Jātakam, Wiedergeburtsgeschichten

376. Die Erzählung von Avariya (Avariya-Jataka)

„Sei nicht erzürnt, o Landesherr“

 

§A. Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Schiffer. Dieser war nämlich töricht und unverständig; er kannte nicht den Vorzug des Buddha und der anderen Kleinodien, noch den anderer Männer; er war barsch, roh und gewalttätig.

Nun kam einmal ein Mönch vom Lande, um die Buddha-Aufwartung zu verrichten. Als er am Abend an den Aciravati-Fluss gelangte, sprach er zu jenem: „O Laienbruder, ich möchte an das andre Ufer kommen; gib mir ein Schiff!“ Der andre erwiderte: „Herr, jetzt ist keine günstige Zeit, bleibe hier!“ Doch der Mönch versetzte: „O Laienbruder, wo soll ich hier wohnen? Gehe und nimm mich mit!“ Zornig sprach nun der Schiffer: „Holla, ho gehe her, du Asket“, und ließ ihn das Schiff besteigen. Aber er fuhr nicht geradeaus, sondern lenkte sein Schiff weiter flussabwärts; auch erzeugte er Wellen und machte damit das Gewand des Mönches nass. Als es finster geworden war, ließ er ihn aussteigen.

Der Mönch begab sich in das Kloster. Da er an diesem Tage keine Gelegenheit erhalten hatte, dem Buddha seine Aufwartung zu machen, ging er am nächsten Tage zu dem Meister hin, begrüßte ihn und setzte sich ihm zur Seile. Der Meister begann eine liebevolle Unterhaltung mit ihm und fragte ihn: „Wann bist du gekommen?“ Der Mönch antwortete: „Gestern.“ Auf die weitere Frage, warum er erst heute zur Buddha-Aufwartung erschienen sei, erzählte er die Geschichte. Als dies der Meister hörte, sprach er: „Nicht nur jetzt, o Mönch, sondern auch früher schon war dieser Mann roh. Jetzt aber hat er nur dich belästigt; früher jedoch hat er auch Weise damit belästigt.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

 

§B. Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasila alle Künste erlernt hatte, betätigte er die Weltflucht der Weisen. Lange Zeit ernährte er sich im Himalaya mit den Früchten des Waldes; hierauf begab er sich, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, nach Benares, verbrachte die Nacht im königlichen Parke und ging am nächsten Morgen in die Stadt hinein, um Almosen zu sammeln.

Da sah ihn der König, als er in den Hof des Königspalastes gekommen war. Befriedigt über seinen edlen Wandel führte er ihn in seine inneren Gemächer und setzte ihm ein Mahl vor. Nachdem er seine Einwilligung erhalten, gab er ihm im königlichen Parke eine Wohnung und kam täglich dorthin, um ihm aufzuwarten.

Zu ihm sagte der Bodhisattva: „O Großkönig, ein König muss die vier Arten schlechten Wandels von sich fernhalten; er muss unablässig mit Geduld, Liebe und Mitleid erfüllt sein und in Gerechtigkeit seine Regierung führen.“ Indem er ihn täglich so ermahnte, sprach er dabei folgende zwei Strophen:

§1. „Sei nicht erzürnt, o Landesherr,
sei nicht erzürnt, du großer Fürst.
Wenn nicht mit Zorn vergilt der König,
ist er geehrt im ganzen Lande.
 
§2. Ob in dem Dorfe, ob im Walde,
ob auf dem Meere, ob am Lande,
allüberall geb ich den Rat:
Sei nicht erzürnt, o Landesherr.“

So sagte der Bodhisattva diese Strophen an allen Tagen, da er kam. Befriedigten Herzens schenkte der König dem großen Wesen ein Dorf, das hunderttausend eintrug. Der Bodhisattva aber wies dies zurück. —

Nachdem er daselbst zwölf Jahre verbracht hatte, dachte er: „Allzu lange wohne ich hier; ich will jetzt auf dem Lande umherwandeln und dann zurückkehren.“ Ohne dem König etwas davon zu sagen, sprach er nur zu dem Parkwächter: „Lieber, ich bin von unbefriedigter Natur. Ich will auf dem Lande umherwandeln und dann wiederkommen; teile du dies dem Könige mit.“ Nach diesen Worten ging er fort.

Am Ganges kam er an einen Platz, wo Schiffe lagen. Dort war ein Schiffer namens „Vater Avariya“ [Avariyapita]; der war töricht. Er kannte nicht den Vorzug der Tugendhaften, noch wusste er, was für ihn selbst zuträglich war. Wenn Leute über den Ganges fahren wollten, so setzte er sie zuerst über und verlangte dann seinen Lohn. Wenn sie ihm diesen nicht gaben, fing er mit ihnen Streit an und bekam viele Scheltworte und Schläge, aber nur wenig Lohn. Solch ein blinder Tor war er.

