Held, der weise Nandisena.“

Nach diesen Worten ließ er das Tor öffnen, nahm die Königstöchter und brachte sie zu dem König Assaka. Hier sprach er: „Fürchtet Euch nicht! Wenn ein Kampf entsteht, werde ich es schon wissen. Macht diese in höchster Schönheit prangenden Königstöchter zu Euren Gemahlinnen!“ Er ließ ihnen die Weihe geben und schickte die mit ihnen gekommenen Männer fort mit den Worten: „Gehet und erzählet eurem Könige, dass die Königstöchter die ersten Gemahlinnen des Königs Assaka geworden sind.“ Sie kehrten nach Hause zurück und meldeten dies dem Könige.

Da sprach König Kalinga: „Dieser kennt bis jetzt meine Macht noch nicht“, und brach sogleich mit einem großen Heere auf. Als Nandisena von seinem Kommen erfuhr, schickte er ihm folgende Botschaft: „Er soll an der Grenze seines Reiches bleiben; nicht soll er die Grenze unseres Reiches überschreiten. Zwischen den beiden Reichen soll der Kampf stattfinden!“ Als der König diesen Brief gelesen, blieb er an der Grenze seines Reiches stehen; auch Assaka blieb an der Grenze seines Reiches.

Damals hatte der Bodhisattva die Weltflucht der Weisen betätigt und wohnte zwischen den beiden Reichen in einer Laubhütte. Der König Kalinga dachte: „Die Asketen verstehen doch etwas. Wer weiß, wem der Sieg und wem die Niederlage zufallen wird? Ich will den Asketen fragen.“ In unkenntlich machender Kleidung begab er sich zu dem Bodhisattva, begrüßte ihn, setzte sich ihm zur Seite und begann ein freundliches Gespräch mit ihm. Dann sprach er: „Herr, Kalinga und Assaka stehen, um zu kämpfen, jeder an der Grenze seines Reiches. Wem unter ihnen wird der Sieg zuteil werden und wem die Niederlage?“ Der Bodhisattva antwortete: „O Edler, ich weiß nicht, dass dem und dem der Sieg zufällt und dem anderen die Niederlage. Hierher kommt aber der Götterkönig Sakka; ihn will ich fragen und dir seine Antwort mitteilen. Komme morgen wieder.“

Sakka kam darauf, um dem Bodhisattva seine Aufwartung zu machen [7]. Dabei fragte ihn der Bodhisattva nach der Sache. Sakka antwortete: „Herr, Kalinga wird siegen, Assaka wird besiegt werden; dies und dies Vorzeichen wird dabei bemerkt werden.“ Am nächsten Tage kam Kalinga wieder und fragte. Der Bodhisattva teilte es ihm mit. Doch jener fragte nicht, was es für ein Vorzeichen dabei gebe, sondern ging fort, indem er in seiner Freude nur dachte: „Ich werde siegen.“

Diese Begebenheit aber wurde allgemein bekannt. Als Assaka davon hörte, ließ er Nandisena zu sich rufen und sagte: „Kalinga wird ja siegen und wir werden besiegt werden; was soll man da tun?“ Jener erwiderte: „Wer weiß dies, o Großkönig, wer Sieger sein wird und wer der Besiegte? Habt keine Sorge!“ Nachdem er so den König getröstet, suchte er den Bodhisattva auf, grüßte ihn und fragte, an seiner Seite sitzend: „Herr, wer wird siegen und wer wird besiegt werden?“ „Kalinga wird siegen, Assaka wird besiegt werden“, war die Antwort. Jener fragte weiter: „Herr, welches Vorzeichen wird der Sieger erhalten und welches der Besiegte?“ Der Bodhisattva erwiderte: „O Edler, die Schutzgottheit des Siegers wird ein ganz weißer Stier sein, die des anderen ein ganz schwarzer. Die Schutzgottheiten von beiden werden kämpfen und Sieg und Niederlage hervorbringen.“

Als Nandisena dies hörte, stand er auf und ging weg. Dann dachte er: „Der König hat Freunde, die gute Kämpfer sind, tausend an der Zahl.“ Diese nahm er mit sich, stieg auf einen nicht weit entfernten Berg und fragte: „Werdet ihr im Stande sein, für unsern König euer Leben hinzugeben [8]?“ „Ja, wir können es“, war die Antwort. „Stürzt euch darum in diesen Abgrund!“ Sie schickten sich an, sich hinabzustürzen. Da hielt er sie zurück und sagte: „Genug mit dem Sturz! Kämpfet als Freunde des Königs, ohne zurückzuweichen!“ Sie stimmten ihm zu.

Als nun der Kampf bevorstand, dachte der König Kalinga: „Ich werde ja siegen“, und wurde nachlässig. Auch sein Heer dachte: „Der Sieg ist ja doch unser“, und wurde nachlässig. Als sie sich gerüstet hatten, teilten sie sich in ungeordnete Haufen und marschierten nach Belieben darauf los; zur Zeit, wo sie Kräfte sammeln sollten, sammelten sie keine Kräfte.

