„O Phusati, im Glanz erstrahlend“
§A. Dies erzählte der Meister, da er bei Kapilavatthu im Nigrodha-Park verweilte, mit Beziehung auf einen Regenschauer. Als nämlich der Meister das Rad der Lehre in Bewegung gesetzt hatte [1], war er allmählich nach Rajagaha gekommen und hatte dort den Winter verbracht. Dann begab er sich mit dem Thera Udayi als Wegweiser, umgeben von zwanzigtausend Mönchen, bei denen die Sinnenlust zerstört war, auf seiner ersten Reise nach Kapilavatthu. — Damals dachten die Sakiya-Könige: „Wir wollen unsern ältesten Verwandten [2] sehen“; sie versammelten sich und suchten nach einem Aufenthaltsort für den Erhabenen. Da verstanden sie: „Der Nigrodha-Park des Gottes Sakka ist lieblich.“ Sie veranstalteten jede Art der Bewachung, zogen mit wohlriechenden Substanzen, Blumen u. dgl. in der Hand ihm entgegen und sandten zuerst mit allem Schmuck geziert die ganz jungen Knaben und Mädchen der Stadtbewohner zu ihm hin, dann die königlichen Prinzen und Prinzessinnen. Unter diesen brachten sie von selbst mit wohlriechenden Blumen und duftendem Staub dem Meister ihre Verehrung dar und begaben sich mit dem Erhabenen nach dem Nigrodha-Parke. Dort ließ sich der Erhabene, umgeben von den zwanzigtausend Mönchen, die die Lüste ertötet hatten, auf dem hergerichteten Buddha-Sitze nieder.
Die Sakiyas aber waren im Stolz auf ihre Abstammung hochmütig; sie dachten: „Der Prinz Siddhattha [3] ist jünger als wir; er ist unser jüngerer Bruder, Neffe, Sohn, Enkel.“ Daher sagten sie zu den ganz jungen Prinzen: „Bezeiget ihm Verehrung; wir werden uns hinter euch niedersetzen.“ Als sie so dasaßen, ohne ihm ihre Verehrung bezeigt zu haben, beobachtete der Erhabene ihre Absicht und merkte: „Meine Verwandten bezeigen mir nicht ihre Verehrung; wohlan, jetzt werde ich sie dazu bringen, mich zu verehren!“ Er erzeugte in sich die Ekstase, die auf der übernatürlichen Erkenntnis fußt, erhob sich, stieg in die Luft empor und wirkte so, indem er gewissermaßen über ihre Häupter den Staub von seinen Füßen herabstreute, ein Wunder, das dem Doppelwunder am Fuße des Knotenmangobaumes ähnlich war [4]. Als der König dies Wunder sah, sagte er: „Ehrwürdiger Herr, als Ihr am Tage Eurer Geburt herbeigetragen wurdet zur Verehrung des Kalade-vala [5] und als ich da sah, wie Ihr die Füße umdrehtet und auf dem Haupte des Brahmanen standet, da brachte ich Euch meine Verehrung dar. Dies war meine erste Verehrung. Als Ihr am Tage des Pflugfestes [6] im Schatten des Mangobaumes auf dem fürstlichen Lager saßet und ich sah, wie für Euch der Schatten des Mangobaumes sich nicht drehte [7], da verehrte ich Eure Füße; das war meine zweite Verehrung. Jetzt aber, wo ich ein noch nie gesehenes Wunder erblicke, verehre ich auch Eure Füße; dies ist meine dritte Verehrung.“ Als aber vom Könige die Verehrung dargebracht wurde, war kein einziger Sakiya im Stande, stehen zu bleiben und nicht auch seine Verehrung zu bezeigen; sie alle brachten ihm ihre Verehrung dar.
Nachdem so der Erhabene seine Verwandten veranlasst hatte, ihn zu verehren, stieg er aus der Luft herunter und ließ sich auf dem hergerichteten Sitze nieder. Als aber der Erhabene dasaß, war die Versammlung seiner Verwandten zum Wissen gelangt; sie alle setzten sich einträchtigen Sinnes nieder. Da erhob sich eine große Wolke und ließ einen Regenschauer herabströmen. Kupferfarbig floss das Wasser herunter mit lautem Geräusch. Wer nass werden wollte, der wurde nass; wer aber nicht nass werden wollte, auf dessen Körper fiel kein einziger Tropfen. Als sie dies sahen, wurden sie alle erstaunt über das noch nie gesehene Wunder und sie begannen ein Gespräch, indem sie sagten: „Ach dies Wunder, ach dies noch nie da Gewesene, ach diese Macht der Buddhas, bei deren Verwandtenzusammenkunft ein solcher Regenschauer herniederkam!“ Als dies der Meister hörte, sagte er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon ließ bei der Zusammenkunft meiner Verwandten eine große Wolke einen Regenschauer herabströmen.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf ihre Bitte folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.
Als ehedem im Reiche Sivi in der Stadt Jetuttara der Großkönig Sivi regierte, erhielt er einen Sohn mit Namen Sanjaya. Er führte diesem, als er herangewachsen war, die Tochter des Königs von Madda, Prinzessin Phusati mit Namen, als Frau zu, übergab ihm die Herrschaft und machte Phusati zu seiner ersten Gemahlin. Die Vorexistenz von dieser war folgende: Im einundneunzigsten Weltalter von hier aus erstand in der Welt ein Meister namens Vipassi [8]. Während dieser in der Stadt Bandhumati in dem Tierpark Khema sich aufhielt, schickte einmal ein König dem König Bandhuma neben unschätzbarem Sandelholz eine goldene Kette im Werte von hunderttausend Geldstücken. Der König aber hatte zwei Töchter. Da er jenes Geschenk diesen zu geben wünschte, gab er das kostbare Sandelholz der älteren und den goldenen Kranz der jüngeren. Die beiden aber dachten: „Wir wollen dies nicht für unsern eigenen Körper benützen, sondern wir wollen nur dem Meister damit unsere Verehrung darbringen“, und sie sprachen zum König: „Vater, mit dem kostbaren Sandelholz sowohl wie mit dem goldenen Kranze wollen wir den mit den zehn Kräften Ausgestatteten verehren.“ Als dies der König hörte, gab er mit dem Worte: „Gut“, seine Zustimmung.
Jetzt machte die Ältere Sandelpulver, füllte damit einen goldenen Korb und ließ diesen mitnehmen; die jüngere Schwester aber machte den goldenen Kranz zu einem Brustschmuck und ließ ihn auch in einem goldenen Korbe mitnehmen. So begaben sich die beiden im Tierpark nach der Einsiedelei. Die Ältere verehrte den goldfarbenen Körper des mit den zehn Kräften Ausgestatteten mit dem Sandelpulver; die übrigen Körner streute sie in seinem duftenden Gemach aus und äußerte dann folgenden Wunsch: „Herr, in der Zukunft möchte ich die Mutter eines Buddha, wie Ihr es seid, werden.“ Die Jüngere verehrte den goldfarbenen Körper des Vollendeten mit dem aus der goldenen Kette gemachten Brustschmuck und sprach dann folgenden Wunsch aus: „Herr, bis ich die Heiligkeit erlange, soll dieser Schmuck von meinem Körper nicht vergehen.“ Der Meister stattete ihnen seinen Dank ab.
Nachdem die beiden, solange es ihnen bestimmt war, gelebt hatten, wurden sie in der Götterwelt wiedergeboren. Die ältere der beiden Schwestern wanderte in ihren Wiedergeburten von der Götterwelt in die Menschenwelt und von der Menschenwelt wieder in die Götterwelt und wurde am Ende des einundneunzigsten Weltalters die Buddhamutter Maya. Die jüngere Schwester aber hatte dieselben Wiedergeburten und wurde dann zur Zeit, da Kassapa der Buddha war [9], als Tochter des Königs Kiki wiedergeboren. Weil sie aber geboren war, die Brust mit einem Brustschmuck geziert, der wie mit Malerei gefertigt war, wurde sie Prinzessin Uracchada (= Brustverzierung) genannt. Als sie im Alter von sechzehn Jahren einmal hörte, wie der Meister seinen Dank für das Mahl abstattete, gelangte sie zur Stufe der Bekehrung; in der Folgezeit erreichte sie an dem Tage, da ihr Vater, als er die Danksagung für das Mahl anhörte, zur Frucht der Bekehrung gelangte, die Heiligkeit, betätigte die Weltflucht und ging dann zum völligen Nirvana ein.
Der König Kiki aber erhielt noch sieben andere Töchter; diese hießen:
§0.1. „Samara, Samana, Gutta,
die Nonne Bhikkhudasika,
Dhamma dazu und Sudhamma,
Samghadasi als siebente.“
Diese waren bei diesem Erscheinen des Buddha:
§0.2. Khema und Uppalavanna,
Patacara und Gotama,
Dhammadinna, Mahamaya [10],
Visakha als die siebente.
Von diesen hatte Phusati den Namen Sudhamma; sie tat gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und wandelte in ihren Wiedergeburten unter den Göttern und unter den Menschen mit einem Körper, der durch die Frucht der unter dem Buddha Vipassi betätigten Sandelpulver-Verehrung wie mit rotem Sandelpulver bestreut war. In der Folgezeit nahm sie ihre Wiedergeburt als die erste Gemahlin des Götterkönigs Sakka. Als sie dort, solange es ihr bestimmt war, gelebt hatte, erkannte der Götterkönig Sakka, da die fünf Vorzeichen eintrafen, dass ihre Existenz beendigt sei. Mit großer Pracht begab er sich mit ihr nach dem Nandana-Parke; als sie dort auf einem reich geschmückten Bette lag, setzte er sich selbst auf die Seite des Lagers und sagte zu ihr: „Liebe Phusati, ich gewähre dir zehn Wünsche; nimm sie an!“ Dazu sprach er folgende erste Strophe in diesem mit tausend Strophen ausgeschmückten großen Vessantara-Jataka [11]:
§1. „O Phusati, im Glanz erstrahlend,
wähle dir zehnmal einen Wunsch,
was auf der Erde deinem Sinne
ist angenehm, Schöngliedrige!“
So ist diese Darstellung des großen Vessantara-Jataka in der Götterwelt begründet [12].
Da sie nicht wusste, dass es ihr bestimmt war zu scheiden, sprach sie ermattet folgende zweite Strophe:
Als Sakka merkte, wie sie darüber ermattet war, sprach er folgende zwei Strophen:
§3. „Nichts Böses hast du mir getan,
auch unlieb wurdest du mir nicht;
zu Ende sind die guten Werke
und darum sprech ich so zu dir.
§4. Ganz nahe ist dir schon der Tod,
du wirst dich von mir trennen müssen;
nimm darum diese Wünsche hin,
die zehn, die ich dir jetzt gewährte.“
Als sie Sakkas Wort vernommen hatte und bestimmt erkannte, dass ihr der Tod bevorstehe, sprach sie, um einen Wunsch zu nennen, folgendes:
§5. „Wenn du mir einen Wunsch gewährst,
Sakka, Beherrscher aller Wesen,
so möcht ich in des Königs Sivi
Palaste wohnen; Heil sei dir!
§6. Mit schwarzen Augen, schwarzen Brauen,
schwarzäugig so wie die Gazelle,
den Namen Phusati soll man
mir geben dort, Purindada [13].
§7. Und einen Sohn möcht ich erhalten,
freigebig Bittenden, nicht geizig,
geehrt von andren Königen,
berühmt und ruhmreich soll er sein.
§8. Und wenn ich meine Frucht dann trage,
sei meine Mitte unverändert
und nicht erhöhet sei mein Leib,
gleich wie ein Bogen schön geschnitzt.
§9. Die Brüste sollen mir nicht sinken,
nicht graue Haare, Vasava;
am Körper möge Schmutz [14] nicht haften,
den Todeswürd'gen mach ich frei [15].
§10. Umtönt von Pfauen und von Reihern,
bedient von schöner Frauen Scharen,
umschwärmt von Buckligen und Dienern [16],
gelobt von Dichtern und von Sängern [17],
§11. wenn man an bunte Türen klopft
und auffordert zu Fleisch und Branntwein,
da möchte ich von König Sivi
die erste Gattin sein; Heil dir [18]!“
Sakka erwiderte:
§12. „Diese zehn Wünsche [19], die ich dir
gewähre, du vollkommen Schöne,
im Reich des Königs Sivi wirst
du diese Wünsche all erhalten.“
§13. Nachdem so Maghava gesprochen,
Sujampati, der Götterkönig,
gewährt' er Phusati den Wunsch;
darüber freut sich Vasava.
Ende der Strophen von den zehn Wünschen.
