Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

328. Die Erzählung von dem nicht zu Betrauernden (Ananusociya-Jataka)

„Gar vielen jetzt gehört die Frau“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Gutsbesitzer, dessen Gattin gestorben war. Nach dem Tode seiner Frau nämlich badete er nicht mehr, er aß nicht, er besorgte nicht seine Geschäfte. Ganz überwältigt von Schmerz ging er nach dem Totenfeld und verweilte dort jammernd. In seinem Innern aber brannte wie eine Lampe in einem Zimmer seine Fähigkeit zur Bekehrung.

Als nun der Meister zur Zeit der Morgendämmerung die Welt betrachtete [1] und diesen sah, dachte er: „Außer mir ist niemand im Stande, ihm seinen Kummer zu stillen und ihm die Bekehrung zuteil werden zu lassen. Ich will ihm eine Hilfe werden.“ Als er nach dem Mahle von seinem Almosengange zurückkehrte, kam er mit dem ihn geleitenden Mönche an dessen Haustüre. Der Gutsbesitzer hörte sein Kommen, ging ihm entgegen und erwies ihm alle anderen Ehren. Als dann der Meister auf dem hergerichteten Sitze sich niedergelassen hatte und der Gutsbesitzer herankam, ihn begrüßte und sich neben ihn setzte, fragte jener: „Laienbruder, warum bist du so still?“ Der andere erwiderte: „Ja, Herr, meine Gattin ist gestorben; da ich über sie trauere, bin ich bekümmert.“ Darauf sprach der Meister: „Was dem Zerstören ausgesetzt ist, das wird zerstört. Nachdem es zugrunde gegangen ist, darf man darüber nicht bekümmert sein. Auch die Weisen der Vorzeit dachten, als ihre Gattin gestorben war: ‘Was dem Zerstören ausgesetzt ist, das ist zerstört worden’, und waren nicht mehr bekümmert.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§D. (Die Begebenheit aus der Vergangenheit wird im zehnten Buche im Cullabodhi-Jataka [Jataka 443] erzählt werden. Hier folgt nur ein kurzer Auszug.)

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war und zu Takkasila alle Künste erlernt hatte, kehrte er zu seinen Eltern zurück. In diesem Jataka war das große Wesen ein heilig lebender Vornehmer.

Seine Eltern sagten nun zu ihm: „Wir wollen für dich eine Gattin heraussuchen.“ Der Bodhisattva antwortete: „Mich verlangt nicht nach dem Leben im Hause; nach eurem Tode werde ich die Welt verlassen.“ Als er aber immer wieder von ihnen gebeten wurde, machte er sich ein goldenes Bild und sagte: „Wenn ich ein solches Mädchen erhalte, werde ich es nehmen.“ Darauf schickten seine Eltern Leute fort samt großem Gefolge und gaben ihnen folgenden Auftrag: „Verbringt dies goldene Bild auf einen verdeckten Wagen und geht. Durchforschet den ganzen Jambu-Erdteil; wo ihr ein solches Brahmanenmädchen seht, da gebt ihr dieses goldene Bild und bringet sie hierher!“ Damit entließen sie sie.

Zu dieser Zeit aber hatte ein tugendhaftes Mädchen die Brahma-Welt verlassen [3] und war im Reiche Kasi in einem Dorfe als ein Mädchen im Hause eines achthundert Millionen besitzenden Brahmanen wiedergeboren worden; man nannte sie Sammillabhasini. Diese war, als sie sechzehn Jahre zählte, sehr schön und reizend; sie glich einem Göttermädchen und war mit allen Abzeichen der Schönheit ausgestattet. Ihr Herz war noch nie vorher von sinnlicher Lust erfüllt worden; sie lebte in völliger Heiligkeit. Als nun die Leute mit dem goldenen Bilde umherzogen, kamen sie auch in dieses Dorf. Als die Leute das Bild sahen, sagten sie: „Aus welchem Grunde ist auf diesem Bilde Sammillabhasini, die Tochter des Brahmanen so und so?“ Als die anderen dies hörten, gingen sie zu dieser Brahmanenfamilie hin und wählten Sammillabhasini für ihren Herrn. Diese aber schickte ihren Eltern Botschaft, sie wolle nach dem Tode ihrer Eltern die Welt verlassen, sie verlange nicht nach dem häuslichen Leben. Doch die Eltern erwiderten: „Was tust du, Mädchen?“; sie nahmen das goldene Bild und schickten ihre Tochter mit großem Gefolge fort.

