Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

354. Die Erzählung von der Schlange (Uraga-Jataka)

„Wie ihre alte Haut die Schlange“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Gutsbesitzer.

§D. Die Begebenheit gleicht der andern, wo die Frau gestorben war [Jataka 328], oder der, wo der Vater gestorben war [Jataka 352]. —

Auch hier ging der Meister in dessen Haus und fragte, als jener herbeikam, ihn begrüßt hatte und neben ihm saß: „Bist du betrübt, Lieber?“ Jener antwortete: „Ja, Herr, seitdem mein Sohn gestorben ist, bin ich bekümmert.“ Darauf sprach der Meister: „Lieber, was der Zerstörung unterworfen wird, das wird zerstört; was dem Untergange unterworfen ist, das geht unter. Und dies ist nicht etwa nur bei einem Menschen und in einem Dorfe der Fall: in den unzähligen Weltsystemen und Existenzen gibt es nichts, das nicht dem Sterben unterworfen ist. Alle Wesen sind dem Tode unterworfen, alles Geschaffene ist dem Aufhören unterworfen. In der Vorzeit dachten Weise, als ihr Sohn starb: ‘Was dem Zerstören unterworfen war, ist zerstört worden’, und waren darüber nicht bekümmert.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Dorfe am Tore der Stadt in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Er unterhielt seine Familie und erwarb sich durch Ackerbau seinen Lebensunterhalt. Er hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Nachdem der Sohn herangewachsen war, führte er ihm aus einer gleichartigen Familie ein Mädchen als Frau zu. Auf diese Weise waren es mit der Magd zusammen sechs Personen: der Bodhisattva, seine Gattin, sein Sohn, seine Tochter, seine Schwiegertochter und seine Magd. Diese wohnten einträchtig und verträglich in Liebe zusammen.

Der Bodhisattva aber gab den fünf anderen immer folgende Ermahnung: „Gebet Almosen nach dem Maße dessen, was ihr selbst erhaltet; haltet die Gebote, beobachtet die Uposatha-Bestimmungen. Betätiget die Erinnerung an den Tod und denkt daran, dass ihr sterben werdet; für diese Wesen nämlich ist der Tod gewiss, das Leben aber ungewiss. Alles Geschaffene ist unbeständig und dem Verfall unterworfen; strebet ohne Unterlass bei Tag und Nacht!“ Die anderen nahmen freudig die Ermahnung an; sie strebten ohne Unterlass und betätigten die Erinnerung an den Tod.

Eines Tages ging der Bodhisattva mit seinem Sohne auf das Feld und pflügte. Der Sohn kehrte den Schmutz zusammen und verbrannte ihn. Unweit davon aber lebte in einem Ameisenhügel eine Giftschlange. Der Rauch traf ihre Augen. Zornig kam sie aus ihrer Höhle hervor, und indem sie dachte: „Er ist schuld“, grub sie ihre vier Giftzähne in sein Fleisch und biss ihn. Tot sank er zu Boden.

Als nun der Bodhisattva sah, wie sein Sohn tot zu Boden lag, ließ er seine Rinder stehen und ging zu ihm hin. Da er merkte, dass jener schon gestorben war, hob er ihn auf, legte ihn an den Fuß eines Baumes und zog ihm sein Obergewand an. Dabei weinte er aber nicht, noch klagte er; er dachte vielmehr: „Was dem Verfall ausgesetzt ist, das geht zugrunde; was dem Tode unterworfen ist, das stirbt. Alles Geschaffene ist unbeständig und wird am Ende zerstört.“ Nachdem er so über die Unbeständigkeit alles Lebenden nachgedacht hatte, pflügte er weiter.