Nachdem sie diese Wünsche ausgesprochen, starb sie dort und nahm im Schoße der ersten Gemahlin des Königs Madda ihre Wiedergeburt. Weil sie aber, als sie geboren wurde, mit einem Körper, der wie mit Sandelpulver bestreut war, geboren wurde, gab man ihr am Namengebungstage den Namen Phusati [20]. Unter großer Ehrung wuchs sie heran und war im Alter von sechzehn Jahren von höchster Schönheit. Da führte sie der Großkönig Sivi für seinen Sohn, den Prinzen Sanjaya, heim, ließ über ihn den weißen Sonnenschirm ausspannen, machte sie zur rangältesten seiner sechzehntausend Frauen und gab ihr so den Platz seiner ersten Gemahlin. Darum heißt es:
§14. „Dortselbst gestorben Phusati
kam in ein fürstliches Geschlecht
und in der Stadt Jetuttara
vereint' sie sich mit Sanjaya.“
Sie war Sanjaya lieb und hold. — Beim Überlegen merkte aber Gott Sakka: „Von den Wünschen, die ich Phusati gewährte, sind neun Wünsche erfüllt“, und er dachte bei sich: „Der eine Wunsch nach einem Sohne aber ist bisher noch nicht erfüllt; auch ihn werde ich ihr erfüllen.“ — Damals weilte der Bodhisattva im Himmel der dreiunddreißig Götter und seine Lebenszeit war zu Ende. Als dies Sakka erkannte, ging er zu ihm hin und sagte zu ihm: „Ehrwürdiger, du musst in die Menschenwelt gehen; dort musst du im Schoße von Phusati, der ersten Gemahlin des Königs Sivi, deine Wiedergeburt nehmen.“ Nachdem er die Zustimmung von ihm und von anderen sechzigtausend Göttersöhnen, die auch zum Sterben bestimmt waren, erhalten hatte, kehrte er an seinen Ort zurück.
Das große Wesen aber starb dort und kam hierher; auch die übrigen Göttersöhne wurden in den Häusern von sechzigtausend Hofleuten wiedergeboren. Als aber das große Wesen in ihren Schoß eingegangen war, bekam Phusati ein Gelüste; sie wollte an den vier Stadttoren, in der Mitte der Stadt und am Tore des Palastes, an diesen sechs Orten sechs Almosenhallen errichten lassen und mit dem Aufwand von hunderttausend Geldstücken täglich Almosen spenden. Als der König von ihrem Gelüste erfuhr, fragte er die Zeichendeuter und erfuhr von ihnen folgendes: „O Großkönig, das Wesen, das in den Schoß der Königin gekommen ist, hat seine Freude am Almosen Spenden und wird am Almosen Geben sich nicht ersättigen.“ Darauf setzte er hocherfreut auf die angegebene Art Almosenspenden fest.
Seitdem aber der Bodhisattva seine Wiedergeburt genommen hatte, waren die Schätze des Königs unermesslich; infolge der übernatürlichen Macht seiner Tugend schickten die Könige in ganz Indien Geschenke. — Die Königin trug unter großer Ehrung ihre Leibesfrucht. Als zehn Monate vollendet waren, bekam sie Lust, die Stadt zu sehen, und meldete dies dem Könige. Der König befahl, die Stadt wie eine Götterstadt zu schmücken; dann ließ er die Fürstin einen herrlichen Wagen besteigen und die Stadt von rechts umfahren. Als sie in die Mitte der Vessa-Straße [21] gekommen war, entstanden in ihr die Wehen. Dies meldete man dem Könige. Darauf errichtete dieser gerade in der Vessa-Straße ein Gebärhaus für sie und ließ sie dasselbe beziehen. Sie aber gebar dort einen Sohn; darum wurde gesagt:
§15. „Da sie zehn Monat mich getragen,
umzogen sie die Stadt von rechts;
und mitten in der Vessa-Straße
hat mich geboren Phusati.“
Als aber das große Wesen den Schoß seiner Mutter verließ, kam es kühn hervor mit geöffneten Augen. Während es noch hervorkam, streckte es zu seiner Mutter die Hand aus und sagte: „Mutter, ich möchte Almosen spenden; ist etwas da?“ Da legte sie ihm mit den Worten: „Mein Sohn, gib nach Lust Almosen“, eine Börse mit tausend Geldstücken in die ausgestreckte Hand. — Das große Wesen redete an drei Stellen, nämlich im Ummagga-Jataka, in diesem Jataka und bei seiner letzten Existenz sogleich nach seiner Geburt. — Am Namengebungstage gab man ihm, weil er in der Vessa-Straße geboren war, den Namen Vessantara [22]. Darum wird gesagt:
§16. „Ich heiß nicht von der Mutter her,
auch nicht nach meines Vaters Willen;
im Vessa-Weg bin ich geboren,
drum hieß man mich Vessantara.“
Noch am Tage seiner Geburt aber brachte ein durch die Luft fliegendes Elefantenweibchen einen festlich geehrten, ganz weißen jungen Elefanten herbei, stellte ihn an die Stelle des königlichen Leibelefanten und entfernte sich. Weil dieser gekommen war, um dem großen Wesen als Hilfsmittel zu dienen, nannte man ihn nur Paccaya (d. h. Hilfsmittel).
Der König aber stellte für das große Wesen, indem er dabei die Fehler der allzu großen Länge usw. vermied [23], vierundsechzig [24] Ammen mit süßer Milch auf; auch den mit jenem zugleich geborenen sechzigtausend Knaben ließ er Ammen geben. So wuchs jener zusammen mit den sechzigtausend Knaben unter großer Ehrung auf.
Es ließ aber der König für ihn einen hunderttausend Geldstücke kostenden Prinzenschmuck machen und gab ihm denselben; als er jedoch vier oder fünf Jahre alt war, machte er ihn los und schenkte ihn seinen Ammen. Als diese ihm den Schmuck wiedergaben, nahm er ihn nicht an. Darauf meldeten diese die Begebenheit dem Könige; dieser erwiderte: „Was von meinem Sohn gegeben wurde, ist wohl gegeben; es soll eine Brahma-Gabe sein“, und ließ einen andern Schmuck anfertigen. Der Prinz gab, als er noch ein Knabe war, auch diesen seinen Ammen; so schenkte er neunmal seinen Schmuck her.
Als er aber acht Jahre alt war, dachte er einmal, als er auf seinem Lager lag: „Ich gebe nur äußere Geschenke. Wenn mich einer um mein Herz bäte, so würde ich meine Brust öffnen, mein Herz herausnehmen und es ihm geben. Wenn mich einer um meine Augen bäte, so würde ich mir die Augen herausreißen und sie hergeben; wenn mich einer um das Fleisch meines Leibes bäte, so würde ich von meinem ganzen Körper das Fleisch herunterschneiden und es ihm geben.“ Während er nach seiner Natur und nach dem Wesen seines Herzens nachdachte, erzitterte diese Erde, die doch hunderttausend Yojanas und vier Nahutas [25] dick ist, indem sie raste wie ein brünstiger starker Elefant; der Berg-König Sineru beugte sich herab wie ein stark erhitzter Baumspross und stellte sich, wie wenn er tanzte, gegen die Stadt Jetuttara hin gewendet auf. Bei dem Erdröhnen der Erde donnerte es und es fiel augenblicklich Regen hernieder; Blitze leuchteten auf, das Meer trat über, der Götterkönig Sakka klappte mit den Fingern, der große Brahma gab seinen Beifall, bis zur Brahmawelt war alles mit Geräusch erfüllt. Darum wird auch folgendes gesagt:
§17. „Als ich ein kleiner Knabe war,
im Alter von acht Jahren stand,
da, als ich im Palaste lag,
dacht ich das Gabenspenden aus:
§18. ‘Das Herz gäbe ich her, das Auge,
mein Fleisch und auch mein Blut dazu,
den ganzen Körper würd ich geben,
wenn jemand mich darum ersuchte.’
§19. Da ich dies ernstlich bei mir dachte,
ohne zu zittern, festbegründet [26],
da fing die Erde an zu zittern
mit dem Sineru, Wäldern, Bäumen.“ —
Im Alter von sechzehn Jahren war der Bodhisattva zur Vollendung in allen Künsten gelangt. Da ihm sein Vater die Herrschaft übergeben wollte, besprach er sich mit seiner Mutter und führte aus der Familie des Königs Madda die Tochter seines Oheims, Maddi mit Namen, herbei. Diese machte er zur rangältesten ersten Gemahlin unter den sechzehntausend Frauen und weihte dann das große Wesen zum König. Seitdem das große Wesen aber den Thron bestiegen hatte, spendete es reiche Almosen, indem es täglich hunderttausend Geldstücke dafür ausgab. In der Folgezeit gebar die Königin Maddi einen Sohn; diesen fingen sie in einem goldenen Netze auf. Darum gab man ihm den Namen Prinz Jali (d. h. der mit dem Netz). Als er schon auf eigenen Füßen stehen konnte, gebar sie eine Tochter. Diese fingen sie in einem schwarzen Fell auf; daher nannte man sie Kanhajina (das heißt Schwarzfell). Das große Wesen aber besuchte jeden Monat sechsmal die sechs Almosenhallen, auf den Schultern seines reichgeschmückten Elefanten sitzend. —
Damals herrschte im Reiche Kalinga Trockenheit; das Getreide gedieh nicht. Es entstand eine große Hungersnot. Da die Menschen nicht leben konnten, übten sie Räubereien aus. Die von Nahrungsmangel gequälten Landbewohner versammelten sich im Hofe des königlichen Palastes und machten Lärm. Als dies der König hörte und fragte: „Was wollt ihr, ihr Lieben?“, meldeten sie ihm die Begebenheit. Der König erwiderte: „Gut, ihr Lieben, ich werde veranlassen, dass der Gott regnen lassen wird.“ Damit entließ er sie. Obwohl er aber ein Gelübde auf sich nahm und das Uposatha hielt, konnte er den Gott nicht veranlassen, Regen zu senden. Da ließ er die Städter zusammenkommen und fragte sie: „Ich habe ein Gelübde gemacht und sieben Tage lang das Uposatha gehalten und konnte trotzdem den Gott nicht veranlassen, dass er Regen sendet; was ist da zu tun?“ Sie antworteten: „O Fürst, wenn du den Gott nicht veranlassen kannst, dass er regnen lässt, — da ist in der Stadt Jetuttara Vessantara, der Sohn des Königs Sanjaya, der am Almosen Spenden seine Freude hat. Dieser hat einen ganz weißen Leibelefanten; wohin dieser geht, dort regnet es. Schickt Brahmanen aus, lasst ihn um den Elefanten bitten und bringt ihn her!“ Der König gab seine Zustimmung; er versammelte die Brahmanen, wählte unter ihnen acht Leute aus, gab ihnen Lohn und schickte sie fort mit den Worten: „Geht, bittet Vessantara um seinen Elefanten und bringt diesen her!“
Nachdem die Brahmanen allmählich bis zur Stadt Jetuttara gekommen waren, verzehrten sie in der Almosenhalle Almosenspeise und machten ihren Körper schmutzbefleckt und staubbedeckt. Da sie am Vollmondstage den König um den Elefanten bitten wollten, gingen sie zur Zeit, da der König in die Almosenhalle kommen sollte, nach dem Osttore. Der König aber hatte gedacht: „Ich will die Almosenhalle besuchen“; er hatte sich in der Frühe mit sechzehn Töpfen duftenden Wassers gewaschen, dann sein Mahl verzehrt und sich geschmückt. Hierauf ritt er, auf der Schulter seines reich gezierten Elefanten sitzend, nach dem Osttor. Als dort die Brahmanen keine Gelegenheit fanden, gingen sie an das Südtor, stellten sich auf einen erhöhten Platz, und als der König am Osttore das Almosen Spenden betrachtet hatte und zu dem Südtore kam, streckten sie die Hände aus und riefen: „Siegen möge der Herr Vessantara.“ Als das große Wesen die Brahmanen sah, trieb es den Elefanten nach dem Orte, wo sie standen, und sprach, während es so auf der Schulter des Elefanten saß, folgende erste Strophe:
§20. „Mit haar'gen Schultern, langen Nägeln,
mit schmutz'gen Zähnen, staub'gen Köpfen,
die rechten Arme ausgestreckt:
um was bitten mich die Brahmanen?“
Als dies die Brahmanen hörten, sprachen sie:
§21. „Um eine Kostbarkeit wir bitten,
o Fürst, der Sivis Reichsvermehrer;
gib diesen prächt'gen Elefanten,
den hohen, mit den Deichselzähnen [27].“
Als dies das große Wesen hörte, da dachte es bei sich: „Ich möchte von meinem Haupte angefangen mein ganzes Ich hergeben. Diese bitten nur um einen äußerlichen Besitz; ich werde ihren Wunsch erfüllen.“ Und auf den Schultern des Elefanten sitzend sprach es:
§22. „Ich zittre nicht, sondern ich gebe,
um was mich die Brahmanen bitten,
den zahngeschmückten Elefanten,
den wilden, dieses beste Reittier.“
Und nachdem er dies zugestanden hatte,
§23. vom Elefanten stieg herab
der König, nur an Opfer denkend,
und den Brahmanen schenkte ihn
des Sivi-Landes Reichsvermehrer.
