Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

317. Die Erzählung von der Totenbeweinung (Matarodana-Jataka)

„Nur den beweint, der wirklich tot ist“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen zu Savatthi wohnenden Gutsbesitzer. Dessen Bruder nämlich war gestorben. Infolge seines Todes wurde jener mit Kummer erfüllt. Er badete nicht mehr, er aß nicht, er salbte sich nicht; am Morgen ging er auf das Leichenfeld und weinte dort, vom Schmerz überwältigt.

Als nun der Meister zur Zeit der Morgendämmerung die Welt betrachtete [1], bemerkte er, dass jener die Vorbedingungen zur Frucht der Bekehrung besitze; darum dachte er: „Ich will ihm eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählen und damit seinen Kummer beschwichtigen. Ihm dadurch die Frucht der Bekehrung zu verschaffen, ist außer mir niemand im Stande; ich muss ihm Beistand bringen.“ — Am andern Tage begab er sich nach dem Mahle, als er von seinem Almosengange zurückkehrte, mit dem ihm begleitenden Mönche an die Haustüre jenes Mannes. Als der Gutsbesitzer hörte, der Meister sei gekommen, ließ er einen Sitz herrichten und sagte: „Tretet ein!“ Darauf ging der Meister in das Haus hinein und ließ sich auf dem hergerichteten Sitze nieder. Auch der Gutsbesitzer kam herbei, begrüßte den Meister ehrfurchtsvoll und setzte sich ihm zur Seite. Darauf fragte ihn der Meister: „Wie, Gutsbesitzer, du bist bekümmert?“ Jener antwortete: „Ja, Herr, seitdem mein Bruder gestorben ist, bin ich bekümmert.“ Der Meister aber sprach: „Freund, alles Lebende ist dem Verfall unterworfen. Was zerstört werden soll, wird zerstört. Darüber darf man sich nicht betrüben. Auch die Weisen der Vorzeit dachten, als ihr Bruder gestorben war: ‘Was zerstört werden muss, wird zerstört’, und waren nicht betrübt darüber.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer achthundert Millionen besitzenden Großkaufmannsfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, starben seine Eltern. Nachdem diese gestorben waren, erhielt der Bruder des Bodhisattva die Familie; der Bodhisattva hatte durch ihn seinen Unterhalt. — In der Folgezeit starb jener an einer ähnlichen Krankheit. Da versammelten sich seine Verwandten, Freunde und Vertrauten; sie streckten die Arme aus, klagten und weinten. Kein einziger konnte durch eigene Kraft stehen bleiben.

Der Bodhisattva aber klagte und weinte nicht. Da tadelten die Leute den Bodhisattva, indem sie sagten: „So sehet doch! Nachdem sein Bruder gestorben ist, verzieht er nicht einmal den Mund. Er ist allzu hartherzig; er dachte wohl: ‘Ich allein werde die beiden Teile des Vermögens genießen’, und wünschte dessen Tod, glaube ich.“ Auch seine Verwandten tadelten ihn und sprachen: „Weinst du nicht, nachdem dein Bruder gestorben?“

Als er ihre Worte vernahm, sprach er: „Da ihr in eurer Blindheit und Torheit die acht weltlichen Eigenschaften nicht kennt, weint ihr: ‘Mein Bruder ist tot’. Ich werde auch sterben und auch ihr werdet sterben. Warum weint ihr nicht wegen euch selbst, dass auch ihr sterben müsst? Alles Geschaffene ist dem Verfall unterworfen und hört auf zu existieren [2]; infolge dieser Tatsache kann nichts Geschaffenes bestehen bleiben. Da nun ihr blinden Toren infolge eures Unverstandes die acht weltlichen Eigenschaften [3] nicht kennt und darüber weint, warum soll denn ich weinen?“ Nach diesen Worten sprach er folgende Strophen:

§1. „Nur den beweint ihr, der schon wirklich tot ist;
denn nicht beweint ihr den, der sterben wird.
Doch alle, die mit Körpern sind versehen,
die scheiden nacheinander aus dem Leben.
 
§2. Die Götter, Menschen, die vierfüß'gen Tiere,
der Vögel Scharen wie die mächt'gen Schlangen,
die sich des Körpers freu'n, der nicht ihr eigen,
sie alle müssen scheiden aus dem Leben.
 
§3. Wenn so man überlegt, wie unbeständig
der Menschen Freud und Leid und wie vergänglich,
so ist das Klagen nutzlos und das Weinen;
warum lasst ihr vom Kummer euch erdrücken?
 
§4. Die Sünder, die Verblendeten, die Toren,
die sich in ihrer Dummheit Helden wähnen,
die halten, Böses denkend, einen Weisen
für töricht, sie, die nicht die Wahrheit kennen.“

Nachdem so der Bodhisattva die Wahrheit verkündet hatte, befreite er sie alle von ihrem Kummer.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Gutsbesitzer zur Frucht der Bekehrung): „Der Weise, der damals viel Volks die Wahrheit erklärte und es dadurch vom Kummer befreite, war ich.“

Ende der Erzählung von der Totenbeweinung


[1] Vgl. dazu die Vorgeschichte zu Jataka 78 und „Leben des Buddha“, S. 216.

[2] Francis übersetzt nur: „All existing things are transient“; Im Text steht aber „ ... anicca hutva na honti“.

[3] Damit sind gemeint:

1. Ehre,
2. Unehre,
3. Ruhm,
4. Schande,
5. Lob,
6. Tadel,
7. Glück,
8. Unglück.

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