Als er einen Nachbar sah, der in der Nähe seines Feldes ging, fragte er ihn: „Freund, gehst du nach Hause?“ Auf dessen bejahende Antwort sprach er: „Gehe darum auch in unser Haus und sage meiner Frau: ‘So wie ihr früher für zwei das Essen herausgebracht habt, so bringt heute nur für einen das Essen heraus; heute aber sollt ihr vier kommen, bekleidet mit reinen Gewändern und mit wohlriechenden Substanzen und Blumen in den Händen.’“

Jener sagte: „Gut“, ging zu der Brahmanin hin und teilte ihr dies mit. Diese fragte: „Wer hat dir diese Botschaft aufgetragen, Lieber?“ „Der Brahmane, Edle.“ Jetzt merkte sie, dass ihr Sohn gestorben sein müsse; aber sie zitterte nicht einmal. Mit wohlgeordneten Gedanken zog sie sich reine Gewänder an, nahm wohlriechende Substanzen und Blumen in die Hand, ließ das Essen mitnehmen und ging so mit den anderen auf das Feld. Auch nicht eine weinte oder klagte.

Der Bodhisattva setzte sich darauf an die Seite seines am Boden liegenden Sohnes und verzehrte sein Mahl. Nach Beendigung der Mahlzeit trugen sie alle Holz zusammen, hoben den Leichnam auf den Scheiterhaufen, ehrten ihn mit wohlriechenden Substanzen und verbrannten ihn. Auch nicht eines von ihnen hatte nur einen Tränentropfen im Auge; so betätigten alle die Erinnerung an den Tod. —

Durch den Glanz ihrer Tugend aber wurde Sakkas Sitz heiß. Als er nachsann: „Wer will mich von meiner Stelle verdrängen?“, bemerkte er, dass sein Sitz infolge der Tugend dieser Leute heiß geworden war, und befriedigten Herzens dachte er: „Ich muss zu ihnen hingehen, sie den Löwenruf ausstoßen lassen [1], am Ende des Löwenrufs ihr Haus mit den sieben Arten der Kostbarkeiten erfüllen und dann wieder heimkehren.“ Schnell ging er dorthin, trat an die Seite des Begräbnisplatzes und fragte sie: „Was tut ihr?“ „Wir verbrennen einen Menschen, Herr“, war die Antwort. Sakka fuhr fort: „Ihr verbrennt hier keinen Menschen, sondern ihr habt ein Stück Wild getötet und bratet es, glaube ich.“ „Das ist nicht so, Herr; wir verbrennen einen Menschen.“ „Es wird also ein Feind von euch gewesen sein“, fragte Sakka weiter. Der Bodhisattva erwiderte ihm: „Es war unser rechtmäßiger Sohn, Herr, nicht ein Feind.“ „Er wird euch also ein unlieber Sohn gewesen sein.“ „Er war uns ein überaus lieber Sohn, o Herr.“ „Aber warum weinst du nicht?“, fragte Sakka.

Da sprach der Bodhisattva, um ihm den Grund auseinanderzusetzen, warum er nicht weine, folgende erste Strophe:

§1. „Wie ihre alte Haut die Schlange
nur abstreift und dann weitergeht,
so ist es, wenn der Körper nicht mehr
genießt, wenn man gestorben ist.
 
§2. Da er verbrannt ist, weiß er nicht,
dass die Verwandten um ihn klagen.
Deshalb betraure ich ihn nicht;
er ist zu seinem Ziel gekommen.“

Als Sakka die Worte des Bodhisattva vernommen hatte, fragte er die Brahmanin: „Mutter, was war dir dieser?“ Sie antwortete: „Herr, er war mein Sohn, den ich zehn Monate lang in meinem Schoße trug, den ich mit meiner Milch säugte, den ich die Hände und die Füße gebrauchen lehrte und der dann herangewachsen war.“ Sakka fragte weiter: „Mutter, der Vater kann nicht weinen, weil er ein Mann ist. Das Mutterherz aber ist weich; warum weinst du nicht?“ Darauf sprach sie, indem sie die Ursache auseinandersetzte, warum sie nicht weine, folgendes Strophenpaar:

§3. „Unaufgefordert kam er her
und ohne Abschied ging er wieder.
So wie er kam, so ging er auch;
warum sollt' ich darüber jammern?
 