An den vier Füßen des Elefanten war der Schmuck vierhunderttausend Geldstücke wert, an beiden Seiten war er zweihunderttausend wert. Unter seinem Bauche war eine Decke, hunderttausend wert; auf seinem Rücken war ein Perlennetz, ein Goldnetz und ein Edelsteinnetz, diese drei Netze waren dreihunderttausend wert. An beiden Ohren war Schmuck im Werte von zweihunderttausend, die auf seinem Rücken ausgebreitete Decke war hunderttausend wert, der Schmuck an seiner Stirngeschwulst hunderttausend, die drei Schnurteile dreihunderttausend, der kleine Ohrschmuck zweihunderttausend, der Schmuck der beiden Zähne zweihunderttausend, der Glücksschmuck des Rüssels hunderttausend, der Schwanzschmuck hunderttausend, außer dem unschätzbaren Wert des an seinem Körper befestigten Schmuckes zweiundzwanzig mal hunderttausend; die Leiter zum Hinaufsteigen hunderttausend, sein Speisegefäß hunderttausend: dies so viele war also vierundzwanzig mal hunderttausend wert. Oben auf dem Sonnenschirm aber war ein Juwel, ein Juwel in dem Diadem, in der Perlenschnur ein Juwel, in dem Stachel ein Juwel, in der Perlenschnur, die den Hals des Elefanten bedeckte, war ein Juwel und auf der Stirngeschwulst des Elefanten war ein Juwel: diese sechs waren unschätzbar, auch der Elefant war unschätzbar. So waren es mit dem Elefanten zusammen sieben unschätzbare Dinge. Diese gab er alle den Brahmanen; dazu fünfhundert Familien, die den Elefanten bedienten, mit Elefantenwärtern und Elefantenhütern. Infolge dieser seiner Spende aber entstand auf die oben angegebene Art ein Erzittern der Erde usw.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§24. Damals geschah, was furchtbar war,
worüber sich die Haare sträubten:
da er den Elefanten schenkte,
erzitterte zugleich die Erde.
§25. Damals geschah, was furchtbar war,
worüber sich die Haare sträubten:
da er den Elefanten schenkte,
erregte sich die ganze Stadt.
§26. Versammelt war die ganze Stadt
und lauter, großer Lärm erscholl,
da er den Elefanten schenkte,
des Sivi-Landes Reichsvermehrer.
Die Stadt Jetuttara war aufgeregt [28]. Denn als die Brahmanen am Südtor den Elefanten erhalten hatten, setzten sie sich auf seinen Rücken und zogen, von einer großen Menschenmenge umgeben, durch die Mitte der Stadt. Als dies die Menge sah, rief sie: „Holla, ihr Brahmanen, warum seid ihr auf unsern Elefanten gestiegen und führt unsern Elefanten fort?“ Die Brahmanen aber erwiderten: „Vom Großkönig Vessantara wurde uns der Elefant geschenkt; wer seid ihr?“ Und indem sie die Menge durch Zeichen mit den Händen und dergleichen verspotteten, zogen sie durch die Mitte der Stadt und verließen sie durch das Nordtor. Die Städter aber wurden durch göttliche Fügung [29] zornig auf den Bodhisattva; sie versammelten sich am Tore des Königspalastes und machten großen Lärm.
Um dies zu verkündigen, sprach der Meister:
§27. Doch da entstand ein großer Lärm,
ein lauter, Furcht erregender;
als hergeschenkt der Elefant,
erzitterte zugleich die Erde.
§28. Doch da entstand ein großer Lärm,
ein lauter, Furcht erregender;
als hergeschenkt der Elefant,
erregte sich die ganze Stadt.
§29. Doch da entstand ein großer Lärm,
ein lauter, Furcht erregender,
als er den Elefanten schenkte,
des Sivi-Landes Reichsvermehrer.
Da aber die Stadtbewohner sich aufregten wegen dieser Spendung, meldeten sie dies dem Könige; darum heißt es:
§30. „Die Uggas [30] und die Königssöhne,
die Vessas und auch die Brahmanen,
die Garde, Elefantenreiter,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten,
§31. der ganzen Stadt Bewohner auch,
die Sivis kamen all zusammen;
als fortgeführt den Elefanten
sie sahen, meldeten sie dem König:
§32. ‘Zerstört, o König, ist dein Reich;
wie konnt dein Sohn Vessantara
hergeben unsern Elefanten,
der von dem ganzen Reich verehrt?
§33. Wie gab er unsern Elefanten,
den hohen mit den Deichselzähnen,
der stets im Kampf kannt das Gelände,
das schönste Tier, ganz weiß von Farbe,
§34. mit gelben Tüchern ganz bedeckt,
den wilden, der zertrat die Feinde,
mit seinen Hauern, mit dem Wedel,
den weißen, dem Kelasa [31] gleich,
§35. mitsamt dem Sonnenschirm und Schmuck,
mit seinem Arzt und seinen Hütern,
das schönste Reittier für den König,
den Schatz gab er an die Brahmanen.’“
Nachdem sie aber so gesagt, sprachen sie weiter:
§36. „Wer Trank und Speise geben würde,
auch Kleider, Wohnungen und Sitze,
der gäbe passende Almosen,
die für Brahmanen sich geziemen.
§37. Doch dieser König deines Stammes,
des Sivi-Landes Reichsvermehrer,
warum schenkt, Sanjaya, dein Sohn
Vessantara den Elefanten?
§38. Doch wenn du jetzt nicht handeln wirst
nach diesem Wort der Sivi-Leute,
so werden, glaub ich, samt dem Sohn
die Sivis dich gefangen nehmen.“
Als dies der König hörte, meinte er, sie wünschten Vessantara zu töten, und sprach deshalb:
§39. „Mein Land soll lieber nicht mehr sein,
die Königsherrschaft geh verloren,
doch werd ich nach der Sivis Wort
den unschuldigen Königssohn
nicht aus dem eignen Reich vertreiben;
denn er ist ja mein eigner Sohn.
§40. Mein Land soll lieber nicht mehr sein,
die Königsherrschaft geh verloren,
doch werd ich nach der Sivis Wort
den unschuldigen Königssohn
nicht aus dem eignen Reich vertreiben;
denn er ist ja mein einz'ger Sohn.
§41. An ihm will ich Verrat nicht üben,
denn edler Tugend ist er voll;
in schlechten Ruf käm ich dadurch,
an großem Übel wär ich schuld.
Wie könnt ich mit dem Schwerte töten
jetzt meinen Sohn Vessantara?“
Die Sivis antworteten:
§42. „Nicht mit dem Stab oder dem Schwerte,
denn Bande hat er nicht verdient;
vertreib ihn nur aus deinem Reiche,
er wohne auf dem Vamka-Berg [32] !“
Der König erwiderte:
§43. „Wenn dies der Sivis Wille ist,
verwerfen wir den Willen nicht.
Noch diese Nacht möge er bleiben
und seine Freuden noch genießen.
§44. Doch wenn die Nacht vergangen ist
und wenn die Sonne sich erhebt,
die Sivis sollen sich versammeln
und ihn aus diesem Reich verbannen.“
Sie nahmen das Wort des Königs an, indem sie sagten: „Nur noch eine Nacht soll er bleiben.“ Nachdem er sie dann fortgeschickt hatte, wandte er sich, um seinem Sohne Nachricht zu senden, an einen Minister und schickte ihn zu jenem hin. Dieser gab seine Zustimmung, begab sich nach dem Palaste des Vessantara und erzählte ihm diese Begebenheit.
Um dies zu verkünden, wurden folgende Strophen gesprochen:
§45. „Steh auf, Minister, gehe rasch
hin zu Vessantara und sprich:
‘Die Sivis zürnen dir, o Fürst,
die Städter, die zusammenkamen,
§46. die Uggas und die Königssöhne,
die Vessas und auch die Brahmanen,
die Garde, Elefantenreiter,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten,
der ganzen Stadt Bewohner auch,
die Sivis haben sich versammelt.
§47. Wenn diese Nacht vergangen ist
und wenn die Sonne sich erhebt,
die Sivis werden sich versammeln
und dich aus diesem Reich verbannen.’“
§48. Rasch ging jetzt der Minister fort,
vom Sivi-König ausgeschickt;
mit reichem Schmuck geziert die Hände,
mit schönen Kleidern, sandelduftend,
§49. mit Wasser seinen Kopf gereinigt,
geschmückt mit Edelsteinohrringen
ging er zu der lieblichen Stadt,
in den Palast Vessantaras.
§50. Dort sah den Prinzen er, wie dieser
sich in der eignen Stadt erfreute,
von seinen Hofleuten umgeben
wie Vasava von den Dreiunddreißig.
§51. Dorthin gelangt sprach der Minister
nun eilig zu Vessantara:
„Ein Unglück muss ich dir verkünden,
zürne mir nicht, du Landesfürst!“
§52. Mit Ehrfurcht er ihn grüßt' und weinend
sprach zu dem König der Minister:
„Mein Herr bist du, du großer König,
der alle Wünsche mir erfüllte.
Ein Unglück muss ich dir verkünden,
darüber soll man trösten mich.
§53. Die Sivis zürnen dir, o Fürst,
die Städter, die zusammenkamen,
die Uggas und die Königssöhne,
die Vessas und auch die Brahmanen,
§54. die Garde, Elefantenreiter,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten,
der ganzen Stadt Bewohner auch,
die Sivis haben sich versammelt.
§55. Wenn diese Nacht vergangen ist
und wenn die Sonne sich erhebt,
die Sivis werden sich versammeln
und dich aus deinem Reich verbannen.“
Das große Wesen erwiderte:
Ich weiß nicht, was ich Böses tat.
Verkündige mir dies, Minister:
Warum wollen sie mich verbannen?“
Der Minister antwortete:
§57. „Die Uggas und die Königssöhne,
die Vessas und auch die Brahmanen,
die Garde, Elefantenreiter,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten
zürnen ob der Elefantenspende;
darum wollen sie dich verbannen.“
Als dies das große Wesen hörte, sprach es voll Freude:
§58. „Das Herz, das Auge würd ich geben;
was ist mir eine äußre Gabe,
was edles Gold und Edelsteine,
Perlen und Lapislazuli?
§59. Die rechte Hand oder den Arm [33],
wenn Bittende ich kommen sähe,
ich gäbe ohne zu erzittern;
am Spenden sich erfreut mein Herz.
§60. Gern mögen mich die Sivis alle
verbannen oder töten auch,
das Spenden geb ich drum nicht auf;
gern solln sie mich in Stücke schlagen.“
Als dies der Minister hörte, verkündete er ihm einen weiteren Befehl, der weder vom Könige noch von den Sivis gegeben war, sondern nach seinem eignen Gedanken, und sprach:
So sagte dieser, von einer Gottheit dazu gezwungen. Als dies der Bodhisattva hörte, dachte er: „Gut, ich werde auf dem Wege gehen, den sonst die Übeltäter zu benützen pflegen. Mich verbannen aber die Stadtbewohner wegen keiner andern Schuld, sondern sie verbannen mich, weil ich den Elefanten herschenkte. Da sich dies so verhält, werde ich ein großes Almosen von siebenhundert Dingen spenden. Die Stadtbewohner sollen mir Erlaubnis geben, noch einen Tag Almosen zu geben; wenn ich morgen Gaben gespendet, werde ich am dritten Tage fortgehen.“ Und er sprach:
§62. „Den Weg werde ich also nehmen,
auf dem die Übeltäter gehen;
doch lasset mir noch Nacht und Tag,
bis ich noch Almosen gespendet.“
Der Minister versetzte: „Gut, o Fürst, ich werde es den Stadtbewohnern mitteilen“, und entfernte sich. Als das große Wesen diesen entlassen hatte, rief es einen Heerwächter zu sich und sagte zu ihm: „Ich werde morgen ein aus siebenhundert Dingen bestehendes Almosen spenden. Richte siebenhundert Elefanten, siebenhundert Rosse, siebenhundert Wagen, siebenhundert Weiber, siebenhundert Kühe, siebenhundert Sklavinnen und siebenhundert Sklaven her; lasse auch mancherlei Arten Speise und Trank, bis zum Branntwein herunter alles, was sich zu geben ziemt, aufstellen.“ Nachdem so das große Wesen die siebenhundertfache große Spende angeordnet und seine Hofleute entlassen hatte, begab er sich allein nach der Wohnung seiner Gattin Maddi, setzte sich auf sein fürstliches Lager und begann mit ihr eine Unterredung.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§63. Es sprach der König nun zu Maddi,
die in vollkommner Schönheit strahlte:
„Was ich dir etwa gab an Schätzen,
was an Geschmeide ist vorhanden,
§64. auch helles oder dunkles Gold,
Perlen und Lapislazuli,
das alles sollst du niederlegen
und auch dein väterliches Gut.“
§65. Zu ihm sprach drauf die Königstochter
Maddi, in voller Schönheit strahlend:
„Wohin, o Fürst, soll ich es legen?
Das sage mir auf meine Frage!“
Vessantara antwortete:
§66. „Den Tugendhaften sollst du geben
die Spende, Maddi, wie 's gebührt;
denn besser als Almosen gibt
es keinen Schutz für alle Wesen.“
Sie stimmte mit dem Worte: „Gut“, seiner Rede zu. Darauf sprach er, um sie noch weiter zu ermahnen:
§67. „Sei gütig zu den Kindern, Maddi,
zu Schwiegermutter, Schwiegervater;
und auch dem Gatten, der dich ehrt,
dem diene mit Aufmerksamkeit.