Mit Beziehung auf ihn sprach der Meister, als er der völlig Erleuchtete geworden war, folgende dritte Strophe:

§3. Ein Mann, Avariya mit Namen,
war Schiffer an dem Gangesstrom.
Zuerst setzt' er die Leute über
und dann verlangt' er seinen Lohn.
Doch hatte er nur Streit davon
und nicht vermehrte sich sein Geld.

Als der Bodhisattva zu dem Schiffer kam, sagte er: „Lieber, bringe mich an das andere Ufer.“ Der Schiffer fragte: „Du Bettelmönch, was willst du mir als Lohn geben?“ Der Bodhisattva erwiderte: „Lieber, ich werde dir sagen, was dein Vermögen vermehrt und was dir in geistlichen und weltlichen Dingen nützt.“ Nun dachte der Schiffer: „Sicherlich wird mir dieser etwas geben.“ Er brachte ihn an das andre Ufer und sagte dann: „Gib mir den Lohn für die Fahrt.“ „Gut, Lieber“, erwiderte der Bodhisattva, und indem er ihm mitteilte, was sein Vermögen vermehren würde, sprach er folgende Strophe:

§4. „Frag vor der Überfahrt nach Lohn,
wenn er noch nicht ist drüben, Schiffer;
denn anders denkt der, der schon drüben,
als der, der erst hinüber will.“

Der Schiffer dachte: „Dies soll mir von nun an eine Mahnung sein; jetzt aber wird er mir etwas anderes geben.“ Darauf sagte zu ihm der Bodhisattva: „Dies, Lieber, ist etwas, das dir dein Vermögen vermehrt; jetzt höre das, was dir in geistlichen und in weltlichen Dingen förderlich ist!“ Und ihn ermahnend sprach er folgende Strophe:

§5. „Ob in dem Dorfe, ob im Walde,
ob auf dem Meere, ob am Lande,
allüberall geb ich den Rat:
Sei nicht erzürnt, du Schiffersmann.“

Nachdem er ihm so mit dieser Strophe mitgeteilt, was ihm in geistlichen und weltlichen Dingen förderlich sei, fügte er hinzu: „Dies ist für dich eine Förderung in geistlichen und weltlichen Dingen.“ Jener Tor aber achtete diese Ermahnung für nichts und fragte: „Ist dies, du Bettelmönch, der Lohn, den du mir für die Überfahrt gibst?“ „Ja, Lieber“, antwortete der Bodhisattva. „Ich brauche aber deinen Rat nicht; gib mir etwas anderes.“ Darauf erwiderte der Bodhisattva: „Freund, außer diesem habe ich nichts anderes.“ Jetzt rief der Schiffer: „Warum bist du denn in mein Schiff gestiegen?“ Er warf den Asketen an das Gangesufer, kniete sich auf seine Brust und schlug ihm ins Gesicht.

§A2. Der Meister fügte hinzu: „Ihr Mönche, während jener Asket für diese Ermahnung vom Könige ein Dorf als Geschenk erhielt, bekam er, als er dieselbe dem verblendeten Schiffer gab, Schläge ins Gesicht. Darum muss man, wenn man Ermahnungen gibt, sie dem geben, für den sie passt, nicht den Leuten, die nicht dafür geeignet sind.“

Darauf sprach er, der völlig Erleuchtete, folgende nächste Strophe:

§6. Ob der Ermahnung, wegen der
der König ihm ein Dorf geschenkt,
ob dieser selben Unterweisung
schlug ihm der Schiffer ins Gesicht.

Während ihn aber der Schiffer schlug, kam seine Gattin herbei mit einem Topfe voll Reisbrei. Als sie den Asketen sah, sprach sie: „Herr, dieser Asket gehört zum Hofe des Königs; schlage ihn nicht!“ Voll Zorn rief jener: „Lässt du mich nicht diesen falschen Asketen schlagen?“ Er stand auf, schlug sie und warf sie zu Boden. Dabei fiel die Reisbreischüssel auf die Erde und zerbrach; weil die Frau aber hoch schwanger war, fiel ihre Leibesfrucht zu Boden. Da umringten ihn die Leute und riefen: „Dies ist ein Räuber, der Menschen tötet.“ Sie banden ihn und führten ihn vor den König. Der König aber untersuchte die Sache und ließ an ihm die Königsstrafe vollziehen.

Nachdem der Meister der völlig Erleuchtete geworden war, sprach er, als er diese Begebenheit verkündete, folgende Schlussstrophe:

§7. Der Topf zerbrochen, tot die Gattin,
die Leibesfrucht fiel auf den Boden;
so wie ein Tier mit Gold umgeht [1],
hat er zum Schaden sich gehandelt.

 

§C. Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jataka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Der damalige Schiffer war auch der jetzige Schiffer, der König war Ananda, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von Avariya


[1] D. h. wie ein Tier die kostbarsten Gegenstände zerstört oder beschädigt, weil es ihren Wert nicht kennt.


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