Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

351. Die Erzählung von dem Juwelenohrring (Manikundala-Jataka) [1]

„Du hast verloren Wagen, Pferd, Juwelen“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Minister, der sich im Harem des Königs von Kosala verfehlt hatte.

§D. Die Begebenheit ist schon oben erzählt [2].

 

§B. Auch hier war der Bodhisattva der König von Benares. Nachdem der verräterische Minister den König von Kosala herbeigeführt und ihn das Königreich Kasi hatte erobern lassen, warf er jenen in das Gefängnis. Der König aber gelangte zur Ekstase und setzte sich in der Luft mit gekreuzten Beinen nieder. Im Körper des räuberischen Königs aber entstand ein Fieber. Er ging zum Könige von Benares hin und sprach folgende erste Strophe:

 

§1. „Du hast verloren Wagen, Pferd, Juwelen,
auch deine Kinder und die Gattin dein.
Nachdem du alle Güter hast verloren,
warum bist du von Kummer nicht erfüllt?“

 

Als dies der Bodhisattva hörte, sprach er folgende zwei Strophen:

 

§2. „Zuerst verlässt schon der Besitz den Menschen
und auch der Mensch gibt ihn zuerst schon auf.
Vergänglich sind die Güter, Lustberückter;
darum bin ich von Kummer nicht erfüllt.
 
§3. Der Mond geht auf, er wächst und er verschwindet;
wenn alles sie erwärmt, neigt sich die Sonne.
Erkannt hab ich, o Feind, der Welt Geschenke;
darum bin ich von Kummer nicht erfüllt.“

 

Nachdem so das große Wesen dem räuberischen Könige die Wahrheit gesagt hatte, sprach er darauf, um dessen jetzigen Lebenswandel zu beurteilen, noch folgende Strophen:

 

§4. „Nicht gut ist 's, wenn ein Laie träg den Lüsten lebt,
nicht gut ist 's, wenn ein Weltflüchtling sich nicht bezähmt;
nicht gut ist 's, wenn ein König nicht erst untersucht,
nicht gut ist 's auch, wenn zürnt ein weiser Mann.
 
§5. Entscheiden soll der König nach Verhör,
nicht ohne Untersuchung, Völkerfürst;
von dem, der nur nach Untersuchung handelt,
wird Ruhm und Ehre, König, immer größer [3].“

 

Der König bat darauf den Bodhisattva um Verzeihung, gab ihm seine Herrschaft zurück und begab sich wieder in sein Land.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten: „Damals war der König von Kosala Ananda, der König von Benares aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Juwelenohrring 


[1] Der Name ist von einem Wort der ersten Strophe hergenommen, das ich hier des Versmaßes wegen einfach mit Juwelen übersetze.

[2] Nämlich im Jataka 252 und im Jataka 303.

[3] Diese beiden Strophen finden sich auch im Jataka 332.


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