§68. Doch wenn dich nicht dein Gatte ehrt,
nachdem ich mich von dir getrennt,
so such dir einen andern Gatten;
werde nicht mager ohne mich.“
Da dachte Maddi: „Warum sagt wohl dieser Vessantara ein solches Wort?“, und fragte ihn: „Weshalb, o Fürst, redest du ein so unziemliches Wort?“ Das große Wesen erwiderte: „Liebe, weil ich den Elefanten herschenkte, sind die Sivis zornig und verbannen mich aus dem Lande. Morgen werde ich noch ein siebenhundertfaches großes Almosen spenden und am dritten Tage die Stadt verlassen.“ Und er sprach:
§69. „Ich gehe nämlich in den Wald,
den furchtbaren, voll Raubtieren;
das Leben ist mir zweifelhaft,
wenn ich allein im großen Walde.“
§70. Doch ihm versetzt' die Königstochter
Maddi, in voller Schönheit strahlend:
„Unmögliches hast du gesagt,
ein böses Wort sprichst du fürwahr.
§71. Dies ist nicht richtig, großer König,
dass du allein fortgehen sollst;
auch ich werde nur dahin gehen,
wohin du gehn wirst, edler Fürst.
§72. Entweder soll ich mit dir sterben
oder jetzt leben ohne dich;
da ist es besser doch zu sterben,
als dass ich lebe ohne dich.
§73. Man zünde nur ein Feuer an,
das brennt in einer einz'gen Flamme;
darin zu sterben ist doch besser,
als dass ich lebe ohne dich.
§74. Wie dem zahnstarken Elefanten
des Waldes folgt sein Weibchen nach,
wenn er im Bergesdickicht wandelt,
auf ebnem und unebnem Grund [34];
§75. gerade so will ich dir folgen
mit meinen Kindern hinterdrein;
leicht zu ertragen werd ich sein,
nicht schwer hast du an mir zu tragen.“
Nachdem sie aber so gesagt, sprach sie, indem sie das Himalayagebirge schilderte, als wenn sie es schon zuvor gesehen hätte:
§76. „Wenn du dort diese Kinder siehst,
die schönen, Liebes redenden,
wie sie im Waldesdickicht sitzen,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§77. Wenn du dort diese Kinder siehst,
die schönen, Liebes redenden,
wie sie ermüdet sind [35] im Walde,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§78. Wenn du dort diese Kinder siehst,
die schönen, Liebes redenden,
in der lieblichen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§79. Wenn du dort diese Kinder siehst,
die schönen, Liebes redenden,
müd [35] in der schönen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§80. Wenn du dort diese Kinder siehst,
die Kränze tragenden, geschmückten,
in der lieblichen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§81. Wenn du dort diese Kinder siehst,
die Kränze tragenden, geschmückten,
müd in der schönen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§82. Wenn du sie tanzen sehen wirst,
die Kinder dein, die Kränze tragen,
in der lieblichen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§83. Wenn du sie tanzen sehen wirst,
die Kinder dein, die Kränze tragen,
müd in der schönen Einsiedlei,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§84. Wenn du den Elefanten siehst,
den starken, sechzigjährigen,
wie er allein im Walde wandelt,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§85. Wenn du den Elefanten siehst,
den starken, sechzigjährigen,
wie er herumgeht abends, morgens,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§86. Wenn vor der Elefantenweibchen Herde
voraus schreitet der Elefant
und stoßet aus den Reiherton [36],
der Elefant von sechzig Jahren:
wenn diesen Schrei du von ihm hörst,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§87. Wenn du auf beiden Seiten siehst
in Einsamkeit, von Freud erfüllt [37],
die Raubtiere im Wald gedrängt,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§88. Wenn du das Wild am Abend siehst
auf dich zukommen in fünf Reihen [38],
wie dort die Feenmännchen tanzen,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§89. Wenn du das Rauschen hören wirst
des Stromes, wie er leise fließt,
und den Gesang der Feenmännchen,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§90. Wenn du das Rufen hören wirst
der Eule, die in Bergeshöhlen verweilt,
wie ihren Schrei sie ausstößt,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§91. Wenn du den Löwen hören wirst,
Tiger, Rhinozeros und Büffel,
wie diese Tiere schrein im Walde,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§92. Wenn du umringt von Pfauenweibchen
auf Bergesspitze sitzen siehst
den Pfau mit seinem Schweife tanzend,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§93. Wenn du umringt von Pfauenweibchen
den Pfau dort tanzen sehen wirst,
den eigebornen [38a], bunt beschwingten [38b],
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§94. Wenn du umringt von Pfauenweibchen
den Pfau dort tanzen sehen wirst
mit blauem Halse, großem Schopfe,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§95. Wenn du im Winter sehen wirst
die erdentsprossnen Bäume blühen,
wie sie aushauchen süßen Duft,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§96. Wenn du dort in dem Wintermonat
die grüne Erde sehen wirst,
bedeckt mit kleinen roten Tierchen [39],
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§97. Wenn du im Winter sehen wirst
die erdentsprossnen Bäume blühen,
den Kutaja, den Bimbajala [40]
und den Haarlotos auch in Blüte,
wie sie aushauchen süßen Duft,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.
§98. Wenn du dort in dem Wintermonat
den Wald in Blüte stehen siehst,
den Lotos auch mit seinen Blumen,
wirst an dein Reich du nicht gedenken.“
So pries Maddi, als wäre sie eine Bewohnerin des Himalaya, mit so vielen Strophen die Schönheit des Himalaya.
Ende der Schilderung des Himalaya
Die Fürstin Phusati aber hatte gedacht: „Von meinem Sohne ist ein schmerzlicher Bericht gekommen. Was tut er denn? Ich will hingehen und es erfahren.“ In einem verhüllten Wagen fuhr sie hin; und als sie an der Türe des fürstlichen Schlafgemaches stehend jene ihre Unterhaltung hörte, begann sie erbärmlich zu klagen.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§99. Da sie das Stammeln hört' von ihnen,
vom Sohn und von der Schwiegertochter,
da fing erbärmlich an zu klagen
die ruhmerfüllte Königstochter.
§100. „Viel besser hätt ich Gift verzehrt
und in den Abgrund mich gestürzt,
oder ich stürb am Stricke hängend:
warum verbannen sie meinen Sohn
Vessantara, der ohne Schuld?
§101. Ihn, den Freigebigen, Gelehrten,
leicht zu erbitten, ohne Geiz,
geehrt von andern Königen,
allseits geehrt, des Ruhmes voll:
warum verbannen sie meinen Sohn
Vessantara, der ohne Schuld?
§102. Den Mann, der seine Eltern schützte,
geehrt als Ältster der Familie:
warum verbannen sie meinen Sohn
Vessantara, der ohne Schuld?
§103. Dem König und der Kön'gin nützlich,
nützlich den Freunden und Verwandten,
nützlich dem ganzen Königreiche:
warum verbannen sie meinen Sohn
Vessantara, der ohne Schuld?“
Nachdem sie so zum Erbarmen geklagt, tröstete sie ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, begab sich zum Könige und sprach:
§104. „Wie Honig, der herabgelaufen,
wie Mangos, die zu Boden fielen,
so wird dies Königreich auch werden;
den Unschuldigen sie verbannen.
§105. So wie im wasserlosen Teiche
ein Schwan, bei dem zerstört die Flügel,
von den Ministern nicht umgeben
wirst einsam du als König hausen.
§106. Das sage ich dir, großer König,
lass deinen Nutzen nicht entfliehen;
befolge nicht das Wort der Sivis,
den Unschuldigen nicht verbanne!“
Als dies der König hörte, sprach er:
§107. „Dem Rechte Ehrung ich erweise,
wenn ich der Sivis Banner [41] strafe.
Den eignen Sohn verbanne ich;
er ist mir lieber als das Leben.“
Da dies die Fürstin hörte, sprach sie jammernd:
§108. „Er, den zuvor die Flaggenspitzen
gleich blühnden Kanikara-Blumen
bei seinem Gehen stets geleitet,
der wird fortgehen heut allein.
§109. Er, den zuvor die Flaggenspitzen
gleich blühnden Kanikara-Wäldern
bei seinem Gehen stets geleitet,
der wird fortgehen heut allein.
§110. Er, den zuvor die ganzen Heere
gleich blühnden Kanikara-Blumen
bei seinem Gehen stets geleitet,
der wird fortgehen heut allein.
§111. Er, den zuvor die ganzen Heere
gleich blühnden Kanikara-Wäldern
bei seinem Gehen stets geleitet,
der wird fortgehen heut allein.
§112. In scharlachroter Farbe glänzend,
mit gelben Kleidern aus Gandhara [42]
begleiteten sie ihn beim Gehen;
heut wird er fortgehn ganz allein.
§113. Der früher ritt den Elefanten,
der in der Sänfte fuhr, im Wagen,
wie kann König Vessantara
zu Fuße heute vorwärtskommen?
§114. Wie kann er, der besprengt mit Sandel,
der Tanz und Lieder sonst erregte,
das raue Fell, dazu die Axt,
das Bündel und die Stange tragen?
§115. Warum bringt man ihm nicht herbei
gelbe Gewänder, Ziegenfelle?
Wenn in den großen Wald er zieht,
was bindet man nicht Bast zusammen?
§116. Wie tragen sie wohl Bastgewänder,
die aus dem Reich verbannten Leute?
Wie wird das Kleid, aus Gras gemacht,
Maddi um ihren Körper legen?
§117. Nachdem sie trug Kasi-Gewänder [42a]
und Linnen aus Kodumbara [43],
wie wird es da wohl Maddi machen,
wenn sie Graskleider tragen muss?
§118. Die früher nur mit Pferden fuhr,
in einer Sänfte, in dem Wagen,
wie soll sie mit den schönen Gliedern
den Weg zu Fuße heute machen?
§119. Sie, deren Hände sind so weich,
die immer nur im Glück gewandelt,
wie soll sie mit den schönen Gliedern
gehn in den Wald, die Furchtsame?
§120. Sie, deren Füße sind so weich,
die immer nur im Glück gewandelt,
die sonst auf goldene Sandalen
gestützt einherzugehen pflegte,
wie soll sie mit den schönen Gliedern
den Weg zu Fuße heute machen?
§121. Die sonst umringt mit einer Kette
von tausend Frauen pflegt' zu gehn,
wie soll sie mit den schönen Gliedern
gehn in den Wald, die Furchtsame?
§122. Die, wenn sie sonst den Schakal hörte,
sonst augenblicklich war erschreckt,
wie soll sie mit den schönen Gliedern
gehn in den Wald, die Furchtsame?
§123. Sie, die aus Indras Stamm entsprossen [44],
und die, wenn eine Eule schrie,
beim Hören dieses Rufs sich fürchtet'
und zitterte wie Varuni [45],
wie soll sie mit den schönen Gliedern
gehn in den Wald, die Furchtsame?
§124. Wie 's Vogelweibchen, dem die Jungen [46]
geraubt sind, wenn es leer sein Nest sieht,
werd ich mich lang in Leid verzehren,
wenn in die leere Stadt ich komme.
§125. Wie 's Vogelweibchen, dem die Jungen
geraubt sind, wenn es leer sein Nest sieht,
werde ich gelb und mager werden,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§126. Wie 's Vogelweibchen, dem die Jungen
geraubt sind, wenn es leer das Nest sieht,
werd überallhin ich entlaufen,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§127. Wie das Seeadlerweibchen, wenn ihm
geraubt die Jungen, leer das Nest sieht,
werd ich mich lang in Leid verzehren,
wenn in die leere Stadt ich komme.
§128. Wie das Seeadlerweibchen, wenn ihm
geraubt die Jungen, leer das Nest sieht,
werde ich gelb und mager werden,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§129. Wie das Seeadlerweibchen, wenn ihm
geraubt die Jungen, leer das Nest sieht,
werd überallhin ich entlaufen,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§130. So wie des wilden Schwanes Weibchen
im Teiche, der von Wasser leer,
werd ich mich lang in Leid verzehren,
wenn in die leere Stadt ich komme.
§131. So wie des wilden Schwanes Weibchen
im Teiche, der von Wasser leer,
werde ich gelb und mager werden,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§132. So wie des wilden Schwanes Weibchen
im Teiche, der vom Wasser leer,
werd überallhin ich entlaufen,
wenn ich nicht seh die lieben Kinder.
§133. Wenn du trotz dieser meiner Klagen
den unschuldigen Königssohn
treibst in den Wald aus deinem Reiche,
Um dies zu erklären, sprach der Meister [47]:
§134. Als sie das Jammern dieser hörten,
streckten im Harem all die vielen
die Arme aus und weinten laut,
die Sivi-Mädchen, die versammelt.
§135. Wie Sala-Bäume, die zerschmettert [48],
die von dem Wind herabgestürzt,
lagen die Kinder und die Frauen
in dem Palast Vessantaras.
