Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

338. Die Erzählung von der Hülse (Thusa-Jataka)

„Die Hülse sahen wohl die Ratten“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf den Prinzen Ajatasattu. Als dieser nämlich in den Schoß seiner Mutter eingegangen war, entstand in seiner Mutter, der Tochter des Königs von Kosala, ein Gelüste, das Blut vom rechten Knie des Königs Bimbisara zu trinken; und dieses Gelüste wurde stark. Als sie ihre Dienerinnen fragten, teilte sie ihnen die Sache mit. Der König hörte auch davon. Er ließ Wahrsager zu sich rufen und fragte sie: „Die Königin hat ein solches Gelüste bekommen; was ist dessen Bedeutung?“ Die Wahrsager antworteten: „Das Wesen, das aus dem Schoße der Königin geboren wird, wird Euch töten und das Reich an sich reißen.“ Der König erwiderte: „Wenn mein Sohn mich tötet und mein Reich an sich reißt, was liegt darin für eine Schuld?“ Er verwundete sein rechtes Knie mit dem Schwerte, ließ das Blut auf einer goldenen Platte auffangen und gab es der Königin zu trinken.

Diese aber dachte bei sich: „Wenn der Sohn, der aus meinem Schoße geboren wird, seinen Vater töten wird, was soll ich da mit ihm?“ Und sie ließ, damit ihr die Leibesfrucht abgehen sollte, ihren Leib kneten und erhitzen. Der König erfuhr davon, ließ sie rufen und sprach zu ihr: „Liebe, mein Sohn wird mich wohl töten und mein Reich an sich reißen; ich bleibe aber doch nicht vom Alter und vom Tode verschont. Lasse mich das Angesicht meines Sohnes sehen; tue von jetzt an nicht mehr Derartiges!“ — Von da an ging sie in den Park und ließ dort ihren Leib kneten. Der König erfuhr auch dies und verbot ihr, in den Park zu gehen. — Als nun die Leibesfrucht reif war, gebar die Königin einen Sohn. Am Tage der Namengebung gab man ihm den Namen Ajatasattu, weil er noch ungeboren ein Feind seines Vaters war [1].

Als dieser mit der Umgebung, wie sie einem Prinzen geziemt, heranwuchs, kam eines Tages der Meister, umgeben von fünfhundert Mönchen, nach dem Palaste des Königs und setzte sich nieder. Nachdem der König die Mönchsgemeinde mit Buddha, ihrem Haupte, mit ausgezeichneter fester und flüssiger Speise bewirtet hatte, bezeigte er dem Meister seine Ehrfurcht und setzte sich nieder, um die Lehre zu hören. In diesem Augenblicke brachte man dem König seinen geschmückten Prinzen. In seiner starken Liebe nahm der König seinen Sohn, setzte ihn auf seinen Schoß und beschäftigte sich mit väterlicher Zärtlichkeit mit seinem Sohne, ohne auf die Predigt zu hören. Als aber der Meister seine Unaufmerksamkeit wahrnahm, sprach er: „O Großkönig, früher ließen Könige, die gegen ihre Söhne Verdacht hegten, dieselben verbergen und gaben den Befehl, man solle sie erst nach ihrem Tode hervorholen und auf den Thron setzen.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva ein weitberühmter Lehrer zu Takkasila. Viele Königssöhne und Brahmanensöhne lehrte er die Wissenschaft. Auch der Sohn des Königs von Benares kam im Alter von sechzehn Jahren zu ihm. Als er die drei Veden und alle Künste erlernt hatte und voll der Wissenschaft war, verabschiedete er sich von seinem Lehrer. Der Lehrer schaute ihn an mit seinem Blick, der die Vorzeichen kannte, und dachte bei sich: „Für diesen wird durch seinen Sohn eine Gefahr entstehen; ich will ihn durch meine übernatürliche Kraft unschädlich machen.“ Er setzte vier Strophen zusammen, teilte sie dem Prinzen mit und sprach zu ihm folgendermaßen: „Mein Sohn, die erste Strophe sprich, nachdem du den Thron bestiegen, wenn dein Sohn sechzehn Jahre alt ist und du gerade dein Mahl verzehrst. Die zweite Strophe sprich zur Zeit der großen Aufwartung; die dritte, wenn du in deinen Palast hinaufsteigst und oben auf der Haupttreppe stehst; die vierte, wenn du in deinem Wohnhaus in dein Schlafgemach hineingehst und auf der Schwelle stehst.“ Jener gab mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung; er grüßte seinen Lehrer und zog fort.