§4. Da er verbrannt ist, weiß er nicht,
dass die Verwandten um ihn klagen.
Deshalb betraure ich ihn nicht;
er ist zu seinem Ziel gekommen.“

Nachdem Sakka die Worte der Brahmanin gehört hatte, fragte er die Schwester: „Liebe, was war dir dieser?“ Sie antwortete: „Er war mein Bruder, Herr.“ Sakka fuhr fort: „Liebe, die Schwestern sind doch voll Liebe gegen ihre Brüder; warum weinst du nicht?“ Darauf setzte auch sie ihm den Grund auseinander, warum sie nicht weine, und sprach folgendes Strophenpaar:

§5. „Abmagern würd' ich, wenn ich weinte;
was könnt' mir dies für Vorteil bringen?
Verwandten, Freunden und Bekannten
würd' ich dann weniger gefallen.
 
§6. Da er verbrannt ist, weiß er nicht,
dass die Verwandten um ihn klagen.
Deshalb betraure ich ihn nicht;
er ist zu seinem Ziel gekommen.“

Als Sakka die Worte der Schwester vernommen, fragte er die Gattin des Gestorbenen: „Liebe, was war dir dieser?“ „Er war mein Gatte, Herr.“ „Aber die Frauen werden doch nach dem Tod ihrer Männer hilflose Witwen; warum weinst du nicht?“ Darauf sprach jene, um den Grund auseinanderzusetzen, warum sie nicht weine, folgendes Strophenpaar:

§7. „Wie wenn ein kleines Kind muss weinen,
wenn es den Mond am Himmel sieht [2],
so kindisch würd' sich der verhalten,
der Trauer zeigt um einen Toten.
 
§8. Da er verbrannt ist, weiß er nicht,
dass die Verwandten um ihn klagen.
Deshalb betraure ich ihn nicht;
er ist zu seinem Ziel gekommen.“

Als Sakka die Worte der Gattin gehört hatte, fragte er die Magd: „Liebe, was war dir dieser?“ „Er war mein Gebieter.“ „Du wirst wohl von ihm gequält, geplagt und gepeinigt worden sein; darum weinst du nicht, weil du denkst, er ist zum Glück gestorben.“ Sie erwiderte: „Herr, rede nicht so. Dies passt nicht auf diesen. Voll Geduld, Liebe und Mitleid war gegen mich der Sohn der Edlen; er war mir wie ein Sohn, den ich an meiner Brust groß gezogen.“ „Warum weinst du aber nicht?“ Darauf sprach auch sie, um den Grund, warum sie nicht weine, auseinanderzusetzen, folgendes Strophenpaar:

§9. „So wie ein Wassertopf, wenn er
zerbrochen, nicht mehr ist zu heilen,
so nutzlos handelt wohl der Mann,
der Trauer zeigt um einen Toten.
 
§10. Da er verbrannt ist, weiß er nicht,
dass die Verwandten um ihn klagen.
Deshalb betraure ich ihn nicht;
er ist zu seinem Ziel gekommen.“ —

Nachdem so Sakka von allen die Auseinandersetzung der Wahrheit gehört hatte, sprach er befriedigten Herzens: „Ihr habt unablässig die Erinnerung an den Tod betätigt. Tut deshalb von jetzt an nicht mehr mit eigenen Händen eure Arbeit! Ich bin der Götterkönig Sakka; ich werde in eurem Hause eine unermessliche Menge der sieben Arten der Kostbarkeiten erschaffen. Gebt Almosen, haltet die Gebote, beobachtet die Uposatha-Tage, strebet ohne Unterlass!“ Nachdem er sie so ermahnt, erschuf er in ihrem Hause eine unendliche Menge der sieben Kostbarkeiten und verschwand.

 

§C. Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Gutsbesitzer zur Frucht der Bekehrung): „Damals war die Magd Khujjuttara, die Tochter war Uppalavanna, der Sohn war Rahula, die Mutter war Khema, der Brahmane aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Schlange


[1] Nach dem Folgenden bedeutet dieser Ausdruck hier nur: Ich will ihnen Gelegenheit geben, sich über ihre Tugend zu äußern.

[2] Der Kommentator sagt dazu: Wenn ein Kind den Mond sieht, möchte es ihn haben und weint, wenn es ihn nicht erhält.


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