§136. Als dann die Nacht zu Ende war
und als die Sonne sich erhob,
da kam König Vessantara
herbei, um Almosen zu spenden:
§137. „Kleider gebt dem, der Kleider will,
Branntwein verschenket an die Trinker,
gebt Speise denen, die sie brauchen,
spendet und gebet vollständig.
§138. Verweigert auch den Bettelleuten
gar nichts, die hierher sind gekommen;
befriedigt sie mit Trank und Speise,
sie sollen gehn, wieder geehrt.“
§139. Zusammenstürzten da berauscht
und müde diese Bettelleute,
als nun auszog der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer.
§140. Da fällten sie fürwahr den Baum,
der mannigfache Früchte trug,
wie sie aus seinem Reich vertrieben
den schuldlosen Vessantara.
§141. Da fällten sie fürwahr den Baum,
der aller Wünsche konnt erfüllen,
wie sie aus seinem Reich vertrieben
den schuldlosen Vessantara.
§142. Da fällten sie fürwahr den Baum,
der allen Lust gab, Wohlgeschmack,
als sie aus seinem Reich vertrieben
den schuldlosen Vessantara.
§143. Die Alten da und auch die Jungen
und die, die von mittlerem Alter,
streckten die Arme aus und weinten,
als nun fortzog der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer.
§144. Die Wahrsager und die Eunuchen,
die fürstlichen Haremsbewohner
streckten die Arme aus und weinten,
als nun fortzog der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer.
§145. Die Weiber auch, sie weinten da,
die sich in dieser Stadt aufhielten,
als nun fortzog der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer.
§146. Die dort Brahmanen und Asketen
und auch sonstige Bettler waren,
streckten die Arme aus und weinten:
„Unrecht fürwahr ist dieses doch,
§147. wie jetzt Vessantara, der König,
weil er in eigner Stadt gespendet,
um eines Worts der Sivis willen
aus seinem Reiche wird vertrieben.
§148. Weil siebenhundert Elefanten [49]
er gab, geziert mit allem Schmuck,
die Tiere mit den goldnen Leibern,
die Kopfschmuck tragen auch von Gold,
§149. welche bestiegen sind von Wärtern
mit Speer und Haken in der Hand,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§150. Weil siebenhundert Rosse er
hergab, geziert mit allem Schmuck,
die edel sind von Abstammung,
die Sindhu-Rosse windesschnell,
§151. welche bestiegen sind von Kriegern
mit Speer und Bogen in der Hand,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§152. Weil er gab siebenhundert Wagen
gepanzert, ausgespannt die Fahnen,
mit Panter- und mit Tigerfellen,
mit allem Zierrat reich geschmückt,
§153. welche bestiegen sind von Kriegern,
gerüstet, Bogen in den Händen,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§154. Weil er gab siebenhundert Frauen,
jede auf einem Wagen stehend,
gegürtet rings mit Goldesstrahlen
und reich geschmückt mit hellem Gold,
§155. mit gelbem Schmuck und gelben Kleidern,
mit gelbem Schmuckgehäng geziert,
mit großen Augen, lieblich lächelnd,
mit schönen Hüften, schlanker Taille,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§156. Weil er gab siebenhundert Kühe,
die alle tragen Silberschmuck [50],
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§157. Weil er gab siebenhundert Mägde
und siebenhundert Sklaven auch,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.
§158. Weil Elefanten, Rosse, Wagen
er gab und reichgeschmückte Frauen,
drum wird Vessantara der König
aus seinem eignen Reich vertrieben.“
§159. Damals geschah, was furchtbar war,
worüber sich die Haare sträubten;
da er die große Spende gab,
erzitterte zugleich die Erde.
§160. Damals geschah, was furchtbar war,
worüber sich die Haare sträubten:
der König, faltend seine Hände,
ward aus dem eignen Reich vertrieben [51].
Es meldeten aber die Gottheiten in ganz Indien den Königen: „Der König Vessantara spendet Töchter von Edlen und andere große Gaben.“ Darum kamen die Edlen durch göttliche Macht auf dem Wagen herbei, nahmen die Töchter der Edlen u. dgl. als Geschenk von ihm und entfernten sich damit. So nahmen die Edlen, die Brahmanen, die Vessas, die Suddas [52] und andere von ihm Geschenke und entfernten sich damit.
Während er aber so Gaben spendete, wurde es Abend. Da kehrte er in seine Wohnung zurück, und indem er dachte: „Ich werde meinen Eltern meine Verehrung bezeigen und dann morgen gehen“, begab er sich auf einem reich geschmückten Wagen nach dem Palaste seiner Eltern. Die Fürstin Maddi aber dachte: „Auch ich will mit ihm gehen und mich von seinen Eltern verabschieden“, und ging mit ihm. Nachdem aber das große Wesen seinen Vater begrüßt hatte, erzählte es den Grund seines Gehens.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [53]:
§161. Er sprach zu König Sanjaya,
dem besten der gerechten Fürsten:
„Du stoßest mich hinaus, o König;
ich gehe nach dem Vamka-Berg.
§162. Wer immer hier gelebt, o König,
und die noch später leben werden,
die kommen all in Yamas Reich,
von ihren Lüsten unbefriedigt.
§163. Den eignen Leuten ward ich lästig,
weil ich in meiner Stadt gespendet;
um eines Worts der Sivis willen
werd ich aus meinem Reich vertrieben.
§164. Das Leiden jetzt ich üben will
im Wald, der voll von wilden Tieren,
bewohnt von Nashörnern und Pantern.
Die guten Werke tue ich;
bleibt Ihr im Schmutz der Sünde haften!“
Nachdem so das große Wesen in diesen vier Strophen mit seinem Vater gesprochen hatte, ging es zu seiner Mutter hin und sprach, um ihre Erlaubnis zur Weltflucht zu erhalten:
§165. „Erlaube es mir, liebe Mutter,
das Weltverlassen mir gefällt.
Den eignen Leuten ward ich lästig,
weil ich in meiner Stadt gespendet;
um eines Worts der Sivis willen
werd ich aus meinem Reich vertrieben.
§166. Das Leiden jetzt ich üben will
im Wald, der voll von wilden Tieren,
bewohnt von Nashörnern und Pantern.
Die guten Werke tue ich;
bleibt Ihr im Schmutz der Sünde haften!“
Als dies Phusati hörte, sprach sie:
§167. „Ich will es dir erlauben, Sohn,
die Weltflucht mögest du vollenden.
Doch diese schöne Maddi hier
mit schönen Hüften, schlanker Taille,
soll hier mit ihren Kindern bleiben;
was soll sie denn im Walde tun?“
Vessantara erwiderte:
Wenn sie es wünscht, soll sie mir folgen;
wenn sie es nicht wünscht, soll sie bleiben.“
Als dann der König seines Sohnes Wort vernahm, begann er sie zu bitten.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [54]:
§169. Darauf begann der große König
zu bitten seine Schwiegertochter:
„Du, die mit Sandelstaub besprengt,
§170. Nachdem du Kasi-Kleider trugest,
trage jetzt nicht ein Bastgewand!
Leidvoll ist 's Wohnen in dem Walde;
gehe nicht hin, durch Schönheit glänzend!“
§171. Zu ihm sprach drauf die Königstochter
Maddi, herrlich am ganzen Körper:
„Ich möchte mir ein Glück nicht wünschen,
dass ich fern von Vessantara.“
§172. Ihr antwortet' der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer:
„Wohlan, Maddi, so höre jetzt,
was in dem Walde schwer erträglich.
§173. Viel Würmer und Insekten gibt es,
auch Stechfliegen und Honigmücken;
die könnten leicht dich dort verletzen,
das wär für dich ein großes Leid.
§174. Noch andre Qualen lass dir zeigen
für die, die nah am Strome wohnen:
Boa constrictor gibt es dort,
zwar ohne Gift, doch groß von Kraft.
§175. Den Menschen oder auch das Tier,
das nahe ihrem Lager kommt,
umschlingen sie mit ihren Ringen
und bringen es in ihre Macht.
§176. Noch andre böse Tiere gibt es,
die Bären, schwarz und voll von Flechten;
wenn einen Mann sie sehn, entkommt er
nicht, auch wenn auf den Baum er steigt.
§177. Auch Büffel wandeln dort umher,
die fest mit ihren Hörnern stoßen
mit scharfen Spitzen, schwer verwundend,
dort um den Fluss Sotumbara.
§178. Wenn du die Herden siehst der Widder,
der Rinder, die im Walde streifen,
wie eine Kuh, die nach dem Kalbe
verlangt, was wirst du, Maddi, tun?
§179. Wenn du dort siehst die wilden Affen,
die auf der Bäume Krone fliegen,
wirst du, weil du nicht kennst die Gegend,
in große Furcht, Maddi, geraten.
§180. Du, die beim Hören des Schakales
sogleich in Schrecken früher kamest,
was wirst du da, o Maddi, tun,
wenn du zum Berge Vamka kommst?
§181. Mit Ausnahme der Mittagszeit,
wo alle Vögel sind in Ruhe,
ertönet laut der große Wald;
warum willst du denn dorthin gehen?“
Zu ihm sprach drauf die Königstochter
§182. Maddi, glänzend am ganzen Körper:
„Die Dinge, die du mir da nennst,
die in dem Walde Furcht erregen,
die werd ich alle auf mich nehmen;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§183. Kasa, Kusa, Potakila [55],
Usira, Mufija, Binsengras
werde ich mit der Brust zerteilen;
dadurch werd ich nicht unglücklich.
§184. Fürwahr durch viele Tätigkeiten
gewinnt das Mädchen sich den Gatten:
durch das Zurückhalten des Leibes,
durch das Umwickeln auch mit Kuhmist,
§185. durch sorgsames Pflegen des Feuers,
durch das Abreiben auch mit Wasser.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§186. Es ist ihr nicht einmal gestattet
das Weggeworfne zu verzehren;
wer an der Hand sie fasst, der zieht
herum sie wider ihren Willen.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§187. Er packt am Haar sie, hebt sie auf,
stößt auf der Erde sie umher;
wenn er so tat, bleibt er noch stehn,
ein großes, kein geringes Leid!
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§188. Die Witwensöhne hell von Farbe,
die sich für glücklich halten, zieht
umher man wider ihren Willen [56],
so wie die Krähen ziehn die Eule.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§189. Auch wenn im Hause der Verwandten
sie wohnt, das hell von Silber strahlt,
empfängt nur böse Worte sie
von Brüdern oder auch von Freunden.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesfürst.
§190. Nackt ist ein Fluss, der ohne Wasser,
nackt ist ein Reich, das ohne König,
nackt ist ein Weib auch, das verwitwet,
auch wenn zehn Brüder es besitzt.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§191. Die Flagge ist des Wagens Zeichen,
der Rauch das Kennzeichen des Feuers,
der König ist des Reiches Zeichen,
des Weibes Zeichen ist der Mann.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§192. Die, welche arm dem armen Manne,
die reich dem Reichen Ehre bringt,
ein solches Weib preisen die Götter,
denn etwas Schweres führt sie aus.
§193. Dem Gatten will ich folgen, wenn ich
auch immer gelbe Kleider trage;
der ungeteilten Erde Herrschaft
will ich nicht ohne Vessantara.
Hart in der Welt ist Witwentum;
ich will doch gehn, du Landesherr.
§194. Die Erde selbst, vom Ozeane
begrenzt, die viele Schätze birgt,
von manchen Kostbarkeiten voll,
will ich nicht ohne Vessantara.
§195. Wie könnte deren Herz wohl sein?
Gar hart fürwahr sind jene Frauen,
die, wenn ihr Mann im Unglück lebt,
ein Glück begehren für sich selber.
§196. Wenn fortzieht jetzt der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer,
so werd ich ihn gewiss begleiten;
denn alle Freuden gibt er mir.“
§197. Darauf sagte der große König
zu Maddi, die in Schönheit strahlte:
„Doch diese deine jungen Kinder
Jali, Kanhajina, die beiden
lass hier, Vorzügliche, und geh;
wir wollen sie dann aufziehen.“
§198. Ihm antwortet' die Königstochter
Maddi, in voller Schönheit strahlend:
„Lieb sind mir meine Kinder, Fürst,
Jali, Kanhajina, die beiden;
sie werden uns dort auch erfreuen,
wenn wir im Wald voll Kummer leben.“
§199. Drauf sprach zu ihr der große König,
der Sivi-Leute Reichsvermehrer:
„Nachdem sie hier nur Reisbrei aßen,
feinen, mit Fleischsaft überträufelt,
wie werden da die jungen Kinder
der Bäume Früchte essen können?
§200. Nachdem von hundertschicht'gem Silber,
von Gold verziert mit hundert Strichen
sie aßen, werden da die Kinder
aus Baumesblättern essen können?
§201. Nachdem sie Kasi-Kleider trugen
und Linnen aus Kodumbara,
wie werden da die jungen Kinder
Rindengewänder tragen können?