Die beiden Könige aber bestiegen ihre Pferde und gingen, um zu kämpfen, aufeinander los. Vor beiden her schritt ihre Schutzgottheit; die Schutzgottheit des Königs Kalinga war ein ganz weißer Stier, die des anderen ein ganz schwarzer. Auch diese zeigten, dass sie miteinander kämpfen wollten, und gingen aufeinander los; die Stiere aber waren nur für die Könige sichtbar, nicht für die anderen. — Jetzt fragte Nandisena den König Assaka: „O Großkönig, siehst du deine Schutzgottheit?“ „Ja, ich sehe sie“, war die Antwort. „In welcher Gestalt?“ „Die Schutzgottheit des Kalinga erscheint als ein ganz weißer Stier, die unsrige als ein ganz schwarzer, der ermüdet ist.“

Darauf erwiderte Nandisena: „O Großkönig, fürchtet Euch nicht! Wir werden siegen, Kalinga wird besiegt werden. Steigt vom Rücken Eures Rosses herab, nehmt diesen Speer, drückt Euer gut dressiertes Sindhu-Ross mit der linken Hand am Leibe zusammen, eilt mit diesen tausend Mann rasch vorwärts und bringt die Gottheit des Kalinga mit einem Speerstoße zu Fall. Dann werden auch wir, tausend an der Zahl, sie mit unseren tausend Speeren treffen. So wird die Schutzgottheit des Kalinga zugrunde gehen; dann wird Kalinga besiegt werden und wir werden Sieger sein.“ Der König hieß dies gut, ging auf das von Nandisena gegebene Zeichen vor und stieß mit seinem Speere zu. Auch die Minister stießen mit tausend Speeren und die Schutzgottheit musste dortselbst sterben. Sogleich aber wurde Kalinga besiegt und entfloh. Als dies die tausend Minister sahen, riefen sie laut: „Kalinga flieht.“

Während aber Kalinga von Todesfurcht erfüllt floh, sprach er, auf den Asketen scheltend, folgende zweite Strophe:

§2. „‘Dem unbesieglichen Kalinga ist der Sieg,

dem Assaka Verderben, Niederlage.’

So sprachest du, du Mann mit heil'gem Wandel;

nicht sagen Lügen sonst die Heiligen.“

So auf den Asketen scheltend entfloh er und gelangte in seine Stadt; er getraute sich aber nicht einmal, sich umzublicken. —

Einige Tage darauf kam Sakka wieder, um dem Asketen seine Aufwartung zu machen. Der Asket sprach, mit ihm redend, folgende dritte Strophe:

§3. „Den Göttern ist die Lügenrede fremd;

die Wahrheit, Sakka, ist ihr höchstes Gut.

Wodurch veranlasst sprachst du, Götterkönig,

die Unwahrheit, Maghava [9], großer Indra?“

Als dies Sakka hörte, sprach er folgende vierte Strophe:

§4. „Hast du noch nicht gehört, Brahmane, dass man sagte,

die Götter sind nicht neidisch auf den Kühnen?

Durch Selbstzucht und durch stete Seelenruhe,

durch Ordnung, durch den Marsch zur rechten Zeit,

durch feste Kraft, durch Kühnheit seiner Mannen:

durch dies allein ward Assaka der Sieg.“

Als aber der König Kalinga entflohen war, ließ der König Assaka die Beute mitnehmen und kehrte in seine Stadt zurück. Nandisena aber schickte Kalinga folgenden Brief: „Er soll diesen vier Königstöchtern ihr Erbteil schicken; wenn er es nicht schickt, werde ich wissen, was da zu tun ist.“ Als jener diese Botschaft hörte, wurde er von Furcht ergriffen und schickte ihnen ihr gebührendes Erbe. Von da an lebten sie in Eintracht miteinander.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals waren die Töchter des Königs Kalinga diese jungen Nonnen, Nandisena war Sāriputta, der Asket aber war ich.“

Ende der kleinen Erzählung von Kalinga


[0a] Erstaunlicherweise gibt es kein „Maha-Kalinga-Jataka“. Als solches käme das „Kalinga-Bodhi-Jataka“ Nr. 479 in Frage.

[1] Gemeint sind nichtbuddhistische Asketinnen, die von Ort zu Ort ziehen.

[2] Nigantha ist der gewöhnliche Name für die Angehörigen der Jaina-Sekte.

[3] Die Namen bedeuten: „die Wahre“, „die Gierige“, „die Unterweiserin“, „die sich passend Benehmende“.

[4] Ein Reich an der Koromandelküste; vgl. Jataka 276.

[5] Vgl. Jataka 207.

[6] Nach dem Kommentator ist dies der Vorname des Königs, der nach seinem Lande Assaka heißt.

[7] Vgl. damit die schöne Erzählung, wie Gott Sakka zu Buddha kommt, um ihm zu dienen; „Leben des Buddha“, S. 107.

[8] Im Text stimmt bei diesem Satz die Interpunktion nicht; denn nur die letzten Worte sind abhängig von „er fragte“.

[9] Ein Beiname Indras.


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