Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

349. Die Erzählung von dem Freundschaftsbrecher (Sandhibheda-Jataka)

„Sie hatten nicht das Weib gemein“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Vorschrift wegen der Verleumdung. Zu einer Zeit nämlich hörte der Meister: „Die sechs bekannten Mönche streuen Verleumdung aus.“ Er ließ sie rufen und fragte sie: „Ist es wahr, ihr Mönche, dass ihr den Mönchen, die in Meinungsverschiedenheit, in Streit und Zank geraten sind, Verleumdungen zutragt? Dadurch entstehen nur Streitigkeiten, die vorher noch nicht bestanden; und wenn sie schon bestehen, so werden sie dadurch nur größer.“ Als sie antworteten: „Es ist wahr“, sprach er: „Ein verleumderisches Wort gleicht dem Stoße eines spitzen Schwertes; auch feste Freundschaft wird rasch dadurch zerstört. Wer ein solches Wort aber annimmt und seine Freundschaft zerstört, der gleicht dem Löwen und dem Stier.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva dessen Sohn. Nachdem er zu Takkasila die Künste erlernt hatte, führte er nach dem Tode seines Vaters in Gerechtigkeit die Regierung. — Damals kehrte ein Rinderhirte, der im Walde in Hürden die Rinder gehütet hatte, in das Dorf zurück; dabei dachte er nicht an eine trächtige Kuh und ließ sie zurück. Diese trat in ein freundschaftliches Verhältnis zu einer Löwin; die beiden wurden eng befreundet und lebten zusammen. In der Folge gebar die Kuh ein Stierkalb und die Löwin einen jungen Löwen. Auch diese beiden wurden infolge der Freundschaft, die zwischen ihren Familien bestand, gute Freunde und blieben zusammen.

Ein Jäger aber bemerkte ihre Freundschaft. Als er einmal mit Dingen, die er im Walde gefunden, nach Benares kam und sie dem Könige gab, fragte ihn der König: „Lieber, hast du vielleicht im Walde bisher etwas Wunderbares gesehen?“ Er antwortete: „O Fürst, etwas anderes sah ich nicht; doch bemerkte ich, wie ein Löwe und ein Stier in gegenseitiger Freundschaft zusammenlebten.“ Der König versetzte: „Wenn ein Dritter dazukommt, wird für sie eine Gefahr entstehen: wenn du einen Dritten bei ihnen siehst, so teile es mir mit.“ „Gut, o Fürst“, versetzte der Jäger.

Während aber der Jäger nach Benares gegangen war, diente ein Schakal dem Löwen und dem Stiere. Als der Jäger bei seiner Rückkehr in den Wald dies sah, dachte er: „Ich will dem Könige melden, dass ein Dritter dazugekommen ist“, und zog wiederum in die Stadt.

Nun dachte der Schakal: „Ich habe außer Löwenfleisch und Stierfleisch alle anderen Arten schon gekostet; ich will die beiden entzweien und ihr Fleisch verzehren.“ Indem er sagte: „Dieser sagt so von dir“, entzweite er die beiden, erregte bald einen Streit zwischen beiden und veranlasste sie, dass sie einander töten wollten. — Als aber der Jäger zum Könige gekommen war, sagte er: „O Fürst, ein Dritter ist zu ihnen hinzugekommen.“ „Wer ist es?“ „Ein Schakal, o Fürst.“ Darauf sprach der König: „Er wird die beiden entzweien und sie einander töten lassen; wir werden hinkommen, wenn sie schon tot sind.“ Er bestieg seinen Wagen und fuhr auf dem Wege, den ihm der Jäger zeigte. Da traf er sie, wie sie miteinander Streit begonnen hatten und beide ums Leben gekommen waren. Der Schakal aber fraß hocherfreut einmal von dem Fleisch des Löwen und einmal von dem des Stieres.

Als der König sah, wie die beiden ums Leben gekommen waren, sprach er, auf dem Wagen stehend, indem er seinen Wagenlenker anredete, folgende Strophen:

§1. „Sie hatten nicht das Weib gemein
und nicht die Nahrung, Wagenlenker [1];
doch sieh, wie gut der Freundschaftsbrecher
sich seinen Plan zurechtgelegt.
 
§2. Gleich wie ein scharfes Schwert im Fleische
so wirkt verderblich die Verleumdung;
durch sie den Löwen und den Stier
verzehrt das niedrigste der Tiere.
 
§3. Demselben Schicksal ist verfallen,
wie du es hier siehst, Wagenlenker,
wer einem Wort des Freundschaftsbrechers
und des Verleumders Glauben schenkt.
 
§4. Den Leuten aber geht es gut,
gleich denen, die im Himmel wohnen,
die eines Freundschaftsbrechers Worten
nicht Glauben schenken, Wagenlenker.“

Nachdem der König diese Strophen gesprochen hatte, ließ er die Mähne, das Fell, die Krallen und die Zähne des Löwen mitnehmen und kehrte in seine Stadt zurück.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war ich der König.“

Ende der Erzählung von dem Freundschaftsbrecher


[1] Auch die alten Inder wussten also schon, dass bei den Menschen über die Frau und bei den Tieren über das Fressen am leichtesten Streit entsteht.


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