§202. Nachdem sie sonst mit Tieren fuhren,
in Sänften oder auf dem Wagen,
wie werden da die jungen Kinder
zu Fuße immer laufen können?
§203. Nachdem sie in Palästen schliefen,
wo alle Riegel fest verschlossen,
wie werden da die jungen Kinder
am Fuß der Bäume schlafen können?
§204. Nachdem sie sonst auf
Polstern schliefen,
auf Wollenkissen bunt geziert,
wie werden da die jungen Kinder
auf dem Graspolster schlafen können?
§205. Nachdem sie sich mit Wohlgerüchen
besprengten und mit Sandelpulver,
wie werden da die jungen Kinder
am Körper Staub und Schmutz jetzt tragen?
§206. Da mit Yakwedeln, Pfauenfedern
sie sich gefächelt, als sie glücklich,
was werden da die Kinder machen,
wenn Bremsen sie und Mücken stechen?“
Während sie aber so zusammen redeten, verging die Nacht; und als die Nacht vergangen war, ging die Sonne auf. Man brachte für das große Wesen einen mit vier Sindhu-Rossen bespannten, reich geschmückten Wagen herbei und stellte ihn am Tore des Königspalastes auf. Nachdem Maddi ihre Schwiegereltern ehrerbietig begrüßt und sich von den übrigen Frauen verabschiedet hatte, blickte sie nicht mehr um, sondern ging mit ihren zwei Kindern vor Vessantara und stellte sich auf den Wagen.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [57]:
§207. Zu jenem sprach die Königstochter
Maddi, in voller Schönheit strahlend:
„Brich nicht in Klagen aus, o Fürst,
ergib dich nicht der Traurigkeit;
so wie wir zwei das Leben führen,
so werden auch die Kinder sein.“
§208. Nach diesen Worten sich entfernte
Maddi, in voller Schönheit strahlend;
die Sivi-Straße sie verfolgte,
die Herrliche, mit ihren Kindern.
§209. Nachdem Vessantara der König
Gaben gespendet hatt, der Edle,
grüßt er ehrfürchtig seine Eltern,
umwandelte sie dann von rechts
§210. und drauf bestieg er seinen Wagen,
das rasche Kriegesviergespann;
mit Weib und Kindern fuhr er nun
fort nach dem Berge Vamka hin.
§211. Darauf König Vessantara,
dort wo viel Volk versammelt war,
zu ihnen sprach: „Wir gehen jetzt;
mögen gesund sein die Verwandten.“
Nachdem das große Wesen so die Volksmenge angeredet hatte, gab es ihnen noch die Ermahnung: „Tut ohne Unterlass gute Werke wie Almosen Geben u. dgl.“ Als es aber fortging, dachte die Mutter des Bodhisattva: „Mein Sohn, der so sehr das Almosen Spenden liebt, soll Almosen spenden!“ Daher schickte sie Wagen mit Schmucksachen, die mit den sieben Arten der Kostbarkeiten gefüllt waren, auf beiden Seiten mit. Jener löste das Bündel Schmucksachen los, das er selbst am Körper trug, gewährte den Bittenden, die ihm begegneten, achtzehn Wünsche und gab den ganzen Rest her.
Als er nun die Stadt verlassen, wollte er sich umdrehen und zurückschauen. Wegen dieses seines Wunsches aber barst die Erde auf einem Raume, der so groß war wie der Wagen, drehte sich um und machte den Wagen nach der Stadt hin gewendet. Er betrachtete darauf den Wohnort seiner Eltern; aus diesem Grunde geschah wieder ein Erzittern der Erde u. dgl. Darum heißt es:
§212. Nachdem er aus der Stadt gezogen,
wandt er sich um, die Stadt zu schauen.
Doch da erzitterte die Erde
mit dem Sineru, Wäldern, Bäumen [58].
Nachdem er aber selbst hingeschaut hatte, sprach er, um auch Maddi zum Zurückschauen zu veranlassen, folgende Strophe:
§213. „Sieh hierher, Maddi, und gib Acht,
ein schöner Anblick beut [58a] sich dir:
der Aufenthalt des Sivi-Fürsten,
das väterliche Haus von mir.“
Darauf sah das große Wesen die mit ihm geborenen sechzigtausend Hofleute wie auch die übrige Volksmenge an und veranlasste sie zur Umkehr. Während es den Wagen vorwärts fahren ließ, sagte es zu Maddi: „Liebe, gib Acht, ob hinterdrein Bettler kommen.“ Sie setzte sich nieder und schaute. — Es waren aber vier Brahmanen, die seine aus den siebenhundert Teilen bestehende Spende nicht mehr hatten erreichen können, nach der Stadt gekommen und hatten gefragt: „Wo ist der König?“ Als sie die Antwort erhielten: „Nachdem er Almosen gespendet hat, ist er fortgezogen“, fragten sie weiter: „Hat er irgend etwas mitgenommen?“ Als sie hörten: „Er ist auf dem Wagen fortgezogen“, dachten sie: „Um die Rosse wollen wir ihn bitten“, und folgten ihm nach. Als nun Maddi sie kommen sah, meldete sie ihm: „Bettler, o Fürst!“ Das große Wesen ließ den Wagen halten. Sie kamen heran und baten es; darauf schenkte das große Wesen ihnen die vier Pferde.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§214. „Ihm näherten sich die Brahmanen,
sie baten ihn um seine Rosse;
auf diese Bitte spendet' er
den vieren die vier edlen Pferde.“
Als aber die Rosse hergeschenkt waren, blieb das Joch des Wagens gewissermaßen in der Luft. Sobald sich nun die Brahmanen entfernt hatten, kamen vier Göttersöhne, wie rote Gazellen aussehend, nahmen es auf und gingen fort. Das große Wesen aber merkte, dass es Göttersöhne waren, und sprach folgende Strophe:
§215. „Wohlan, Maddi, vernimm es wohl,
man sieht ihr buntes Äußre nur;
in der Gestalt von roten Rehen
fahren sie mich wie rasche Rosse.“
Während es aber so dahinfuhr, kam ein anderer Brahmane herbei und bat es um seinen Wagen; da ließ das große Wesen seine Frau und seine Kinder herabsteigen und gab jenem den Wagen. Als es aber den Wagen hergeschenkt hatte, verschwanden die Göttersöhne.
Um zu verkünden, wie der Wagen hergeschenkt wurde, sprach der Meister:
§216. Da kam ein fünfter zu ihm hin;
um seinen Wagen bat ihn dieser.
Auf seine Bitte gab er ihn,
nicht war darob sein Herz betrübt.
§217. Darauf König Vessantara
herab ließ steigen seine Leute
und tröstend gab er seinen Wagen
jenem habsüchtigen Brahmanen.
Von da an waren sie alle nur zu Fuße. Da sprach das große Wesen zu Maddi:
§218. „Du, Maddi, nimm Kanhajina,
leicht ist ja diese jüngste Tochter;
ich aber werde Jali nehmen,
denn schwer ist dies ihr Brüderchen.“
Nach diesen Worten aber gingen die beiden voran, indem sie die zwei Kinder an ihrer Brust trugen.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§219. „Der König nahm den Prinzen mit,
die Königstochter die Prinzessin;
so gingen sie voll Eintracht weiter,
einander liebe Worte sagend.“
Ende des Kapitels von dem Almosen Spenden
Wenn sie Leute sahen, die ihnen entgegen kamen, fragten sie: „Wo ist der Vamka-Berg?“ Die Leute sagten: „Weit!“ Darum heißt es:
§220. „Wenn irgendwelche Leute kamen
ihnen entgegen auf dem Wege,
dann fragten wir sie nach dem Weg:
Wo ist da wohl der Vamka-Berg?
§221. Wenn jene uns dann so gesehen,
dann jammerten sie mitleidsvoll;
Leidvolles meldeten sie uns:
Weit ist entfernt der Vamka-Berg.“
Als nun die Kinder zu beiden Seiten des Weges die Bäume sahen, die verschiedenartige Früchte trugen, da weinten sie. Infolge der übernatürlichen Macht des großen Wesens aber neigten sich die Frucht tragenden Bäume herab und kamen herbei, dass man sie mit der Hand berühren konnte. Darauf sammelte es die reifen Früchte und gab sie ihnen. Als dies Maddi sah, verkündete sie das Wunder. Darum heißt es:
§222. Wenn nun im Wald die Kinder sahen
die Bäume, welche Früchte trugen,
um dieser Früchte willen fingen
die Kinder da zu weinen an.
§223. Als sie die Kinder weinen sahen,
neigten die Bäume kummervoll
in großer Menge selbst sich nieder
und kamen zu den Kindern hin.
§224. Als Maddi dieses Wunder sah,
das haarsträubende, nie gewesne,
da gab sie ihren Beifall kund,
sie, die in voller Schönheit strahlte:
§225. „Ein Wunder fürwahr in der Welt,
ein haarsträubendes, nie gewesnes!
Durch des Vessantara Gewalt
die Bäume neigen sich von selbst!“ —
Von der Stadt Jetuttara ist der Berg Suvannagiritala fünf Yojanas entfernt, von dort ist der Fluss Kontimara fünf Yojanas entfernt, von dort der Berg Aranjaragiri fünf Yojanas, von dort das Brahmanendorf Dunivittha fünf Yojanas und von dort die Stadt ihres Oheims zehn Yojanas. So beträgt der Weg von der Stadt Jetuttara dreißig Yojanas [59]. Die Götter aber verkürzten den Weg; in einem einzigen Tage gelangten sie in die Stadt ihres Oheims. Darum heißt es:
§226. „Den Weg die Halbgötter verkürzten
aus Mitleid mit den kleinen Kindern;
noch an dem Tag der Abreise
sie kamen in das Ceta-Reich.“
Auf ihrer Reise aber waren sie von der Stadt Jetuttara zur Zeit des Frühmahles fortgezogen und gelangten zur Abendzeit im Reiche Ceta nach der Stadt ihres Oheims.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§227. „Nachdem sie lange Zeit gegangen,
kamen sie in das Ceta-Reich,
das mächtige, blühende Land,
an Fleisch, Branntwein und Reisbrei reich.“
Damals wohnten in der Stadt ihres Oheims sechzigtausend Edle. Das große Wesen ging nicht in die Stadt hinein, sondern setzte sich in eine Halle am Stadttor. Nachdem nun Maddi an den Füßen des großen Wesens den Staub abgewischt und seine Füße abgerieben hatte, dachte sie: „Ich will die Ankunft des Vessantara bekannt machen.“ Sie ging aus der Halle heraus und blieb im Bereich seines Blickes stehen. Als aber die Frauen, die dort in die Stadt hineingingen oder die Stadt verließen, sie sahen, umringten sie sie.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§228. Die Ceta-Frauen sie umringten,
als sie die Schöne sah'n gekommen:
„Gar zart fürwahr die Edle ist,
die da zu Fuße läuft umher.
§229. Auf Wagen pflegen sonst zu fahren
die Edlen und in einer Sänfte;
und heute muss Maddi im Walde
umher als Fußgängerin laufen.“
Als die Volksmenge Maddi und Vessantara und ihre Kinder in Not gekommen sah, ging sie hin und meldete es dem Könige. Da kamen die sechzigtausend Edlen weinend und klagend zu ihm hin.
Um dies zu verkünden, sprach der Meister:
§230. Als dies der Cetas Häupter sahen,
sie kamen weinend zu ihm hin:
„Geht es dir denn auch gut, o Fürst,
und bist du denn gesund, o Fürst?
Ist denn dein Vater auch gesund
und geht es gut dem Sivi-Volk?
§231. Wo ist dein Heer, du großer König,
wo ist dein königlicher Wagen?
Denn ohne Rosse, ohne Wagen
bist du den weiten Weg gekommen.
Bist von den Feinden du bezwungen
in diese Gegend hergekommen?“
Um diesen Königen den Grund seiner Ankunft mitzuteilen, sprach nun das große Wesen:
§232. „Gut geht es immer mir, mein Lieber,
und auch gesund bin ich, mein Freund.
Gesund ist auch der Vater mein
und auch den Sivis geht es wohl.
§233. Doch ich gab meinen Elefanten,
den hohen mit den Deichselzähnen,
der stets im Kampf kannt das Gelände,
das schönste Tier, ganz weiß von Farbe,
§234. mit gelben Tüchern ganz bedeckt,
den wilden, der zertrat die Feinde,
mit seinen Hauern, mit dem Wedel,
dem weißen, dem Kelasa gleich,
§235. mitsamt dem Sonnenschirm und Schmuck,
mit seinem Arzt und seinen Hütern,
das schönste Reittier für den König
verschenkte ich an die Brahmanen [60].
§236. Darüber zürnten mir die Sivis,
mein Vater auch war aufgebracht.
Verstoßen hat mich drum der König,
ich gehe nach dem Vamka-Berg.
Sucht, Freunde, darum einen Ort,
wo wir im Walde wohnen werden.“
Die Könige antworteten:
§237. „Willkommen seist du, großer König,
nicht unwillkommen bist du uns.
Als Herr bist du hierher gekommen;
alles, was hier ist, wünsche dir.
