Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

334. Die Erzählung von der Königsermahnung (Rajovada-Jataka)

„Wenn Rinder ziehen“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Königsermahnung.

§D. Die Begebenheit wird im Tesakuna-Jataka [Jataka 521] erzählt werden. —

Hier aber sprach der Meister: „O Großkönig, auch die Könige der Vorzeit führten, nachdem sie das Wort der Weisen vernommen, in Gerechtigkeit ihre Regierung und gelangten dann auf den Pfad, der zum Himmel führt.“ Darauf erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und alle Künste erlernt hatte, betätigte er die Weltflucht der Weisen, erlangte die Erkenntnisse und die Vollendungen und wohnte an einem lieblichen Orte im Himalaya, von den Wurzeln und Früchten der Bäume sich nährend.

Damals forschte der König nach seinen Untugenden und suchte, ob nicht irgendjemand einen Fehler von ihm sagte [2]. Als er unter den Leuten in und außer seinem Palaste, innerhalb und außerhalb der Stadt niemand fand, der von einer Untugend bei ihm sprach, wollte er sehen, wie es damit auf dem Lande stehe, und wanderte in unkenntlich machender Kleidung auf dem Lande umher. Als er auch dort niemand fand, der eine Untugend von ihm wusste, und nur immer von seinen Tugenden erzählen hörte, wollte er sehen, wie es im Himalaya damit stehe, und ging in den Wald hinein.

Auf seiner Wanderung kam er auch zu der Einsiedelei des Bodhisattva. Er begrüßte ihn, begann eine freundliche Unterhaltung mit ihm und setzte sich ihm zur Seite. Damals hatte der Bodhisattva gerade ganz reife Nigrodha-Früchte [3] aus dem Walde geholt und verzehrte sie; sie waren süß, voll Saft und glichen Zuckerkörnern an Wohlgeschmack. Er lud auch den König ein mit folgenden Worten: „Du großer Weiser, iss diese Nigrodha-Frucht und trinke Wasser!“ Der König tat also und fragte dann den Bodhisattva: „Warum, Herr, ist diese Nigrodha-Frucht so gar süß?“ Dieser antwortete: „Du großer Weiser, jetzt führt der König in Gerechtigkeit und Billigkeit die Regierung; darum ist die Frucht süß.“ „Wird denn die Frucht bitter, Herr, wenn der König ungerecht ist?“ „Ja, du großer Weiser; wenn die Könige ungerecht sind, werden auch Öl, Honig, Butter u. dgl. sowie die Wurzeln und Früchte des Waldes bitter und saftlos. Aber nicht allein diese, das ganze Königreich wird kraftlos und schwach. Wenn die Könige aber gerecht sind, sind auch jene süß und voll Saft und auch das ganze Königreich wird voll Kraft.“ Der König erwiderte: „So wird es sein, Herr“, und ohne seine königliche Würde zu erkennen zu geben, grüßte er den Bodhisattva und kehrte nach Benares zurück.

Jetzt dachte er: „Ich will das Wort des Asketen auf seine Wahrheit prüfen“, und regierte ungerecht. Nachdem er so einige Zeit verbracht hatte, indem er dachte: „Jetzt werde ich es sehen“, ging er wieder dorthin, grüßte den Bodhisattva und setzte sich ihm zur Seite. Der Bodhisattva sprach wieder so zu ihm und gab ihm eine Nigrodha-Frucht; sie hatte aber einen bitteren Geschmack. Er sagte: „Schlechter Geschmack“, schleuderte sie mit seinem Speichel aus dem Munde und sprach: „Sie ist bitter, Herr.“

Darauf erwiderte der Bodhisattva: „Du großer Weiser, jetzt wird der König ungerecht sein. Wenn nämlich die Könige ungerecht sind, ist von den Früchten im Walde angefangen alles ohne Wohlgeschmack und saftlos.“ Und er sprach folgende Strophen:

§1. „Wenn Rinder ziehen und der Stier
sie in verkehrter Richtung führt,
so gehen alle sie verkehrt,
weil auch ihr Führer geht verkehrt.
 
§2. So ist es bei den Menschen auch.
Wer hier am höchsten wird geehrt
und lebt in Ungerechtigkeit,
um wie viel mehr die andre Schar!
Dem ganzen Reiche geht es schlecht,
wenn ungerecht sein König ist.
 
§3. Wenn Rinder ziehen und der Stier
sie in der rechten Richtung führt,
so gehen alle sie gerade,
weil auch ihr Führer geht gerade.
 
§4. So ist es bei den Menschen auch.
Wer hier am höchsten wird geehrt
und lebet in Gerechtigkeit,
um wie viel mehr die andre Schar!
Dem ganzen Reiche geht es gut,
wenn nur sein König ist gerecht.“ —

Als der König vom Bodhisattva die Wahrheit gehört hatte, gab er sich als König zu erkennen und sprach: „Herr, nachdem ich früher die Nigrodha-Frucht süß gemacht hatte, habe auch ich allein sie bitter gemacht. Jetzt aber werde ich sie wieder süß machen.“ Er grüßte den Bodhisattva und zog wieder heim, wo er in Gerechtigkeit seine Herrschaft führte und alles wieder machte, wie zuvor.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Königsermahnung


[2] Vgl. damit die Schilderung im 1. Jataka.

[3] Dies sind die Bananen, die Früchte von Ficus indica.


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