Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

325. Die Erzählung von der Rieseneidechse (Godha-Jataka) [1]

„Da ich dich hielt für einen Frommen.“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Betrüger.

§D. Die Begebenheit ist schon oben erzählt [1].

Auch hier führten sie jenen Mönch herbei und zeigten ihn dem Meister mit den Worten: „Herr, dieser Mönch ist ein Betrüger.“ Der Meister erwiderte: „Ihr Mönche, nicht nur jetzt sondern auch früher schon war dies ein Betrüger.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Geschlechte der Rieseneidechsen seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, war er stark von Körper und wohnte im Walde. Ein lasterhafter Asket aber hatte sich unweit davon eine Laubhütte erbaut und wohnte daselbst. — Als der Bodhisattva sich Futter suchte und diese sah, dachte er: „Es wird die Laubhütte eines tugendhaften Asketen sein“; er ging hin, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und begab sich dann in seine Behausung zurück.

Eines Tages nun hatte jener falsche Asket von den Familien, die ihm aufwarteten, wohlzubereitetes süßes Fleisch erhalten. Als er fragte: „Was ist das für Fleisch?“, erfuhr er, es sei Eidechsenfleisch. Da dachte er, von Lust nach Wohlgeschmack überwältigt: „Ich werde die Rieseneidechse, die beständig in meine Einsiedelei kommt, töten, nach Belieben braten und verzehren.“ Und er nahm zerlassene Butter, Molken, Gewürze und andere Stoffe und ging dorthin. Er verbarg einen Hammer in seinem gelben Gewande und setzte sich, die Ankunft des Bodhisattva erwartend, an die Tür seiner Laubhütte, als ob er ganz ruhig wäre.

Jener kam herbei und bemerkte, dass der Asket ein böses Aussehen habe. Da dachte er: „Er wird vom Fleische meiner Stammesgenossen gegessen haben; ich will ihn untersuchen.“ Er stellte sich in seine Windrichtung; da witterte er den Geruch seines Körpers und merkte, dass er vom Fleische seiner Stammesgenossen gegessen habe. Er ging daher nicht zu ihm hin, sondern kehrte wieder um. Als jener merkte, dass er nicht herbeikomme, warf er seinen Hammer nach ihm. Der Hammer aber traf nicht den Körper, sondern berührte nur die Spitze seines Schwanzes.

Jetzt rief der Asket: „Gehe, ich habe dich gefehlt.“ Der Bodhisattva erwiderte: „Mich hast du jetzt gefehlt, die vier Höllen aber wirst du nicht verfehlen.“ Er lief davon und schlüpfte in den Ameisenhaufen, der am Ende des Wandelganges stand. Hier streckte er aus einem Loche den Kopf heraus und sprach, den Asketen anredend, folgende zwei Strophen:

§1. „Da ich dich hielt für einen Frommen,
ging ich zu dir, dem Unbezähmten.
Doch du wirfst mich mit einer Keule,
und tust, als seist du kein Asket.
 
§2. Was sollen dir die Flechten, Tor,
was tust du mit dem Fellgewand?
Im Innern bist du sündbefleckt,
nach außen zeigst du heilig dich [2].“

                                                    Dhp 394, Jataka 138

Als dies der Asket hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

§3. „Komm her, Eidechse, kehre um,
iss diesen Brei aus Reiskörnern!
Ich habe Sesamöl und Salz
und auch viel Pfeffer ist mein eigen.“

Da dies der Bodhisattva hörte, sprach er folgende vierte Strophe:

§4. „In diesen Hügel geh ich lieber,
den hundert Ameisen bewohnen.
Was nützt dir Sesamöl und Salz?
Nicht passend ist für mich der Pfeffer.“

Nach diesen Worten aber fügte er hinzu: „Holla, du falscher Asket, wenn du hier wohnen bleibst, werde ich in dem Dorfe, wo du deine Nahrung erhältst, den Leuten sagen, du seiest ein Dieb, und dich festnehmen lassen. Ich werde veranlassen, dass du diesen Ort aufgibst. Laufe rasch davon!“ Mit diesen Worten versetzte er ihn in Furcht. Der falsche Asket aber machte sich davon.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der falsche Asket dieser betrügerische Mönch, der Rieseneidechsenkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Rieseneidechse


[1] Vgl. das ähnliche Jataka 138.


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