§238. Gemüse, Lotos, Honig, Fleisch
und reinen Brei von Reiskörnern
genieße jetzt, du großer König;
passend für uns bist du gekommen.“
Vessantara erwiderte:
§239. „Ich nehme an, was ihr mir gebt,
von allem bietet ihr mir an.
Doch hat verstoßen mich mein Vater;
Sucht, Freunde, darum einen Ort,
wo wir im Walde wohnen werden.“
Die Könige antworteten:
§240. „Hier bleibe nur einstweilen wohnen
im Reiche Ceta, Landesfürst,
so lange bis die Cetas gehen
um bei dem Könige zu bitten,
um den Großkönig zu versöhnen,
des Sivi-Landes Reichsvermehrer.
§241. Ihm werden dann die Cetas folgen
froh, weil sie ihren Zweck erreicht.
Sie werden kommen, ihn umgebend;
erkenne dieses, edler Fürst.“
Das große Wesen versetzte:
§242. „Nicht soll gefallen euch zu gehen
zum König hin um ihn zu bitten,
um den Großkönig zu versöhnen;
der König ist ja dort nicht Herr.
§243. Die Sivis sind ja allzu mächtig,
die Schlossbewohner und die Städter;
sie möchten auch den König selbst
vertreiben nur um meinetwillen.“
Die Könige erwiderten:
§244. „Wenn es sich dortselbst so verhält
in deinem Reiche, Reichsvermehrer,
so führe doch die Herrschaft hier,
geehret von dem Ceta-Volke.
§245. Mächtig und blühend ist dies Reich,
wohlhabend ist das Land und groß;
drum fasse den Entschluss, o Fürst,
das Königreich hier zu beherrschen.“
Vessantara antwortete:
§246. „Ich fasse den Entschluss nicht gern,
das Königreich hier zu beherrschen,
wo ich vom Reich vertrieben bin;
ihr Ceta-Söhne, höret mich.
§247. Die Sivis wären unzufrieden,
die Schlossbewohner und die Städter,
weil ich aus ihrem Reich vertrieben,
wenn Cetas mich zum König weihten.
§248. Uneinigkeit gäb es bei euch
unendliche um meinetwillen,
dazu Zerwürfnis mit den Sivis;
und nicht gefällt mir Streitigkeit.
§249. Und fürchterlich wär dieser Streit,
ein schrecklicher Zusammenstoß;
um meinetwillen ganz allein
würden verletzt gar viele Leute.
§250. Ich nehme an, was ihr mir gebt;
von allem bietet ihr mir an.
Doch hat verstoßen mich mein Vater;
ich gehe nach dem Vamka-Berg.
Sucht, Freunde, darum einen Ort,
wo wir im Walde wohnen werden.“
So begehrte das große Wesen, obwohl es auf mancherlei Art darum gebeten wurde, nicht nach der Königsherrschaft; es wünschte auch nicht in die Stadt hineinzugehen. Da schmückten sie die Halle, richteten, indem sie es mit einem Zelte umgaben, ein großes Lager her und stellten sich alle zur Wache herum. — Nachdem Vessantara den einen Tag und die eine Nacht dort verbracht und unter ihrer Bewachung in der Halle gewohnt hatte, verzehrte er am nächsten Tage in der Frühe ein Mahl von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack und ging dann umgeben von den Königen aus der Halle hinaus. Sechzigtausend Edle legten mit ihm den Weg von fünfzehn Yojanas zurück; am Rande des Waldes blieben sie stehen, und um ihm den weiteren Weg von fünfzehn Yojanas zu schildern, sprachen sie:
§251. „Wahrheitsgemäß wir wollen dir
verkünden, wie dort glücklich leben
friedlich die königlichen Weisen
einträchtig bei dem Feueropfer.
§252. Hier dieser Fels, du großer König,
der Berg heißt Gandhamadana,
wo du mit deinen beiden Kindern
und deiner Gattin ruhen wirst.“
§253. Dies lehrten ihn die Cetas, tränen-
erfüllt das Auge, heftig weinend:
„Geh von hier weiter, großer König,
gerad nach Norden hingewendet.
§254. Dort wirst du sehen, Heil sei dir,
den Berg mit Namen Vipula,
bedeckt mit mannigfachen Bäumen,
mit kühlem Schatten, herzerquickend.
§255. Wenn du ihn überschritten hast,
dann wirst du dort ein Wasser sehen,
den Fluss Ketumati genannt,
tief, aus der Bergeshöhle kommend,
§256. belebt von vielen schupp'gen Fischen,
mit guten Furten, reich an Wasser.
Dort wasche dich und trinke Wasser,
erquicke dich mit deinen Kindern.
§257. Dann wirst du sehen, Heil sei dir,
einen Nigrodha süß von Früchten,
mit lieblichem Wipfel versehen,
mit kühlem Schatten, herzerquickend.
§258. Dann wirst du sehen, Heil sei dir,
den Berg mit Namen Nalika
voll mannigfacher Vogelscharen,
den Felsen, der belebt von Feen.
§259. Von diesem nach Nordosten liegt
ein See mit Namen Mucalinda,
bedeckt mit weißen Lotosblumen,
mit weißen Wasserlilien auch.
§260. In diesen Wald, der Wolken gleicht,
der dicht bedeckt mit grünem Gras,
dem Löwen gleich, der Beute sieht,
gehe hinein in diesen Wald,
bedeckt mit Bäumen voll von Blüten
und von Fruchtbäumen beiderseits.
§261. Dort gibt es viele schöne Vögel,
in Scharen fliegend [61], bunt von Farbe,
sie stoßen ihre Schreie aus
am Baum, der blüht zu seiner Zeit.
§262. Wenn du dann an die Quelle kommst
der Flüsse, die dem Berg entspringen,
so siehst du einen Lotosteich
voll Karanjas und Kakudhas [62],
§263. erfüllt von vielen schupp'gen Fischen,
mit guten Furten, reich an Wasser,
gleich und viereckig, angenehm
und ohne widrigen Geruch.
§264. Vor diesem Teiche im Nordosten
erbaue dir die Blätterhütte;
wenn du die Laubhütte errichtet,
dann strengt euch an mit Nahrung Suchen.“
Nachdem ihm die Könige so den weiteren Weg von fünfzehn Meilen geschildert, entließen sie ihn. Um aber Vessantara die Furcht vor einer Gefahr zu nehmen, dachten sie: „Kein Feind soll hier Gelegenheit finden“, und stellten darum einen geschickten, wohl unterrichteten jungen Ceta zur Wache am Eingang des Waldes auf, indem sie ihm den Auftrag gaben: „Beobachte du die Gehenden sowohl wie die Kommenden.“ Darauf kehrten sie in ihre Stadt zurück.
Vessantara aber ging mit Frau und Kindern nach dem Gandhamadana und verbrachte dort die Nacht. Dann ging er nach Norden gewendet auf dem Wege nach dem Vipula-Berge, setzte sich am Ufer des Flusses Ketumati nieder und verzehrte das süße Fleisch, das ihm ein Jäger gegeben hatte; dafür schenkte er ihm eine goldene Nadel. Nachdem er gebadet und getrunken, ging er beruhigt vom Leid über den Fluss, setzte sich am Fuße des Nigrodha-Baumes, der auf dem Gipfel des Tafelberges stand, ein wenig nieder und verzehrte Nigrodha-Früchte. Dann erhob er sich von seinem Sitze und gelangte an den Berg Nalika. Während er sich von da aus weiter bewegte, kam er am Ufer des Mucalinda-Sees an die Nordostecke und ging auf einem Fußpfade in den Urwald hinein; diesen durchschritt er und kam an den schwer zugänglichen Quellen der Bergströme vorbei nach jenem viereckigen Lotosteiche.
In diesem Augenblicke dachte gerade der Götterkönig Sakka nach und bemerkte dies. Da dachte er: „Nachdem das große Wesen in den Himalaya eingedrungen ist, muss es eine Wohnung erhalten.“ Er rief Vissakamma zu sich her und sagte zu diesem: „Gehe, mein Lieber, errichte im Innern des Vamka-Berges an einem entzückenden Platze eine Einsiedelei und komme dann wieder!“ Dieser ging dorthin und erbaute zwei Laubhütten, zwei Wandelgänge, Plätze für den Aufenthalt bei Tag und bei Nacht; am Ende des Wandelganges ließ er allenthalben Dickichte von verschiedenartigen Blumen und Bananenhaine wachsen. Auch richtete er alle Ausrüstungsgegenstände für Weltflüchtlinge her und schrieb Buchstaben hin: „Wer immer Lust hat, die Weltflucht zu betätigen, soll sie nehmen.“ Nachdem er dann noch die Dämonen und die Tiere und Vögel mit Furcht erregender Stimme von dort entfernt hatte, kehrte er an seinen Ort zurück [63]. Als nun das große Wesen den Fußpfad sah, dachte es: „Es wird ein Wohnort für Weltflüchtlinge sein“; es ließ Maddi und die beiden Kinder am Eingange der Einsiedelei warten und ging selbst in die Einsiedelei hinein. Da erblickte es die Buchstaben und merkte: „Sakka hat mich gesehen.“ Es öffnete die Türe der Laubhütte, ging hinein, legte Schwert und Bogen beiseite, zog sein Gewand aus und nahm die Büßerkleidung. Mit dem Stabe in der Hand ging es aus der Einsiedelei hinaus, stieg den Wandelgang hinauf und wandelte ein paar Mal auf und ab. Dann ging es mit einer einem Paccekabuddha gleichenden Ruhe zu seiner Frau und seinen Kindern. Maddi fiel dem großen Wesen unter Tränen zu Füßen und betrat zusammen mit ihm die Einsiedelei; sie ging in ihre eigene Laubhütte und nahm die Büßerkleidung. Hierauf machten sie auch ihre Kinder zu jungen Asketen. So wohnten die vier Edlen im Innern des Vamka-Berges. Da äußerte Maddi gegen das große Wesen folgenden Wunsch: „O Fürst, Ihr sollt nicht fortgehen, um Waldfrüchte zu holen, sondern bleibt da mit den Kindern; ich werde die Früchte herbeibringen.“ Von da an holte sie aus dem Walde die Waldfrüchte und ernährte damit die drei Leute. Der Bodhisattva aber äußerte folgenden Wunsch: „Maddi, wir sind doch von jetzt an Weltflüchtlinge; ein Weib aber ist Befleckung beim heiligen Wandel. Komme von jetzt an nicht mehr zur Unzeit zu mir!“ Sie stimmte zu. — Durch die übernatürliche Macht der Liebe des großen Wesens aber empfanden überall im Umkreis von drei Yojanas auch alle Tiere Liebe zu einander.
Die Fürstin Maddi stand in der Frühe auf, stellte Wasser zum Genusse bereit, holte Waschwasser, gab Zahnstocher dazu und fegte die Einsiedelei aus; dann ließ sie ihre beiden Kinder bei deren Vater und ging mit einem Korbe, einer Haue und einem Haken in den Wald. Mit den Wurzeln und Früchten des Waldes füllte sie ihren Korb, kehrte dann am Abend zurück und badete die Kinder, indem sie sagte: „Man soll baden.“ Darauf setzten sich die vier Edlen an die Türe der Laubhütte und verzehrten die Waldfrüchte. Hierauf ging Maddi mit den Königskindern in ihre eigene Laubhütte. Auf diese Weise wohnten sie im Innern des Gebirges sieben Monate.
Ende des Kapitels von dem Eindringen in den Wald
Damals war im Reiche Kalinga ein Brahmane, Jujaka mit Namen, der in dem Brahmanendorf Duni-vittha [64] wohnte. Dieser hatte beim Almosen Sammeln hundert Kahapanas erhalten, diese bei einer Brahmanenfamilie niedergelegt und war dann wieder fortgegangen, um Geld zu sammeln. Als er lange ausblieb, gaben die Angehörigen der Brahmanenfamilie das Geld aus. Als aber der andere wiederkam und sie, von ihm gedrängt, die Summe nicht zurückgeben konnten, gaben sie ihm ihre Tochter mit Namen Amittatapana [65]. Jener ging mit ihr in das Brahmanendorf Dunivittha im Reiche Kalinga und wohnte dort. Amittatapana diente mit Eifer dem Brahmanen. Als nun andere Brahmanen, die noch jung waren, ihr so tugendhaftes Verhalten wahrnahmen, sagten sie: „Diese pflegt sorgsam den alten Brahmanen; warum seid ihr gegen uns so nachlässig?“, und schalten so ihre Gattinnen. Diese dachten: „Wir werden diese Amittatapana aus diesem Dorfe forttreiben“; wenn sie an den Furten des Flusses und an ähnlichen Stellen beisammen waren, zankten sie sie.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [66]:
§265. Es wohnte im Kalinga-Reiche
Jujaka, ein Brahmane, einst;
der hatte eine junge Gattin
namens Amittatapana.