Nachdem er das Amt eines Vizekönigs bekleidet hatte, bestieg er nach dem Tode seines Vaters den Thron. Als nun sein Sohn im Alter von sechzehn Jahren den Glanz und die Pracht sah, mit welcher der König nach dem Parke zog, um sich dort zu ergehen oder dgl., bekam er Lust, seinen Vater zu töten und sein Reich an sich zu reißen. Er erzählte dies seinen Begleitern. Diese sagten: „Gut, Fürst. Was nützt die Königsherrschaft, wenn man sie erst im hohen Alter erlangt? Man muss durch irgendeine List den König töten und das Reich in Besitz nehmen.“

Nun dachte der Prinz: „Ich will ihn Gift verzehren lassen und dadurch töten.“ Als er mit seinem Vater die Abendmahlzeit einnehmen wollte, nahm er Gift mit sich und setzte sich nieder. Als aber der Reisbrei auf der Reisplatte aufgetragen wurde, sprach der König folgende erste Strophe:

§1. „Die Hülsen sehen wohl die Ratten,
sie kennen aber auch die Körner;
sie öffnen immer erst die Hülsen
und dann verzehren sie den Reis.“

Der Prinz dachte: „Ich bin erkannt“; voll Furcht getraute er sich nicht, auf die Reisplatte das Gift zu streuen, sondern er stand auf, grüßte den König und ging fort.

Nachdem er diese Begebenheit seinen Begleitern erzählt hatte, fragte er: „Heute bin ich erkannt worden; wie werde ich ihn jetzt töten?“ Von da an versteckten sie sich im Parke und flüsterten sich ins Ohr: „Es gibt ein Mittel. Man muss ein Schwert umbinden und zur Zeit, wo man zur großen Aufwartung geht, sich unter die Minister stellen. Wenn man dann merkt, dass der König nicht Acht gibt, muss man ihn mit dem Schwerte treffen und töten.“ So setzten sie es fest. Der Prinz gab mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung. Als die große Aufwartung stattfand, ging er, mit einem Schwerte ausgerüstet, dorthin und lauerte immer auf eine Gelegenheit zum Hiebe. In diesem Augenblick sprach der König folgende zweite Strophe:

§2. „Was man im Walde hat ersonnen
und leise sich ins Ohr geflüstert
und was man jetzt bereits will tun,
auch dieses ist mir wohl bekannt.“

Der Prinz dachte: „Mein Vater kennt meine feindselige Gesinnung“; er lief davon und erzählte es seinen Begleitern. Nachdem sieben oder acht Tage vergangen waren, sagten sie zu ihm: „Prinz, dein Vater kennt nicht deine feindselige Gesinnung. Nur aus deinen eigenen Gedanken hast du es dir eingebildet. Töte ihn!“

Eines Tages nahm er sein Schwert und stellte sich im Gemache an das Ende der Treppe. Als der König auf dem Ende der Treppe war, sprach er folgende dritte Strophe:

§3. „Bei seinem rechtmäßigen Sohne
biss ehemals ein Affenvater,
als dieser noch ganz jugendlich,
mit seinen Zähnen ab die Hoden.“

Der Prinz dachte: „Mein Vater will mich festnehmen lassen.“ Aus Furcht lief er davon und erzählte seinen Begleitern, wie ihn sein Vater in Schrecken gesetzt habe. Als ein halber Monat vergangen war, sagten sie zu ihm: „Prinz, wenn dich der König durchschaut hätte, würde er nicht so lange warten. Nur aus deinen eigenen Gedanken heraus hast du dies gemeint. Töte ihn!“

Eines Tages nahm der Prinz sein Schwert, betrat im oberen Teile des Palastes das Schlafgemach des Königs und legte sich unter das Sofa, indem er dachte: „Sobald er kommt, werde ich ihn treffen.“ — Nach der Abendmahlzeit entließ der König sein Gefolge und ging in das Schlafgemach hinein, um sich niederzulegen. Als er auf der Schwelle stand, sprach er folgende vierte Strophe:

§4. „Dass du umherschleichst, wie im Senffeld
schleicht eine einäugige Ziege,
und dass du jetzt hier unten liegst,
auch dieses ist mir wohl bekannt.“

Da dachte der Prinz: „Ich bin von meinem Vater erkannt; jetzt wird er mich vernichten.“ Voll Furcht kroch er unter dem Lager hervor, warf sein Schwert seinem Vater zu Füßen und legte sich mit den Worten: „Verzeihe mir, o Fürst!“, zu den Füßen des Königs auf den Leib. Der König jagte ihm mit den Worten: „Du dachtest wohl, dass niemand deine Tat kenne“, Angst ein; er ließ ihn mit festen Banden fesseln, in das Gefängnis verbringen und dort streng bewachen. Jetzt erkannte der König den Vorzug des Bodhisattva an.

In der späteren Zeit starb er. Nachdem man ihm die letzte Ehrung erwiesen, holte man den Prinzen aus dem Gefängnis hervor und setzte ihn auf den Thron.

 

§A2. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, erklärte er die Sache noch mit den Worten: „So, o Großkönig, schützten sich die Könige der Vorzeit vor dem, wovor sie Furcht haben mussten.“ Aber obwohl er es so erklärte, verstand es der König nicht.

 

§C. Darauf verband der Meister das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war ich der weitberühmte Lehrer zu Takkasila.“

Ende der Erzählung von der Hülse


[1] Der Name bedeutet: „der ungeborene Feind“.


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