So feierten sie die Hochzeit des Bodhisattva mit Sammillabhasini, obwohl beide nicht wollten. Obschon sie in einem Schlafgemach und auf einem Lager schliefen, schauten sie einander nicht in Lust an; wie zwei Mönche oder zwei Heilige wohnten sie zusammen an einem Orte. —

In der Folgezeit starben die Eltern des Bodhisattva. Nachdem er ihnen die letzte Ehrung erwiesen, rief er Sammillabhasini herbei und sprach: „Liebe, meiner Familie gehören achthundert Millionen und deiner Familie gehören auch achthundert Millionen. Nimm all dies Geld und halte den Besitz in Ordnung; ich will die Welt verlassen.“ Jene erwiderte: „Du Sohn eines Edlen, wenn du die Welt verlassest, will auch ich die Welt verlassen; ich kann nicht ohne dich leben.“ „Komme also“, versetzte der Bodhisattva; er verschenkte das ganze Geld als Almosen, warf das ganze Vermögen von sich wie einen Speichelklumpen und zog nach dem Himalaya. Hier betätigten beide die Asketen-Weltflucht und ernährten sich von den Wurzeln und Früchten des Waldes.

Nachdem sie lange dort geweilt, stiegen sie einmal, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, vom Himalaya herab und kamen allmählich auf ihrer Wanderung nach Benares, wo sie im Parke des Königs Wohnung nahmen. Während sie dort wohnten und die zarte Asketin unschmackhaftes Speisengemisch genießen musste, befiel sie blutige Dysenterie [Ruhr]. Da sie kein passendes Heilmittel erhielt, wurde sie schwach. Zur Zeit des Almosengangs nahm sie der Bodhisattva auf die Arme, trug sie an das Stadttor und legte sie in einer Halle auf einer Bank nieder; er selbst ging dann in die Stadt, um Almosen zu sammeln.

Als er noch nicht ganz hinausgegangen war, starb sie. Viele Menschen umstanden sie, als sie ihre Schönheitsfülle wahrnahmen, und sie klagten und weinten. Als der Bodhisattva von seinem Almosengang zurückkehrte und bemerkte, dass sie tot sei, sagte er: „Was der Zerstörung ausgesetzt ist, wird zerstört. Alles Geschaffene ist unbeständig und diesem Wechsel unterworfen.“ Er setzte sich darauf auf die Bank, auf der die Tote lag, verzehrte das Speisengemisch und spülte sich dann den Mund aus.

Die vielen Menschen, die rings herum standen, fragten: „Herr, was ist dir diese Asketin?“ Er antwortete: „Zur Zeit, da ich noch Laie war, war sie meine Dienerin.“ Die Leute sagten weiter: „Herr, wir können uns nicht zurückhalten, wir weinen und klagen; warum weint Ihr nicht?“ Darauf erwiderte der Bodhisattva: „Solange diese lebte, war sie mir etwas; jetzt, da sie einer anderen Welt angehört, ist sie mir nichts mehr. Sie ist zu anderen Leuten gegangen; warum soll ich weinen?“ Und indem er der Volksmenge die Wahrheit verkündete, sprach er folgende Strophen:

§1. „Gar vielen jetzt gehört die Frau;
was soll ich denn mit ihnen tun?
Darum betrauere ich nicht
die liebe Sammillabhasini.
 
§2. Wenn man das alles würd' betrauern,
was für uns nicht mehr existiert,
so sollte man sich selbst betrauern,
da stets man in des Tods Gewalt.
 
§3. Denn nicht wer steht und nicht wer sitzt,
nicht der, der liegt, noch der, der reist,
ist nur für einen Augenaufschlag
gesichert vor des Todes Nahen [4].
 
§4. Da also selbst man noch am Leben
und ohne Zweifel ist das Scheiden,
soll man dem Lebenden sich weihen
und nicht Vergangenes betrauern.“

So zeigte das große Wesen mit diesen vier Strophen die Unbeständigkeit der Dinge und erklärte die Wahrheit. Eine große Volksmenge erwies der Asketin die letzten Ehren. Der Bodhisattva aber kehrte in den Himalaya zurück, erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und gelangte später in den Brahma-Himmel.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Gutsbesitzer zur Frucht der Bekehrung): „Damals war Sammillabhasini die Mutter des Rahula, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem nicht zu Betrauernden


[1] Vgl. „Leben des Buddha“, S. 215 f.

[3] Auch die Bewohner der Götterwelten sterben und können als Menschen wiedergeboren werden.

[4] Die Lesart „saratibbayo“ gibt keinen vernünftigen Sinn. Der Kommentator erklärt es mit „dusati vayo“ = „das Leben geht zugrunde“; auch eine Handschrift hat diesen Ausdruck. Überhaupt sind die beiden letzten Strophen dunkel; auch der Kommentator zeigt durch seine wortreichen Umschreibungen, dass ihm die Verse nicht klar sind.


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