§266. Die Frauen, wenn sie Wasser holten
und darum gingen zu dem Fluss,
die schalten sie, wenn sie zusammen
dort kamen, voller Leidenschaft:
§267. „Feindlich fürwahr war deine Mutter
und feindlich war dein Vater auch [67],
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§268. Unpassendes fürwahr ersannen
deine Verwandten insgeheim,
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§269. Schwer zu Ertragendes ersannen
deine Verwandten insgeheim,
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§270. Fürwahr gar Schlimmes doch ersannen
deine Verwandten insgeheim,
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§271. Gar Hässliches fürwahr ersannen
deine Verwandten insgeheim,
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§272. Hässlich ist dein Zusammenwohnen,
während du selbst so jung noch bist,
dass du bei einem Alten wohnst;
Tod ist da besser als das Leben.
§273. Haben denn nicht für dich, du Schöne,
Vater und Mutter, Glänzende,
gefunden einen andern Gatten,
die dich dem alten Manne gaben,
während du selbst so jung noch bist?
§274. Schlecht war dein Opfer an dem Neunten [68],
übel getan das Feueropfer,
weil sie dem alten Mann dich gaben,
während du selbst so jung noch bist.
§275. Asketen und Brahmanen, welche
vollendet in dem heil'gen Wandel,
hast du wohl in der Welt getadelt,
die tugendhaften, hochgelehrten,
die du bei einem Alten wohnst,
während du selbst so jung noch bist.
§276. Nicht schlimm ist es, wenn beißt die Schlange,
nicht schlimm ist es, wenn trifft der Speer;
doch das ist schlimm und bitterlich,
dass man erblickt den alten Gatten.
§277. Es gibt nicht Schmerz, gibt kein Vergnügen
vereint mit einem alten Gatten,
nicht gibt es hübsche Unterhaltung,
sein Lachen selbst gefällt dir nicht.
§278. Sobald ein Junger und 'ne Junge
zusammen reden insgeheim,
vergehen alle ihre Schmerzen,
die sie in ihrem Herz gefühlt.
§279. Jung bist du und der Schönheit voll,
von Männern auch bist du begehrt.
Geh, bleib in der Verwandten Hause;
wie kann der Alte dich erfreuen?“
Als sie bei diesen so verspottet wurde, kehrte sie mit ihrem Wasserkrug weinend nach Hause zurück. Da der Brahmane sie fragte: „Liebe, was weinst du?“, sprach sie, um es ihm anzuzeigen, folgende Strophe:
§280. „Ich geh nicht mehr für dich, Brahmane,
hin an den Fluss zum Wasserholen.
Die Frauen schelten mich dort aus
ob deines Alters, o Brahmane.“
Jujaka erwiderte:
§281. „Tu keine Arbeit mehr für mich,
bring mir kein Wasser mehr herbei.
Ich selbst werde das Wasser holen;
sei nicht erzürnt darüber, Herrin.“
Die Brahmanin versetzte:
§282. „Nicht bin ich in dem Haus geboren,
dass du mir Wasser holen musst [69].
Erkenne dieses, o Brahmane;
ich werde nicht mehr bei dir bleiben.
§283. Wenn einen Sklaven oder Sklavin
du mir nicht herbringst, o Brahmane,
erkenne dieses, o Brahmane,
dann werd ich nicht mehr bei dir bleiben.“
Jujaka antwortete:
§284. „Ich habe nicht Gelehrsamkeit
noch Korn und Schätze, o Brahmanin.
Woher soll ich den Sklaven oder
die Sklavin herbringen der Herrin?
Ich werde selbst der Herrin dienen;
sei nicht, o Herrin, drob erzürnt!“
Die Brahmanin versetzte:
§285. „Geh hin; ich werde dir verkünden,
was für ein Wort ich hab gehört.
Da wohnt dieser Vessantara,
der König, an dem Vamka-Berge.
§286. Zu ihm geh hin und bitte ihn
um einen Sklaven und 'ne Sklavin;
auf deine Bitte wird dir geben
Sklaven und Sklavin dieser Fürst.“
Jujaka antwortete:
§287. „Alt bin ich, habe keine Kraft,
weit ist der Weg und schwer zu gehen.
Doch klage weiter nicht, o Herrin,
und sei jetzt nicht mehr missvergnügt.
Ich werde selbst der Herrin dienen;
sei nicht, o Herrin, drob erzürnt!“
Die Brahmanin erwiderte:
§288. „Wie einer, der zum Kampfe kommt
und dabei nicht kämpft, wird besiegt,
so ist es auch mit dir, Brahmane;
beim Kommen schon bist du besiegt.
§289. Wenn einen Sklaven oder Sklavin
du mir nicht herbringst, o Brahmane,
erkenne, o Brahmane, dieses,
dann werd ich nicht mehr bei dir bleiben.
Was dir unlieb ist, werd ich tun;
das wird für dich ein Unglück werden.
§290. Beim Mond- und Jahreszeitenwechsel,
wenn du mich dann siehst reich geschmückt,
wie ich mit andern mich erfreue,
wird dies für dich ein Unglück werden.
§291. Wenn dann, weil du mich nicht mehr siehst,
als alter Mann du dich beklagst,
wirst du noch mehr gekrümmt [70], Brahmane,
und mehr werden die weißen Haare.“
Um dies zu erklären, sprach der Meister [71]:
§292. Darauf sprach furchtsam der Brahmane,
der in der Gattin Macht gekommen,
bedrängt von Gier nach Liebeslust
zu seiner Gattin folgendes:
§293. „Bereite mir drum Reisezehrung,
festes Gebäck mit Zuckersaft,
auch gut gemachte Honigklumpen
und Gerstenkuchen, o Brahmanin.
§294. Ich werde dir ein Paar herbringen,
zwei junge Kinder dir als Sklaven;
dich werden diese dann bedienen
bei Tag und Nacht untadelig.“
Sie machte rasch Reisezehrung zurecht und meldete es dann dem Brahmanen. Dieser machte im Hause eine beschädigte Stelle fest, besserte die Türe aus, holte Holz aus dem Walde, brachte Wasser herbei und füllte damit alle Gefäße. Dann zog er sogleich Asketenkleidung an und ermahnte seine Frau: „Liebe, von jetzt an gehe nicht zur Unzeit fort; sei sorgsam bis zu meiner Rückkehr.“ Er stieg in seine Sandalen, hängte den Korb mit der Reisezehrung über seine Schultern, umwandelte Amittatapana von rechts und ging dann mit tränenerfüllten Augen fort.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [72]:
§295. Nachdem dies der Brahmane tat,
zog er sich die Sandalen an;
dann redet' er zu seiner Frau,
umwandelte sie noch von rechts
§296. und fortzog, tränenvoll die Augen,
mit seinem Vorsatz der Brahmane,
zur blühnden Stadt der Sivis wandelnd,
um sich dort Sklaven auszusuchen.
Als er in diese Stadt kam, fragte er das versammelte Volk: „Wo ist Vessantara?“
Um dies zu erklären, sprach der Meister [73]:
§297. Als er dorthin kam, fragte er
die, welche dort versammelt waren:
„Wo ist König Vessantara?
§298. Die Leute ihm antworteten,
die grade dort versammelt waren:
„Von euch belästigt, o Brahmane [74],
ob zu viel Spendens ward der Edle
aus seinem eignen Reich vertrieben;
er wohnt jetzt auf dem Vamka-Berg.
§299. Von euch belästigt, du Brahmane,
der Edle wegen zu viel Spendens
mit seiner Gattin, seinen Kindern
wohnt er jetzt auf dem Vamka-Berg.“
„Nachdem du so unsern König ins Verderben gestürzt hast, bist du jetzt wieder gekommen? Bleibe hier stehen!“, sagten sie und verfolgten den Brahmanen mit Erdschollen und Stöcken in den Händen. Er aber stand unter dem Schutze der Götter und nahm den Weg nach dem Vamka-Berg.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [75]:
§300. Von seiner Gattin angetrieben
der lustbegierige Brahmane
erduldete dies Leid im Walde,
der von Raubtieren war erfüllt,
belebt von Nashörnern und Pantern.
§301. Mit seinem Stab aus Vilva-Holz [76]
und seinem Topf zum Feueropfer
ging in den Urwald er hinein,
wo er den Wünschespender wusste.
§302. Doch als den Urwald er betreten,
umringten ihn daselbst die Wölfe [77];
da sprang [78] weit weg der Elende
und kam gar weit vom Wege ab.
§303. Darauf ging der Brahmane weiter,
der unbezähmte Schätzejäger;
da er den Weg zum Vamka-Berge
verloren, sprach er diese Strophen:
§304. „Den mannbezwingenden Königssohn,
den siegreichen, niemals besiegten,
der Ruhe bringt in den Gefahren,
wer zeigt mir den Vessantara?
§305. Der für die Bittenden war Hilfe
wie für die Wesen diese Erde,
den König, der der Erd vergleichbar,
wer zeigt mir den Vessantara?
§306. Der für die Bittenden war Zuflucht,
wie für die Flüsse ist das Meer,
den König, der der See vergleichbar,
wer zeigt mir den Vessantara?
§307. Den König, der dem Teich vergleichbar,
leicht zugänglich und gut zu trinken,
mit kühlem Wasser, herzerfreuend,
bedeckt mit weißen Lotosblumen,
erfüllt mit Blütenstaub und Fasern,
wer zeigt mir den Vessantara?
§308. Dem Bo-Baum [79], der am Wege wächst,
mit kühlem Schatten, herzerfreuend,
der die Ermatteten beruhigt
und der den Müden Zuflucht gibt,
den diesem Baume gleichen König,
wer zeigt mir den Vessantara?
§309. Dem am Weg wachsenden Nigrodha
mit kühlem Schatten, herzerfreuend,
der die Ermatteten beruhigt
und der den Müden Zuflucht gibt,
den diesem Baume gleichen König,
wer zeigt mir den Vessantara?
§310. Dem Mango, der am Wege wächst,
mit kühlem Schatten, herzerfreuend,
der die Ermatteten beruhigt
und der den Müden Zuflucht gibt,
den diesem Baume gleichen König,
wer zeigt mir den Vessantara?
§311. Dem Sala, der am Wege wächst,
mit kühlem Schatten, herzerfreuend,
der die Ermatteten beruhigt
und der den Müden Zuflucht gibt,
den diesem Baume gleichen König,
wer zeigt mir den Vessantara?
§312. Dem Baume, der am Wege wächst,
mit kühlem Schatten, herzerfreuend,
der die Ermatteten beruhigt
und der den Müden Zuflucht gibt,
den diesem Baume gleichen König,
wer zeigt mir den Vessantara?
§313. Und während ich so klagend lalle,
der in den Urwald ich gedrungen,
wer sagte: ‘Ja, ich kenne ihn’,
der würde meine Freud erregen.
§314. Und wer, während ich hier so klage,
der in den Urwald ich gedrungen,
wer sagte: ‘Ja, ich kenne ihn’,
mit diesem einen Worte würd er
ein großes gutes Werk vollbringen.“
Dessen Klagelaute hörte der zur Wache aufgestellte junge Ceta, der als Wildjäger im Walde umherging. Da dachte er: „Dieser Brahmane jammert wegen des Aufenthaltsortes von Vessantara. Er ist aber nicht in guter Absicht wegen seiner Gerechtigkeit hierher gekommen, sondern er wird um Maddi oder um die Kinder bitten. Sogleich werde ich ihn töten.“ Er ging auf ihn zu, und indem er mit den Worten: „Brahmane, ich werde dir nicht das Leben schenken“, seinen Bogen spannte, jagte er ihm Furcht ein.
Um dies zu erklären, sprach der Meister [80]:
§315. Der Ceta hörte seine Stimme,
der in dem Walde weilt' als Jäger:
„Von euch belästigt, du Brahmane,
ob zu viel Spendens ward der Edle
aus seinem eignen Reich vertrieben
und wohnt jetzt auf dem Vamka-Berg.
§316. Von euch belästigt, du Brahmane,
der Edle wegen zu viel Spendens
mit seiner Gattin, seinen Kindern
wohnt er jetzt er auf dem Vamka-Berg.
§317. Du Bösestuer, Unverständ'ger
bist von dem Land zum Wald gekommen
um nach dem Königssohn zu suchen
wie ein Kranich den Fisch im Wasser.
§318. Darum werde ich dir das Leben
nicht weiter schenken, du Brahmane;
denn dieser Pfeil, den ich auf dich
abschieße, wird dein Blut jetzt trinken.
§319. Das Haupt werde ich dir zerschmettern,
das Herz durchbohren samt den Sehnen;
der Wegegottheit werd ich opfern [81]
mit deinem Fleische, du Brahmane.
§320. Mit deinem Fleisch, mit deinem Fett
und deinem Kopfe, du Brahmane,
werd ich ein Opfer darbringen,
nachdem ich dir das Herz durchbohrt.
§321. Das ist für mich ein gutes Opfer
mit deinem Fleische, du Brahmane;
nicht wirst du von dem Königssohne
die Frau und Kinder mit dir nehmen.“
Als jener dessen Wort vernahm, sprach er, von Todesfurcht erfasst, folgende Unwahrheit:
§322. „Ich bin ein Bote unverletzlich,
du junge