Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

310. Die Erzählung von Sayha (Sayha-Jataka)

„Die Erde, die vom Meer umgrenzet“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Als dieser nämlich in Savatthi umherging, um Almosen zu sammeln, sah er ein geschmücktes Weib; dadurch wurde er unzufrieden und verlor den Gefallen am Ordensleben. Es brachten ihn aber die Mönche vor den Erhabenen. Als dieser ihn fragte: „Ist es wahr, Mönch, dass du unzufrieden bist?“, antwortete er: „Es ist wahr“; und als der Meister weiter fragte: „Wer hat dich unzufrieden gemacht?“, erzählte er die Begebenheit. Darauf sprach der Meister: „Warum bist du unzufrieden geworden, der du doch in dieser zum Heile führenden Lehre Mönch geworden bist? Früher haben Weise, als sie die Hauspriesterstelle erhielten, diese zurückgewiesen und die Welt verlassen.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Bodhisattva im Schoße der Gattin des Hauspriesters empfangen und wurde mit dem Sohne des Königs zusammen an einem Tage geboren. Der König fragte seine Minister: „Ist jemand an demselben Tage geboren worden wie mein Sohn?“ Sie antworteten: „Ja, o Großkönig, der Sohn des Hauspriesters.“ Darauf ließ ihn der König holen, übergab ihn den Ammen und ließ ihn mit seinem Sohne zusammen großziehen. Auch hatten sie die gleichen Schmucksachen, gleiches Trinken, Essen u. dgl.

Als sie herangewachsen waren, reisten sie beide nach Takkasila, erlernten dort die Künste und kehrten dann wieder nach Hause zurück. Der König übertrug nun seinem Sohn das Amt des Vizekönigs und er wurde sehr geehrt. Von da an aß der Bodhisattva zusammen mit dem Sohne des Königs, er trank mit ihm, er schlief mit ihm; groß war ihre gegenseitige Freundschaft.

In der Folgezeit gelangte der Königssohn nach dem Tode seines Vaters auf den Thron und lebte in großer Herrlichkeit. Jetzt dachte der Bodhisattva: „Mein Freund regiert jetzt das Reich; im Augenblick, wo er daran denkt, wird er mir das Amt des Hauspriesters übertragen. Was soll mir das Wohnen im Hause? Ich will die Welt verlassen und mich der Einsamkeit ergeben.“ Nachdem er seine Eltern gegrüßt, bat er sie um Erlaubnis, die Welt zu verlassen, und zog allein fort, indem er auf sein ehrenvolles Leben verzichtete. Er begab sich nach dem Himalaya und erbaute sich an einem reizenden Fleckchen Erde eine Laubhütte. Hier betätigte er die Weltflucht der Weisen, erlangte die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten und lebte dort, des Glückes der Ekstase sich erfreuend.

Da erinnerte sich der König an ihn und fragte: „Mein Freund ist nicht da; wo ist er?“ Die Minister erzählten ihm, dass jener die Welt verlassen habe, und sagten: „Er wohnt in einem entzückenden Wäldchen.“ Als der König seinen Aufenthaltsort erfragt, sprach er zu einem Minister namens Sayha: „Gehe und komme mit meinem Freunde zurück; ich will ihm das Amt des Hauspriesters geben.“ — Jener stimmte zu mit dem Worte: „Gut“, zog aus Benares fort und gelangte allmählich bis zu einem Grenzdorfe. Hier ließ er seine Karawane halten und begab sich mit Waldleuten zu dem Aufenthaltsort des Bodhisattva.

Hier sah er den Bodhisattva, wie er einer goldenen Platte gleichend an der Türe seiner Laubhütte saß. Er begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, setzte sich ihm zur Seite, begann eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm und sagte darauf: „Herr, der König möchte dir das Amt des Hauspriesters übertragen und wünscht daher deine Rückkehr.“ Der Bodhisattva antwortete: „Meinetwegen; wenn ich das Amt des Hauspriesters oder auch das ganze Reich von Kasi und Kosala, die Herrschaft über den ganzen Jambu-Erdteil, ja selbst den Glanz der Weltherrschaft bekäme, würde ich nicht zurückkehren. Die Weisen nehmen doch nicht wieder die Lüste an, die sie einmal aufgegeben haben. Was man einmal aufgegeben hat, ist wie ausgespiener Speichel.“ Und nach diesen Worten sprach er folgende Strophen:

§1. „Die Erde, die vom Meer umgrenzet,
die rings der Ozean umgibt,
die wünsche man sich nicht zur Schande [1];
dies merke, Sayha, dir genau.
 
§2. Pfui über dieses Ruhm Erlangen
und Geld Erlangen, o Brahmane,
wenn durch Strafwürdiges, durch Laster
man sich den Unterhalt erwirbt.
 
§3. Wenn man mit der Almosenschale
das Haus verlässt, der Welt entsagt,
so ist dies Leben besser wohl
als durch das Laster satt zu werden [2].
 
§4. Wenn man mit der Almosenschale
das Haus verlässt, der Welt entsagt
und niemand auf der Welt verletzt,
so ist dies besser als ein Thron.“

So wies er jenen trotz seiner wiederholten Bitten zurück. Als aber Sayha nicht die Zustimmung des Bodhisattva erhielt, grüßte er ihn, zog wieder fort und teilte dem König mit, dass jener nicht kommen wolle.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung und viele andere erlangten die Frucht der Bekehrung und die andern Stufen zur Heiligkeit): „Damals war der König Ananda, Sayha war Sāriputta, der Hauspriestersohn aber war ich.“

Ende der Erzählung von Sayha


[1] Der Kommentator fügt hinzu: Weil es eine Schande ist, die Weltflucht wieder aufzugeben.

[2] Die 2. und 3. Strophe stehen auch im Jataka 287 Strophen 2 und 3.


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